Keine Anklage gegen Darren Wilson : Ferguson steht in Flammen

Es war Mord, sagen Zeugen. Es war Notwehr, sagt der Polizist. Die Jury entscheidet: Keine Anklage gegen Darren Wilson, der den 18-jährigen Michael Brown erschoss. Und wie im August kommt es erneut zu Straßenschlachten. Doch diesmal nicht nur in Ferguson.

Lukas Hermsmeier
Die Eltern des erschossenen schwarzen Teenagers Michael Brown haben entrüstet auf das Fernsehinterview des weißen Polizisten Darren Wilson reagiert. Wilsons Äußerungen über die von ihm abgegebenen tödlichen Schüsse auf ihren Sohn würden "alles nur noch schlimmer machen". In den USA haben sich viele Menschen solidarisiert und gehen auf die Straße, um ihren Ärger Luft zu machen.Weitere Bilder anzeigen
Foto: AFP
26.11.2014 17:01Die Eltern des erschossenen schwarzen Teenagers Michael Brown haben entrüstet auf das Fernsehinterview des weißen Polizisten...

All die Prophezeiungen, sie erfüllten sich am Ende von selbst. Wie die Polizei für diesen Tag militärisch aufgerüstet hatte, wie die Demonstranten bereits im Vorfeld den Fall der Niederlage probten, wie die Anwohner sich auf das Schlimmste eingestellt und Politiker Panik geschürt hatten: Die Nacht in Ferguson war zum Chaos bestimmt, ehe sie überhaupt begonnen hatte. Das Ausmaß allerdings übertraf selbst die düstersten Erwartungen.

Am 9. August hatte der weiße Polizist Darren Wilson den schwarzen, unbewaffneten Teenager Michael Brown in der Kleinstadt Ferguson im Bundesstaat Missouri erschossen. Am Montagabend, dreieinhalb Monate nach dem Tod des 18-Jährigen, entschied die Grand Jury, eine vorgerichtliche Instanz, dass der Beamte nicht angeklagt wird.

Um 20.20 Uhr Ortszeit sprach Robert McCulloch, der Staatsanwalt des St. Louis County, jene Worte aus, die so lange erwartet und befürchtet wurden: „No indictment“, Keine Anklage. Seitdem steht Ferguson in Flammen.

Bereits am frühen Montagabend hatten sich hunderte Demonstranten vor der Polizeistation in Ferguson, am ehemaligen Dienstsitz des 28-jährigen Todesschützen, versammelt. Über ein Autoradio wurde die Pressekonferenz des Staatsanwaltes übertragen. Die Masse, die eben noch tobte, war plötzlich unheimlich still. Auch Leslie McSpadden, die Mutter des getöteten Teenagers, war gekommen. Als die Entscheidung verkündet wurde, liefen ihr erst Tränen über die Wangen, dann brach sie zusammen. Immer wieder rief sie: „Wer bringt mir mein Kind zurück?“

Ferguson brennt
Die Eltern des erschossenen schwarzen Teenagers Michael Brown haben entrüstet auf das Fernsehinterview des weißen Polizisten Darren Wilson reagiert. Wilsons Äußerungen über die von ihm abgegebenen tödlichen Schüsse auf ihren Sohn würden "alles nur noch schlimmer machen". In den USA haben sich viele Menschen solidarisiert und gehen auf die Straße, um ihren Ärger Luft zu machen.Weitere Bilder anzeigen
1 von 34Foto: AFP
26.11.2014 17:01Die Eltern des erschossenen schwarzen Teenagers Michael Brown haben entrüstet auf das Fernsehinterview des weißen Polizisten...

Obama appelierte an die Demonstranten - ohne Erfolg

US-Präsident Barack Obama appellierte direkt im Anschluss an die Protestierenden in Ferguson, sich friedlich zu verhalten. „Wir müssen diese Entscheidung akzeptieren“, sagte er. Doch seine Worte zeigten keine Wirkung. Kurze Zeit später brannte das erste Polizeiauto in der Nähe der Wache. Die Beamten schossen mit Tränengas, es kam zu Straßenschlachten. Die anklagenden „no justice, no peace“-Rufe waren längst vom aggressiven „fuck the police“ abgelöst worden. Protestierende warfen mit Flaschen und Ziegelsteinen in Richtung der Beamten und kippten Streifenwagen um.

Während viele Menschen, die zum friedlichen Protest gekommen waren, die Straßen aus Angst verließen, begannen andere erst mit der Zerstörung. Manche von ihnen waren extra aus anderen Städten angereist. Sie schlugen Schaufenster ein, plünderten Geschäfte und steckten sie anschließend in Brand. Bis spät in die Nacht brannten mehrere Gebäude und mindestens ein Dutzend Autos. Die Feuerwehr war mit den Löscharbeiten überfordert. Mehr als 60 Menschen wurden verhaftet, mehrere verletzt. „Wilson, du Mörder. Wir brennen diese Stadt nieder“, rief ein vermummter junger Mann, trat gegen einen Wagen und lief davon.

„Was wir heute gesehen haben, war wesentlich schlimmer als alles im August. Ich bin sehr enttäuscht“, sagte Jon Belmar, Polizeichef des St. Louis County, am Dienstagmorgen. Doch wie im August hatten die Beamten auch im November ihren Anteil an der Eskalation. Auf den Straßen sah man Polizisten, wie sie ihre Schlagstöcke provozierend schwangen oder mit Gewehren auf harmlose Demonstranten zielten.

Von Entspannung keine Spur

Die Polizei hatte in den vergangenen Wochen immer wieder betont, dass sie von den Ereignissen im August gelernt habe. „Wenn es Proteste gibt, versuchen wir die Situation zu entspannen“, sagte ein Sprecher der Polizei noch vor wenigen Tagen. Doch von Entspannung war keine Spur.

Die zwölfköpfige Grand Jury, die die Entscheidung über eine Anklage fällen sollte, hatte ihre Arbeit im August aufgenommen. Drei Monate lang wurden Beweise gesichtet und rund 60 Zeugen verhört. Die Aussage des Polizisten, der sich auf Notwehr berief, stand im Gegensatz zu den Aussagen mehrerer Zeugen, die von Mord sprachen.

Dennoch kam das Gremium zu dem Entschluss, dass kein Prozess nötig sei, um die offenen Fragen zu klären. Staatsanwalt Robert McCulloch sagte, dass der Tod Michael Browns eine tragische Geschichte sei, „jedoch keine Straftat“. In den USA ist es wesentlich schwieriger, einen Beamten anzuklagen, als beispielsweise in Deutschland. Erklärt ein Polizist, dass er sein Leben verteidigen musste, wird dem nur selten widersprochen.

32 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben