Neonazi Kay Diesner ist wieder frei : Der Tag, vor dem die Opfer sich fürchten

Klaus Baltruschat kann ihn nicht vergessen: den Schuss, der ihn verstümmelt hat. Vor 20 Jahren lief der Neonazi Kay Diesner Amok. Nun ist er frei.

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Gezeichnet. Klaus Baltruschat überlebte den Anschlag 1997, verlor seinen Unterarm. Der Täter, Kay Diesner, kam vergangenen Juni wieder frei.
Gezeichnet. Klaus Baltruschat überlebte den Anschlag 1997, verlor seinen Unterarm. Der Täter, Kay Diesner, kam vergangenen Juni...Foto: picture-alliance / dpa

Gäbe es so etwas wie einen Prototypen des antifaschistischen Rentners, dann wäre es Klaus Baltruschat. Ein knubbelig-knorriger Mann, der gern lacht, aber auch mit lauter Stimme darüber wettert, dass die NPD schon wieder nicht verboten wurde. „Nazis gehören in Deutschland dazu, so einfach ist das!“

Klaus Baltruschat ist mit seinen 82 Jahren immer noch dabei, wenn es auf der Straße „ gegen Nazis geht“, oder bei der alljährlichen Demo zum Gedenken an Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht. Ehefrau Käthe, auch 82, hat etwas Probleme mit den Augen, doch sie zieht bei ihm untergehakt mit.

Vom Wohnzimmer aus zeigen die Baltruschats auf den Balkon, wo ein Tannenbäumchen steht. Auf seiner Spitze thront ein roter Plastikstern. „Den haben wir 1980 aus Moskau mitgebracht, aus dem Kaufhaus Gum“, sagt Käthe Baltruschat. Für das Ehepaar ist der Stern ein Symbol ihres Lebens.

Sozialisten sind sie, Anfang der 50er Jahre waren sie in die SED eingetreten. Und Mitglieder der Partei, die sich seit dem Ende der DDR mehrmals gehäutet hat und sich heute „Die Linke“ nennt, sind sie immer noch. Die Baltruschats wirken unerschütterlich. Wären da nicht die Schmerzen, die Ehemann Klaus nicht los wird. „Das ist das Merkwürdige, es tut ständig weh am linken Unterarm.“ Klaus Baltruschat hebt den Ärmel, die untere Hälfte hängt schlaff herunter. „Das ist der Phantomschmerz, das habe ich lebenslänglich.“ Der Unterarm ist weg. Genauso wie der kleine Finger an der rechten Hand. „Da tut’s weh, als wenn ich eine Warze hätte, aber die ist ja gar nicht da.“

Es ist der Morgen des 19. Februar 1997. Klaus Baltruschat steht in seiner Buchhandlung im alten Dorfkern von Marzahn. Plötzlich bemerkt er hinter sich einen Schatten. Baltruschat dreht sich um, da kracht ein Schuss. Ein Mann in Schwarz, das Gesicht maskiert, feuert mit einem Pumpgun-ähnlichen Gewehr. In den Patronen ist Streumunition. Baltruschat wird schwer getroffen, er schreit, fällt um. Der Maskierte verschwindet. Gesagt hat er nichts. So beginnt vor 20 Jahren ein Amoklauf, der Deutschland schockte wie kaum ein Verbrechen zuvor seit der Wiedervereinigung.

Schmerzhaft. Käthe und Klaus Baltruschat leben mit den Folgen der Tat.
Schmerzhaft. Käthe und Klaus Baltruschat leben mit den Folgen der Tat.Foto: picture-alliance / dpa

Der Täter ist Kay Diesner, Neonazi, einer der vielen radikalisierten Jungmachos Ost. Die Schüsse in Marzahn sind der Auftakt zu weiteren Verbrechen bis hin zum Mord an einem Polizisten. Heute erscheint der Amoklauf wie ein Vorspiel zu den Anschlägen der Terrorzelle NSU. Fast genau ein Jahr nach dem Attentat in Berlin, Diesner wird damals von der rechten Szene als Held gefeiert, tauchen Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe unter. Der NSU, im Jahr 2011 aufgeflogen, beschäftigt das Land bis heute. Der Fall Diesner hingegen scheint weitgehend vergessen. Doch vorbei ist er nicht. Gerade beginnt ein neues Kapitel, vor dem sich die Opfer immer gefürchtet haben: Kay Diesner ist nach fast 19 Jahren aus dem Gefängnis entlassen worden.

Nach dem Anschlag wussten die Sicherheitsbehörden zunächst nicht, wer da geschossen haben könnte. Ein Irrer? Die Polizei hat den Verdacht, der Täter könnte aus dem rechtsextremen Milieu stammen, schließlich hat Gregor Gysi über Baltruschats Buchladen ein Büro. Und Gysi, der Star der SED-Nachfolgepartei PDS, ist bei den Neonazis verhasst. Andererseits hat der Schütze auf den ersten Menschen gefeuert, den er im Gebäude sah, und ist dann sofort geflüchtet.

