Prozess gegen Formel-1-Boss Bernie Ecclestone : Auf seine eigene Tour

Dem Formel-1-Chef wird Bestechung vorgeworfen: Es geht um 45 Millionen Dollar. Bernie Ecclestone sagt: „Ich sah mein Lebenswerk in Gefahr." In München steht er nun vor Gericht.

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Im Alleingang. Bernie Ecclestone ist ein Macher der alten Schule, ein Wirtschaftskapitän und Diktator, manche sagen: ein Pate. Einer, der alle Fäden in der Hand halten will.
Im Alleingang. Bernie Ecclestone ist ein Macher der alten Schule, ein Wirtschaftskapitän und Diktator, manche sagen: ein Pate....dpa

Als Erstes fallen seine Schuhe auf. Schwarz, glänzend geputzt, wie er es als Kind von seinem Vater gelernt hat. Dazu dunkelblauer Anzug, dunkelblaue Krawatte, weißes Hemd, alles wie immer tadellos. Freundlich geht er auf die vielen Kamerateams zu wie auf alte Bekannte im Formel-1-Fahrerlager. „Ich bin zuversichtlich, die Sonne scheint“, sagt er und lächelt sein schräges Lächeln, von dem man nie weiß, was es bedeutet.

Dann geht Bernie Ecclestone hinein in den Verhandlungssaal. Stellt sich vor die Anklagebank, blickt undurchdringlich in die Runde, und so beginnt der erste große Gerichtsprozess gegen einen ranghohen Funktionär des Weltsports. Es geht um Bestechung und Anstiftung zur Untreue, und es könnte der letzte Kampf des mächtigsten Autohändlers der Welt werden.

Mit dem Rücken zur Wand, das ist eine Situation, die Bernie Ecclestone eigentlich liebt. In der Konfrontation mit dem möglichen Scheitern erwachsen die 1,60 Meter des kleinen Briten zu ungeahnter Größe. „Im ganz normalen Alltag schafft er Probleme, nur um sich zu amüsieren“, hat sein Freund, der frühere Automobil-Weltverbands-Präsident Max Mosley mal erzählt. „Bernie ist brillant darin, sich aus einer Situation zu befreien, in die er sich selbst hineinmanövriert hat.“

Vor zehn Jahren war er in einer ähnlichen Situation

Sein größter Entfesselungstrick gelang ihm 2004. Vor zehn Jahren war Ecclestone in einer ähnlichen Situation, sein Ende schien so nahe wie heute. Als der Medienunternehmer Leo Kirch, der 75 Prozent der Formel-1-Anteile hielt, in die Pleite rutschte, war Ecclestone kurz vorm Ende. Die Gläubigerbanken, an die die Anteile fielen, wollten mit ihm nichts zu tun haben, die Rennställe wollten ihn loswerden oder eine neue Rennserie gründen. Doch Ecclestone befreite sich auch aus dieser aussichtslosen Lage. Wie, das ist nun die große Frage, die das Landgericht München I klären soll.

Unstrittig ist: Ecclestone umgarnte Gerhard Gribkowsky, einen Banker der Bayerischen Landesbank, die heute BayernLB heißt. Gribkowsky war mit dem Verkauf der Formel-1-Anteile beschäftigt, die der Bank aus der Kirch-Pleite zugefallen waren. Ecclestone lud ihn zu den Rennen ein, führte ihn herum, stellte den geschmeichelten Gribkowsky im Fahrerlager als seinen „Boss“ vor. In Wirklichkeit hielt er den gernegroßen Banker für einen „Clown“. Unstrittig ist auch: Am Ende erwarb die Investmentfirma CVC die Mehrheit der Anteile und erklärte Ecclestone zum Geschäftsführer der Formel-1-Holding. Die verwaltet fast alle Geschäfte und handelt auch die lukrativen Fernsehverträge aus. Ecclestone hatte sich nicht nur über Wasser gehalten, seine Macht war sogar gestärkt.

