Von Islamfeinden und Chemtrail-Gegnern

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Mahnwachen in Berlin : Wie Verschwörungstheoretiker ticken
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Beliebt bei Verschwörungstheoretikern: Der Anschlag auf das World Trade Center am 11. September 2001.
Beliebt bei Verschwörungstheoretikern: Der Anschlag auf das World Trade Center am 11. September 2001.Foto: Reuters/Sean Adair

Ein gutes Barometer für die Anschlussfähigkeit von Verschwörungstheorien sind die Amazon-Charts. Hier zählen nur Verkäufe, der Buchhandel trifft keine Vorauswahl. Schriften über Ufos oder die Involvierung der US-Regierung in islamistische Terroranschläge landen regelmäßig auf Spitzenplätzen. Mit kruden Thesen in Buchform, im Netz und auf Konferenzen werden Millionen umgesetzt. Als besonders erfolgreich gilt der rechtsesoterische Kopp-Verlag. Dessen Starautor Udo Ulfkotte starb im Januar mit 56 Jahren an einem Herzinfarkt. Seine Anhänger glauben, er sei vom CIA mit einer „Herzinfarktpistole“ beseitigt worden. Es musste halt nach einem natürlichen Tod aussehen.

Vor seiner Karriere als Verschwörungsonkel war Ulfkotte 15 Jahre Redakteur der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. Auf Leute wie ihn ist die Szene stolz. Nach ihrer Lesart wandte sich Ulfkotte vom Establishment ab, weil er dessen Verlogenheit nicht länger ertrug. Gleiches gilt für Ex-„Tagesschau“-Sprecherin Eva Herman. Oder Willy Wimmer, einst CDU-Staatssekretär, jetzt Autor des islamfeindlichen „Compact“-Magazins.

Eine aktuell sehr populäre Verschwörungstheorie besagt, der Terroranschlag am Breitscheidplatz im Dezember habe überhaupt nicht stattgefunden. Vielmehr sei der gesamte Tatort hergerichtet, der Lkw bloß ein paar Meter rückwärts auf den Weihnachtsmarkt gerollt worden, um es nach einem Attentat aussehen zu lassen. Als Beweise dienen Bilder des Fahrzeugs. Da sich an Reifen und Kühlergrill keine Blutflecken befänden, könne es sich nur um Fake handeln. Als Drahtzieher vermuten die Verschwörungsgläubigen wahlweise die Bundesregierung, US-Geheimdienste oder die Freimaurer. Oder natürlich die Juden. Am Ende sind meistens die Juden schuld.

Er bezweifelt, dass die NPD so schlimm ist

Bei den Demonstranten auf dem Pariser Platz steht auch Florian. Er ist studierter Strömungsingenieur, hat seit 2014 keine einzige Montagsmahnwache verpasst. Er sagt, er wisse selbst nicht genau, wie er in dieser Szene gelandet sei, aber es fühle sich gut an. Er sei ganz sicher nicht rechts, doch er bezweifle, dass die NPD tatsächlich so schlimm sei wie von den Massenmedien dargestellt.

Ob Florian erklären kann, warum Michael Jackson ermordet wurde?

„Der hat dieses Lied gesungen“, sagt er. Dieses „nanananananana, nananananananana“. Florian meint „They Dont Care About Us“ von 1995, die „New York Times“ schrieb damals, der Text sei teilweise judenfeindlich. Das war womöglich Jacksons Todesurteil, sagt Florian. Warum sich die geheimen Mächte dann noch 14 Jahre Zeit ließen, weiß er auch nicht. „Aber solange keiner das Gegenteil beweist, schließe ich nichts aus.“ Überhaupt gelte, was er vor Jahren in einem indischen Meditationszentrum gelernt habe: „Es gibt nur eine echte Wahrheit, und die steckt in dir selbst.“

Dass Verschwörungstheorien im Extremfall Leben kosten können, zeigt das Beispiel der Impfgegner. Berlin hat mehrere Wellen von Masern-Ausbrüchen erlebt, auch Kinder steckten sich an. Den Irrglauben, Impfen sei überflüssig, verbreitet die Szene seit Jahren.