Während die Polizei in Berlin Spuren sichert, verlässt Diesner mit einem grauen Mazda-Kombi die Stadt. Der bullige, kahl rasierte Jungnazi, martialisch gekleidet mit Splitterschutzweste und Patronengurt, nimmt seinen Pitbull „Willi“ mit, sein Gewehr und reichlich Munition. Tagelang fährt Diesner kreuz und quer durch Norddeutschland, er klaut an Tankstellen Benzin. Am 23. Februar ruht er sich in Schleswig-Holstein auf einem Parkplatz an der Autobahn zwischen Hamburg und Berlin aus.

Eine Polizeistreife erscheint. Den Beamten Stefan Grage und Stefan Kussauer fällt von ihrem Wagen aus der Mazda und sein gefälscht wirkendes Nummernschild auf. Grage und Kussauer wollen den Fahrer kontrollieren. Diesner greift zum Gewehr und schießt. Grage wird von mehreren Kugeln getroffen. Wenige Stunden später ist er tot. Kussauer, auch schwer verletzt, überlebt. Diesner prescht davon, bald wird er von Polizeifahrzeugen verfolgt. Der Neonazi schießt aus dem Auto heraus weiter, die Polizisten erwidern das Feuer. Diesner wird schließlich getroffen und gibt verletzt auf. Als er festgenommen wird, spricht er von einem „Weißen Arischen Widerstand“. Die Polizisten halten ihn für einen Psychopathen.

Käthe und Klaus Baltruschat kämpfen noch immer mit den Folgen der Tat.
Käthe und Klaus Baltruschat kämpfen noch immer mit den Folgen der Tat.Foto: Frank Jansen

Am Lübecker Landgericht muss sich Diesner 1997 und 1999 in zwei Prozessen verantworten. Er provoziert mit zynischen Sprüchen, pöbelt die Richter an. Seinen Amoklauf bezeichnet Diesner als „Endkampf“ und nennt sich selbst „politischer Soldat“. Zum Attentat auf Baltruschat sagt er: „Ich hab beschlossen, dass ich den Typen einfach anschieße. Ich wollte den nicht töten. Der sollte darüber berichten. Wenn ich ihn töten wollte, hätte ich ihn mit dem Messer bearbeitet.“

Stille im Gerichtssaal. Käthe Baltruschat weint. Ihr Mann hält die verstümmelte Hand an den Mund. Die Richter verurteilen Diesner im Dezember 1997 zu lebenslanger Haft und bescheinigen ihm eine besondere Schwere der Schuld. Das schließt eine frühzeitige Entlassung auf Bewährung nach 15 Jahren aus. Auch im zweiten Prozess, der wegen der unklaren Zahl der Schüsse auf Baltruschat nötig wird, bleibt es 1999 bei der Strafe.

Die Opfer waren nach dem Urteil zumindest ein wenig erleichtert - bis zum Januar 2017. Da erkundigt sich der Tagesspiegel bei der Staatsanwaltschaft Lübeck nach Kay Diesner. Es geht um ein mögliches Gespräch mit dem Häftling in der JVA im Stadtteil Marli. Oberstaatsanwältin Ulla Hingst antwortet lakonisch: „Der ist bereits draußen.“ Seit Juni 2016. Auf Bewährung. Die vorzeitige Entlassung könne „unter Berücksichtigung des Sicherheitsinteresses der Allgemeinheit verantwortet werden“.

Die Baltruschats zucken in ihrem Wohnzimmer zusammen, als sie von Diesners Freilassung erfahren. Käthe Baltruschat sagt leise, „da muss man jetzt einfach mit umgehen“. Dann erzählt sie, dass sie seit 20 Jahren die Angst nicht loswird, ihrem Mann könne wieder etwas passieren. Dass sie es vermeide, mit ihm in Einkaufscenter zu gehen, „weil ich den Gedanken nicht ertragen kann, dass ich ihn im Gewühl aus den Augen verliere“. Auch ihr Mann spricht über seine Furcht. Es ist noch dieselbe wie damals kurz nach dem Angriff. „Ich muss immer was im Rücken haben“, sagt Baltruschat. „Im Lokal setze ich mich nur an die Wand. Anders gehts nicht.“ Ein wenig versucht er sich selbst Mut zu machen: „Ich glaub nicht, dass Diesner in Berlin aufkreuzt.“

Das Ehepaar hatte engen Kontakt zu Ursula von Seitzberg, der Mutter des erschossenen Polizisten Stefan Grage. „Sie hatte panische Angst vor dem Tag, an dem Diesner rauskommt“, sagt Käthe Baltruschat. Wahrscheinlich sei es besser für die Mutter, das nun nicht mehr erleben zu müssen. Im Juli 2014 ist sie gestorben - an „ gebrochenem Herzen“, sagt Käthe Baltruschat. „Sie hat ihre Kraft damit zerschlissen, dass sie jeden Tag zum Grab gegangen ist.“

Schon 2007, beim zehnten Jahrestag des Mordes, war Ursula von Seitzberg nervlich am Ende. „Er war mit Leib und Seele Polizist“, sagte sie über ihren Sohn, der nur 33 Jahre alt wurde. Die Trauer war so groß, dass von Seitzberg ihre Arbeit in einem Supermarkt aufgegeben hatte. Eine Psychotherapeutin empfahl ihr, nicht jeden Tag das Grab aufzusuchen. Von Seitzberg ging dann jeden zweiten.

