"Pegida"-Demonstrationen : Geballte Wut in Dresden

Er sagt es immer wieder, gebetsmühlenartig: Ich bin kein Nazi. Trotzdem zieht Jens Becker mit „Pegida“ jeden Montag durch Dresden und demonstriert gegen Islamisierung. Viel wütender ist er aber auf Deutschland.

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"Pegida"-Demonstration in Dresden.
"Pegida"-Demonstration in Dresden.Foto: dpa

Die Gewissheit kam mit der Post. Vorher war es für Jens Becker immer nur so ein Gefühl gewesen. Er spürte, etwas konnte schon längst nicht mehr stimmen in seinem Land. Das Gefühl war dort angesiedelt, wo Gefühle üblicherweise hingehören, in seinem Bauch, und Becker bekam es kaum zu fassen. Doch nun hatte er es schwarz auf weiß.

Becker, der Arbeiter, hielt einen Brief vom Amt in den Händen. Datiert war das Schreiben auf den 1. August 2014: „Sehr geehrter Herr Becker, der Bescheid wird zurückgezogen“, stand da. Es folgten seitenweise Behördenworte, dazwischen standen Paragrafenzahlen und Abkürzungen. Becker musste seinen Kopf anstrengen, um zu verstehen, was das alles zu bedeuten hatte. Satz für Satz las er, Begründungen und Belehrungen, sie brannten sich ein. Das Amt, begriff er, würde ihm fortan Geld verweigern, das ihm bislang zugestanden hatte.

Pegida-Kundgebung in Dresden
10.000 Menschen folgten am Montag dem Aufruf von Pegida.
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09.12.2014 10:2610.000 Menschen folgten am Montag dem Aufruf von Pegida.

Aus dem Gefühl war damals im August eine Überzeugung geworden. „Das Grundübel“, nennt Becker sie heute, „das Grundübel, dass Arbeiterfamilien hier benachteiligt werden.“ Diese Überzeugung wiederum machte aus ihm einen „patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“, einen regelmäßigen Teilnehmer der Dresdner „Pegida“-Demonstrationen.

Neid und Hass auf Ausländer

Es mag so klingen, als hätten das Grundübel und Pegida nichts miteinander zu tun, als hätte Becker genauso gut dem Anglerverein beitreten können, anstatt an den vergangenen vier Montagabenden gegen Islamisierung auf die Straße zu gehen. Becker indes vermag keinen Umweg zu erkennen, für ihn zieht sich eine direkte Linie von Behördenbriefen wie seinem aufs Pflaster seiner Heimatstadt. Er sagt: „Da beginnt der Neid und der Hass auf die Ausländer.“ Das Geld, das den Eingeborenen fehle, bekämen die.

Weil er das sagt und noch viel mehr, was nicht nur für ihn unangenehm werden könnte, sondern auch für seine Angehörigen, heißt Becker in Wirklichkeit anders. In dieser Wirklichkeit ist er um die 40 Jahre alt und Baumaschinist. „Alles, was auf einer Baustelle Ketten und Räder hat, das fahr’ ich“, sagt er. In einem guten Monat verdient er 1125 Euro und 76 Cent netto, in einem schlechten wie zum Beispiel dem vergangenen Februar sind es 738 Euro 70 Cent – Saisonkurzarbeitergeld wie regelmäßig im Winter. Samstags arbeitet er schwarz. Beckers Frau arbeitet Teilzeit, sie bringt 500 Euro im Monat heim. Die Wohnungsmiete kostet sie 950 Euro, zum Haushalt gehören drei Kinder.

Versehen mit diesen Koordinaten – beide haben Arbeit und Einkommen, eine schöne Wohnung in guter Lage – zählen die Beckers zu jenen „Normalbürgern“, die angeblich die Mehrheit der „Pegida“-Demonstranten stellen sollen. Sie sind vielleicht nicht ganz die „bürgerliche Mitte“, von der ähnlich oft die Rede ist. Aber noch weniger sind sie Chaoten, wie der Bundespräsident die Demo-Teilnehmer nannte.

Schlüsselloch zur Gedankenwelt

Hier, an dieser Stelle, sollen die Beckers gar nichts sein, außer eine Art Schlüsselloch zur Gedankenwelt der „Pegida“-Mitmacher. Vielleicht sind sie tatsächlich repräsentativ für die zuletzt 10 000 Protestler, aber vor allem: Sie sind die Einzigen, die zu finden waren, die Einzigen, die sich nach zahllosen anderweitigen Versuchen ausführlich und erschöpfend erklären wollen.

Also, Herr Becker, noch einmal von vorn, was war los im August? Er reicht den Behördenbrief herüber. „Sehr geehrter Herr“, „der Bescheid wird zurückgezogen“, Begründung: „Ihr Sohn ging einer geringfügigen Beschäftigung nach. Dieses Einkommen haben Sie uns nicht gemeldet.“

Der Sohn ist im Teenageralter wie sein Bruder, beide hatten in den Ferien Aushilfsjobs in der Gastronomie. Der eine räumte Gläser in einer Gaststätte ab, der andere arbeitete in einer Eisdiele. Beide Jobs waren ordnungsgemäß registriert, so erfuhr das Wohngeldamt davon und rechnete die Saisoneinkünfte der Kinder auf ein ganzes Jahr hoch. Damit war der Wohngeldzuschuss für die Familie erledigt. Die zuständige Sachbearbeiterin hat noch versucht, dies abzuwenden, aber es ist offenbar rechtens so.

Im nächsten Sommer darf Becker den Zuschuss wieder beantragen. Er wird dann vor einem Dilemma stehen. „Entweder ich sage den Kindern, wenn ihr wieder arbeiten wollt, dann schwarz“, sagt er. „Oder ich beantrage kein Wohngeld mehr. Dann fallen wir aber aus dem System ,Bildung und Teilhabe‘ raus, das Klassenfahrten bezahlt, Sportvereinsgebühren und so.“ Denn dieses System setzt voraus, dass eine Familie bedürftig ist, und bedürftig ist nur, wer irgendeine Sozialleistung bezieht.