Häusliche Gewalt gegen Männer : Mehr als Schläge

„Du bist ein Schlappschwanz, hau doch zurück!“ Auch das hat ihm seine Frau schon entgegengebrüllt. Doch Udo Brehm erduldet seit Jahren Bisse und Tritte. Sein Arzt warnt: Das nimmt kein gutes Ende.

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Hohe Dunkelziffer. Schätzungsweise eine Million Männer erleiden häusliche Gewalt in Deutschland.
Hohe Dunkelziffer. Schätzungsweise eine Million Männer erleiden häusliche Gewalt in Deutschland.Foto: hikrcn Fotolia

Als ihre Faust ihn zum ersten Mal trifft, denkt er, dass jetzt endlich alles gut werden kann. Er versucht nicht, sein Gesicht zu schützen, schließt die Augen, fünf oder sechs Mal schlägt sie zu, einmal, gegen die Schläfe, tut es richtig weh. „Danach hätte ich sie gerne in den Arm genommen“, erzählt er. Doch genauso plötzlich, wie sie begonnen hat, lässt sie wieder von ihm ab. Sie habe die Balkontür geöffnet, sich den Lehnstuhl in die Sonne gerückt, noch gerufen: Komm gar nicht auf die Idee, dich zu mir zu setzen. Also habe er sich ein Kühlpad aus dem Tiefkühlfach geholt und sich auf das Sofa gelegt.

„Damals war ich fast dankbar für diesen Gefühlsausbruch. Ich hatte gehofft, dass er einen Neubeginn bedeutet“, sagt Udo Brehm. Ein schlanker Mann, aber nicht schmächtig, 66 Jahre alt, keine 1,80 Meter groß, hohe Stirn, graublondes Haar. In Wirklichkeit heißt er anders. Für das Treffen im April hat er einen Backshop im Südwesten Berlins ausgewählt, Herr Brehm mag die Pizzateigtaschen, das Preisleistungsverhältnis stimme, sagt er, und wenn man vor elf komme, sei meistens auch noch einer der weißen Plastiktische draußen frei. Es ist die Zeit, in der seine Frau die Wäsche macht, er losgeht, um Briefe und Überweisungsscheine einzuwerfen, die geschälten Tomaten zu sichern, die bei Edeka im Angebot sind.

Bevor die Gewalt kam, war das Schweigen. Stimmt natürlich so nicht, sagt Udo Brehm. Die Müllers haben wieder ihren Briefkastenschlüssel dagelassen, das Spülmaschinensalz ist alle, Fabian kommt diese Woche nicht, so etwas habe sie ihm schon mitgeteilt. Aber gesagt, wirklich gesagt habe sie ihm eigentlich nichts mehr, bloß mit den nötigsten Worten verwaltet, diesen neuen Alltag, der mehr und mehr sie verwaltet hat. Ansonsten behandelte sie ihn wie Luft. Als sei nicht nur der Junge, sondern mit ihm auch er ausgezogen.

In seinem Portemonnaie trägt Udo Brehm das Foto einer jungen Frau in einem Ruderboot bei sich, den Kopf selbstbewusst in den Nacken geworfen. „Keck, nicht wahr?“ Renate und Udo, das war einmal eine schöne Geschichte. Die beiden lernen sich kennen, da ist er 32, lebt noch bei seiner Mutter, und sie, Renate, 25, hat schon eine kleine Tochter. Meine Mama kann dir eine bessere Frisur machen, sagt die Sechsjährige zu dem Mann, der in der Bäckerei vor ihr ein Mandelhörnchen kauft, und er sagt, für diese Unverfrorenheit spendiere ich diesem Kind ein Mandelhörnchen. Anschließend lässt er sich von ihm in den Friseursalon führen. Dort sagt die blonde Renate: Da hat sie recht, so trägt man das Haar nicht mehr.

Udo wurde dann Renates zweiter Ehemann und Lena ein echter Vater. Im Alter von 12 Jahren bekommt Lena ein Brüderchen, Fabian. Wie glücklich sie waren: Bei Familienurlauben in Westerheever, Partys im Gemeinschaftsgarten hinter dem Haus, beim wöchentlichen Kegeln mit Freunden.

Eine Million Männer sind in Deutschland betroffen

Heute ist Udo Brehm einer von geschätzt einer Million Männern in Deutschland, die regelmäßig häusliche Gewalt erleiden. Jedes fünfte Opfer von Gewalt durch den Intimpartner, heißt es in der polizeilichen Kriminalstatistik, ist ein Mann. Es gibt Frauenrechtlerinnen, die sagen, man solle das nicht überbewerten, darunter seien Frauen, die sich nur wehren, weil sie selber geschlagen werden, manchmal erstatteten Männer auch Gegenanzeigen aus rein taktischen Gründen. Frauen, die von Männern verprügelt werden, tragen meist die deutlich heftigeren Verletzungen davon. Die Zahl erfasst auch Männer, die in homosexuellen Beziehungen leben.

All das ändert nichts daran, dass es Männer wie Udo Brehm gibt.

Wenn er den Ärmel seines rot-blau-karierten Hemdes hochkrempelt, bis kurz vorm Ellenbogen, werden ein halbes Dutzend Narben sichtbar. Manche sind Kratzer, manche Bisswunden, ein paar Schnittwunden. Früher hätte er bei so warmem Wetter kurzärmelige Hemden getragen, sagt er.

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