Traumatisiert ist auch Stefan Kussauer. Wegen psychischer Probleme musste er 2006 die Polizei verlassen. Darüber, wie es ihm heute geht, möchte er nicht sprechen. „Ich will mit dem Thema nichts mehr zu tun haben“, sagt er am Telefon. Ob er Angst hat? „Die Frage möchte ich nicht beantworten.“ Doch dann bricht die Empörung aus ihm heraus: „Niemand hat mir Bescheid gesagt, dass Diesner raus ist. Die Polizei hatte mir das zugesagt. Tja, aus den Augen, aus dem Sinn.“

Wie es Diesner psychisch geht, ob seine Schuld ihn quält oder nicht, bleibt offen. Seine Bewährungshelferin richtet aus, Diesner wolle zu keinem Journalisten Kontakt. Vor vier Jahren war das noch anders. Im Januar 2013 schrieb Diesner aus der JVA Lübeck an den Tagesspiegel. Es sei „ratsam, wenn endlich einmal Erwähnung finden würde, dass ich schon lange ausgestiegen bin, somit kein Teil mehr der rechtsextremen Szene darstelle und ich damit abgeschlossen habe“. Diesner hatte geärgert, dass er in einem Bericht als Neonazi bezeichnet wurde.

Am Telefon erzählte er dann, dass er im Jahr 2012 ausgestiegen sei. „Eines Tages habe ich gesagt, ist alles Scheiße.“ Die Stimme klang immer noch rabiat, der Sound passte nicht ganz zum Inhalt. Diesner berichtete von Gesprächen mit Psychologen in der JVA, „jeder kommt mal zur Vernunft“. Außerdem habe ihm seine Freundin geholfen, „die hat einen sehr großen Anteil“. Ob er seine Verbrechen bereue? „Ja, mach ich“, sagte er. Und dass er Angst habe davor, „den Opfern in die Augen zu schauen, weil ich denen Leid angetan habe, ich habe deren Leben zerstört“. Er könne es nicht begreifen, „ist einfach Wahnsinn“.

Der damalige Gefängnisdirektor glaubte Diesner. „Das ist kein Täuschungsmanöver, um endlich aus der Haft freizukommen“, sagte Peter Brandewiede. Er war beim Telefonat dabei. Brandewiede hatte Diesner geraten, sich nicht einfach wegzustehlen, sondern die Taten öffentlich zu bereuen. Die Opfer blieben skeptisch. Diesners Worte konnten damals weder die Baltruschats noch Kussauer oder Ursula von Seitzberg davon überzeugen, der Täter habe sich in der Haft verändert.

Doch in der JVA sieht auch Brandewiedes Nachfolger keinen Grund, an Diesners Abkehr vom Rechtsextremismus zu zweifeln. „Ich habe ihn nicht mehr als Neonazi kennengelernt“, sagt Tobias Berger vergangene Woche. „Diesner hatte sehr guten Kontakt zu einer Therapeutin“, sagt Berger, „er hat sich andere Lebensanknüpfungspunkte gesucht, Familie, Arbeit, Wertschätzung von anderen.“ Diesner habe in der JVA eine Lehre „im Kfz-Pflegebereich“ absolviert und im offenen Vollzug die Meisterprüfung geschafft. Und er habe die Frau geheiratet, die ihn mental aus der Szene holte, „das war ein ganz entscheidender Faktor“.

Kay Diesner, so scheint es, ist nach den Maßstäben der Justiz resozialisiert. Mit seiner Frau, deren Namen er angenommen hat, baut sich der 44-Jährige in Norddeutschland gerade ein neues Leben auf. Diesner wolle sich selbstständig machen, sagt Berger. Ist also zumindest für Diesner seine Vergangenheit als Neonazi und Amokläufer abgehakt? Nein, meint Berger, „er sagt selbst, dass er seinen ,Rucksack, wie er es nennt, nicht loswird“.

Bis heute hat Kay Diesner den Opfern nicht signalisiert, dass sie keine Angst mehr vor ihm haben müssten. Klaus Baltruschat würde trotz allem einem Kontakt zu Diesner nicht aus dem Weg gehen. „Ich habe keine Hemmungen, mit ihm zu reden“, sagt er. Seine Frau Käthe schüttelt den Kopf. „Nein“, sagt sie, „gegenüberstehen möchte ich dem nicht.“

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