Hartnäckig hält sich auch die sogenannte Chemtrail-Theorie, wonach Kondensstreifen, am Himmel von Flugzeugen hinterlassen, giftige Chemikalien enthalten. Diese würden im Regierungsauftrag versprüht, um die Weltbevölkerung zu reduzieren. Star der deutschsprachigen Chemtrail-Szene und häufiger Gast auf Berliner Demonstrationen ist der ehemalige Greenpeace-Aktivist Werner Altnickel. In seinen Reden beschränkt sich der Mann mit Pferdeschwanz und ergrautem Vollbart aber nicht auf Chemtrails. Er warnt auch vor Masseneinwanderung und der „Vernichtung der weißen Rasse“, neuerdings ebenso vor „36 ultrageheimen Höchstgrad-Logen“, die angeblich die Welt regieren. Zu ihren Mitgliedern gehörten IS-Führer Abu Bakr al Bagdadi und Gerhard Schröder. Auf Youtube verbreitet Werner Altnickel die Theorie, Juden hätten nach dem Zweiten Weltkrieg eigene Konzentrationslager errichtet und dort 100 000 Kinder ermordet.

Ken Jebsen und die Hamas-Versteher

Zu den bekanntesten Köpfen der Berliner Mahnwachenbewegung zählt der ehemalige RBB-Moderator Ken Jebsen. Auf seiner Internetseite „KenFM“ interviewt er Politiker wie Rita Süssmuth, bietet aber auch Verschwörungstheoretikern und Hamas-Verstehern eine Plattform. Er selbst bestreitet, Antisemit zu sein. Seine Worte „Ich weiß, wer den Holocaust als PR erfunden hat“ seien aus dem Zusammenhang gerissen. Seine Überzeugung, die Mächtigen der USA würden von Menschen mit jüdischen Wurzeln gesteuert, deren Ziel die „Schaffung eines israelischen Großreichs“ sei, hält er nicht für judenfeindlich. Jebsen behauptete, Zionisten kontrollierten die UN, den Internationalen Währungsfonds und die Atomenergiebehörde. US-Präsidenten müssten ihre wichtigsten Reden vorab von Juden genehmigen lassen. Laut Jebsen begeht Israel seit 40 Jahren Völkermord. Das Ziel sei nichts weniger als die „Endlösung“, nämlich das Ausrotten aller Palästinenser in Palästina.

Gern beschwert er sich darüber, dass Journalisten nur über ihn schreiben, aber nie mit ihm sprechen würden. Eine Interviewanfrage des Tagesspiegels lässt er unbeantwortet. Auf eine zweite richtet seine Mitarbeiterin aus, er habe keine Zeit.

In einem aktuellen Video vermutet Ken Jebsen, die Proteste des sogenannten Womens March seien vom jüdischen Investor George Soros gelenkt worden. Der erhoffe sich eine Zunahme an Abtreibungen, damit er am Verkauf toter Embryonen an die Pharmaindustrie verdiene.

Zur Pflichtlektüre vieler Verschwörungstheoretiker gehören die regelmäßigen Infoschreiben von „Stimme und Gegenstimme“. Sie liegen jeden Montag bei den Demonstranten am Brandenburger Tor aus, der Mann am Infotisch preist sie als „seriöse Berichterstattung, die bei der Wahrheitsfindung hilft“. Tatsächlich handelt es sich um Schriften des Schweizer Sektengründers Ivo Sasek. Viele Texte könnten aus der Satirezeitschrift „Titanic“ stammen, aber hier ist alles todernst gemeint. Zum Beispiel „Fifty Shades of Grey: Satanische Praktiken für Jugendliche?“ oder „Die Grammy-Verleihung: ein Instrument zur Umprogrammierung unserer Gesellschaft?“

Sektengründer Sasek hat zur körperlichen Züchtigung von Kindern aufgerufen. Andere Mitglieder der Szene schrecken auch vor Schusswaffen nicht zurück. Sie wollen sich gegen die Mächtigen im Notfall wehren können. Als Polizisten in Bayern kürzlich 31 Waffen eines Reichsbürgers konfiszierten, erschoss dieser einen Beamten.

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