"Hooligans gegen Salafisten" : Aus der Deckung - Wie sich die Hooliganszene nach Köln organisiert

Nun etwa auch in Berlin? Rassistische Parolen, Angriffe auf die Polizei – Hooligans und Rechtsradikale haben in Köln am Sonntag gemeinsam losgelegt. Doch einig ist die Szene lange nicht.

von , und Johannes Nedo,Sebastian Weiermann
Vollverschleiert. Am Sonntag randalierten rund 5000 "Hooligans gegen Salafisten" in Köln. Am 15 November wollen hunderte Islamgegner ihren Protest in Berlin fortsetzen.
Vollverschleiert. Am Sonntag randalierten rund 5000 "Hooligans gegen Salafisten" in Köln. Am 15 November wollen hunderte...Foto: Reuters/Wolfgang Rattay

Siegfried Borchardt macht sich die Hände nicht schmutzig. Um ihn herum zünden sie am vergangenen Sonntag auf dem Kölner Bahnhof die ersten Böller. Sie brüllen: „Deutschland den Deutschen – Ausländer raus!“ Der 60-Jährige steht mitten im Mob und grinst.

Die junge Garde um ihn herum schubst und pöbelt. Borchardt – die graue Eminenz der Neonazis in Nordrhein-Westfalen – kommt den Fotowünschen der jungen, oft von weit angereisten Randalierer nach: Ein Selfie mit SS-Siggi, das hätten viele gern auf der Demonstration „Hooligans gegen Salafisten“ (HoGeSa).

Mehr als 4000 Menschen ziehen durch die Stadt, grölen rassistische Parolen, greifen Polizisten an. Und Siegfried Borchardt läuft samt Entourage mit. Ein Alt-Hooligan, dessen Einfluss nicht zu unterschätzen ist. Er diktiert den Rechten, wie weit sie gehen dürfen.

Sein Status unter Hooligans und Neonazis ist auch auf seine Ausdauer zurückzuführen. Seit 30 Jahren ist der 1953 geborene Borchardt aktiv. In den frühen 1980er Jahren gründete SS-Siggi in seiner Heimat Dortmund mit anderen Fußballrowdies die „Borussenfront“, eine Hooligantruppe, die bald Polizei, linken Fans und Anwohnern zusetzte. In der Dortmunder Nordstadt terrorisierte die „Borussenfront“ auch Einwanderer.

Bald beteiligten sich die Hooligans um Borchardt an bundesweiten Aktionen. Man reiste weit und lieferte sich Straßenschlachten mit Linken. Die „Borussenfront“ knüpfte Kontakte zu organisierten Neonazis. In Dortmund wachte sie über Kundgebungen der NPD.

Inzwischen hat er sich Borchardt aus der Politik zurückgezogen

Als die Partei „Die Rechte“ im Mai in den Dortmunder Stadtrat gewählt wird, zieht Borchardt in das Lokalparlament ein. Inzwischen hat er sich, wohl aus Gesundheitsgründen, zurückgezogen. Dennoch: Die „Borussenfront“ war so etwas wie die Saat, die nun 30 Jahre später noch mal aufging. SS-Siggi dürften die HoGeSa-Gesänge in Köln an seine Anfänge erinnert haben. Die Gewalt vom Sonntag feiern die Rechtsextremen als gelungene Machtdemonstration – und als einen Anfang. Die nächsten Aufmärsche sind für Hamburg und Berlin angekündigt. Hooligans haben dort für den 15. November Kundgebungen angemeldet.

Der Berliner Innensenator Frank Henkel (CDU) erklärte, dass die Versammlungsbehörde ein Verbot prüfe. Erkenntnisse über „strukturelle Verbindungen“ von rechtsextremer Szene und Hooligans habe die Berliner Polizei nicht, sagt ein Polizeisprecher: „Aber es gibt personelle Überschneidungen.“

Das Problem im aktuellen Fall: „Die HoGeSa ist kein eingetragener Verein und keine registrierte Institution“, sagt der Polizeisprecher. „Wir wissen nicht, wer das Sagen bei der Truppe hat – wenn es denn eine Truppe ist.“ Klar ist nur: Der Anmelder der Demonstration am 15. November in Berlin ist kein Berliner, sondern ein Privatmann aus Nordrhein-Westfalen.

Mit ihm will die Berliner Polizei nun sprechen. Kann er für einen friedlichen Verlauf der Demonstration sorgen? Welche Auflagen sind zu verhängen? Sprüche wie „Köln war erst der Anfang“, die nun im Internet kursieren, zeigten, „dass Gewalttätigkeit gesucht wird“, heißt es aus dem Polizeipräsidium. Das wäre eine Voraussetzung, um die Veranstaltung zu untersagen.

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