Henkel-Nachfolgerin Grütters : Berlins CDU sucht ihre Zukunft

Kultur, Kanzleramt und Hauptstadt – das ist das Berlin von Kulturstaatsministerin Monika Grütters. Ihre CDU denkt lieber in Kiezen und Bezirken. Dafür steht Senator Mario Czaja. Beide arbeiten am Neuanfang.

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Im Übergang: Berlins bisheriger CDU-Chef Frank Henkel und die designierte Nachfolgerin Monika Grütters.
Im Übergang: Berlins bisheriger CDU-Chef Frank Henkel und die designierte Nachfolgerin Monika Grütters.Foto: Kay Nietfeld/dpa

Das Amt, das sie da hat, bringt nicht nur einen Bonus mit sich, sondern zwei. Den einen genießt Monika Grütters, auch wenn es kalt und schon spät ist. Es ist der Blick, den man vom achten Stock des Kanzleramtes auf Berlin hat. Zu Grütters’ Büro im obersten Stock des Schultes-Baus gehört eine nicht besonders große, aber exklusive Terrasse. Man sieht von dort den Reichstag und den Spreebogen, das politische Berlin mit den Büroklötzen der Bundestagsabgeordneten, den Potsdamer Platz, adrette Altbau-Zeilen in Mitte.

Monika Grütters, 54 Jahre, Germanistin und Kunsthistorikerin, nutzt den Abend gern zum Redenschreiben und belohnt sich mit diesem Big-City-Blick für die langen Tage. Die bringen den zweiten Bonus ihres Amtes mit. Es sind die Begegnungen mit Menschen aus der Kultur und der Wissenschaft, mit Leuten, die Kunst herstellen und die man nach Berlin holen kann, damit sie das hier tun.

Manchmal gelingen Deutschlands erster Kulturschaffenden ziemliche Coups, der mit Neil MacGregor etwa. Dass der Mann vom British Museum in London, dem vielleicht bekanntesten Museum der Welt, sich als Gründungsintendant um das Humboldt-Forum kümmert, macht Hoffnung für das neue Ausstellungsgebäude am Schlossgelände – man muss nur MacGregors Buch „Eine Geschichte der Welt in 100 Objekten“ lesen.

Das Kanzleramts-Kultur-Berlin ist nicht das einzige Berlin, in dem Grütters unterwegs ist. Da ist auch noch die Berliner Politik, der örtliche Polit-Betrieb, die seltsam unentschiedene Mischung aus Landes-, Kommunal- und Kiezpolitik. Grütters wird in den kommenden Monaten mehr damit zu tun haben. Nach langer Diskussion verständigte sich am Dienstag das CDU-Präsidium darauf, dass sie bis auf weiteres den Landesverband führen soll.

Mit Henkel sondiert Grütters an diesem Mittwoch mit der SPD

Mit Henkel sondiert Grütters an diesem Mittwoch im Roten Rathaus die vagen Möglichkeiten einer Koalition mit der SPD. Derzeit spricht nichts für ein neues Bündnis mit Michael Müller. Die CDU steht vor der Opposition, Henkel wird den Landesvorsitz bald abgeben. Die Frau, die 2017 wieder Berliner CDU-Spitzenkandidatin bei der Bundestagswahl werden will, hat es in der Hand, ihre wenig metropolenhafte Partei auf neue Ideen zu bringen und ihr, vielleicht, neuen Esprit zuzuführen. Allerdings ist Grütters der Job schon mal angeboten worden, nur hat sie vor ein paar Jahren nicht gewollt, hauptamtlich die Clans der Berliner CDU zu einen.

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Diese zweite Aufgabe hat diesmal mit einem Mann zu tun, den seit einem Jahr die ganze Republik kennt, den sie fast alle zum Rücktritt aufforderten, der ihn – in geschlossener Sitzung – sogar angeboten hatte, von dem aber eben auch klar war, dass andere es nicht besser machen würden: Mario Czaja. Eigentlich stand Czaja, Betriebswirt, schon seit 2011 unter Druck, als er Senator für Gesundheit und Soziales wurde.

Denn bald begann der Streit um seinen mutmaßlich rechtsnationalen CDU-Staatssekretär, den die Parteiführung für ihn ausgesucht hatte. Dann kamen die Flüchtlinge und am Landesamt für Gesundheit und Soziales, dem Lageso, saßen im Sommer 2015 Tausende im Dreck. Grütters schätzt Czaja, und er nennt sie die „herausragendste Politikerin der Berliner CDU“.

Der Gewinner des Wahldesasters ist Mario Czaja

Aus dem Wahldesaster der Landes-CDU ist Mario Czaja als Gewinner hervorgegangen, mehr noch: Er ist der erfolgreichste Direktkandidat der ganzen Stadt. Als Abgeordneter vollbringt der Mann aus Mahlsdorf in Marzahn-Hellersdorf, ganz im Osten der Stadt, Ungewöhnliches. Mitten im restsozialistischen Umfeld seines Wahlkreises gewinnt er nicht nur gegen die Linke, sondern nun auch gegen die AfD. Am Sonntag hatte Czaja als einer der ganz wenigen Christdemokraten dazugewonnen: Mehr als 47 Prozent stimmten für den Noch-Gesundheitssenator, für seine Partei im Bezirk 31,6 Prozent. Czaja bekommt also Stimmen von Wählern anderer Parteien – das dürften vor allem Linken-Wähler sein. Einen Tag nach der Wahl sagt er, als könne er es immer noch nicht fassen: „Ja, ist schon beachtlich.“

Czaja weiß – und vielleicht macht auch das ihn sprachlos –, Grütters und er gelten jetzt als die Zukunft der Berliner Union: Grütters als diejenige, die wieder Zuversicht und Ruhe in die Partei bringen kann, Czaja als der, der bewiesen hat, dass er kämpfen und gewinnen kann. Und weil die, die in der CDU heute was zu sagen haben, wissen, wie schwer es ist, neue Leute zu gewinnen, wenn man auf ein paar Jahre Opposition abonniert ist, wollen sie Czaja halten: als Spitzenkandidaten für die nächste Wahl.

CDU unter sich: Eberhard Diepgen (v.l.), Frank Henkel und Monika Grütters.
CDU unter sich: Eberhard Diepgen (v.l.), Frank Henkel und Monika Grütters.Foto: picture alliance / dpa

Dabei, das weiß Czaja eben auch, hat er in der Lageso-Krise nicht so durchgegriffen, wie die Beamten, das Amt und die Stadt es gebraucht hätten.

Nach den Zahlen vom Sonntag erklärte ein Kenner das 17,6-Prozent-Ergebnis auch mit der Vorgestrigkeit seiner Partei. Die Berliner CDU sei, gemessen an der Bevölkerung, unterdurchschnittlich: zu wenig Frauen, zu wenig Junge, zu wenig Migranten, zu wenig Ossis.

Monika Grütters, die Ausnahmefrau, ist Beweis für diese These, seit 2005, als sie erstmals ein Bundestagsmandat gewann. Sie hat es als Frau schwer gehabt, in eine Position zu kommen, in der sie so viel für Berlin tun kann wie wenig andere Politiker der Stadt. Als Grütters, nach zehn Jahren im Abgeordnetenhaus, für den Bundestag auf dem ersten Listenplatz antrat, verdeckte die Berliner CDU bloß, wie sehr sie Männerpartei mit Männerkumpanei-Umgangsformen war. Der erste Listenplatz war das Ergebnis eines Deals. Grütters, die in der Wilmersdorfer CDU zu Hause ist und dort wohnt, war für diesen Deal politisch umgezogen – nach Marzahn-Hellersdorf, aus Sicht der damaligen Frontmänner der Partei bestenfalls Entwicklungsgebiet und in Grütters’ Gefühlswelt sozusagen Diaspora.

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