Doch Gribkowsky flog wegen des ungeklärten Erhalts von 45 Millionen US-Dollar auf und sitzt inzwischen in Haft. In seiner Verhandlung hat er Ecclestone beschuldigt, ihn bestochen zu haben, um den Verkauf an Ecclestones bevorzugten Investor CVC abzuwickeln. Deswegen sitzt Ecclestone hier, kampfeslustig wie eh und je. Ihm droht eine Haftstrafe und – noch viel schlimmer – der Verlust seiner Position als Formel-1-Geschäftsführer. „Gleich wird es spannend“, sagt Richter Peter Noll, bevor er dem Angeklagten das Wort erteilt. Der Vorsitzende genießt seine Rolle in dem weltweit beachteten Prozess sichtlich und lässt öfter mal einen flotten Spruch fallen. Ja, es wird spannend. Wie will sich Ecclestone diesmal entfesseln.

Vom Gebrauchtwagenhändler zum Motorsportfunktionär

Ecclestone selbst spricht nur am Anfang kurz zu seinen persönlichen Angaben, dann stützt er seinen Kopf auf die Hand und lässt seine Anwälte reden. Manchmal hält er sich das rechte Auge zu, schon seit seiner Kindheit leidet er an einer Netzhauterkrankung. Die Stellungnahme beginnt mit einer Kurzbiografie, angefangen bei seiner Geburt in Suffolk und der Angst vor deutschen Bombern. Die Anwälte breiten aus, wie Ecclestone nach einer Karriere als Gebrauchtwagenhändler in den Motorsport einstieg, erst als Teamchef, dann als Funktionär, und so die moderne Formel 1 aufbaute.

Das alles hat mit der Anklage eigentlich nichts zu tun. Eher ringt Ecclestone um Verständnis für seine Lebensleistung. Denn in München steht nicht nur ein Mann vor Gericht, hier wird über ein System geurteilt, eine ganze Epoche gar. Ecclestone ist ein Macher der alten Schule, ein Wirtschaftskapitän und Diktator, manche sagen: ein Pate. Einer, der stets alle Fäden in der Hand halten will. Der sich nicht um offizielle Regeln und Gesetze schert, weil er seine eigenen hat. Der Verträge per Handschlag besiegelt. Einer, dem Hitlers Führungstalent nach eigener Aussage weit mehr imponiert als demokratische Entscheidungsprozesse. Ob Richter Noll wohl weiß, dass Ecclestone beim Formel-3-Rennen 1953 heimlich von der dritten in die zweite Startreihe vorfuhr, um sich einen Vorteil zu verschaffen?

Die Anklageverlesung klingt wie eine Laudatio

Weite Teile der Anklageverlesung müssen sich für Ecclestone wie eine Laudatio anhören. Da werden seine gerissenen Geschäftspraktiken episodenhaft vorgetragen, etwa die einseitige Vertragsverlängerung nebst Bonuszahlung mit Ferrari, um Anfang der 2000er Jahre die abspaltungswillige Allianz der Hersteller wiederum zu spalten. „Sämtliche wichtigen Strukturen und Abläufe der Formel 1 waren auf ihn zugeschnitten“, heißt es in der Anklageschrift, er habe Verträge im Alleingang ausgehandelt und ihre Offenlegung nach Kräften zu vermeiden gesucht. Nach Ansicht der Staatsanwaltschaft hat Ecclestone jegliche Einmischung durch die Banken in sein Geschäft verhindern wollen, „da dies für ihn den Verlust seiner faktisch unumschränkten Kontroll- und Machtposition in der Formel 1 bedeutet hätte“.

Der Angeklagte hört sich das alles an, sein Gesicht zeigt keine Regung, seine Gedanken kann man trotzdem erahnen.

Ja und, was soll denn daran falsch sein?

So hat er seit 1972 die Geschäfte der Formel 1 geführt, und hat er den Aufschwung damit nicht ganz allein verantwortet? In den chaotischen 70er Jahren war er der Einzige, der das kommerzielle Potenzial dieser Veranstaltung erkannte. Er vereinte die zerstrittenen Teams und baute erstmals professionelle Vermarktungsstrukturen auf. Die Rennserie machte der Sohn eines Fischers so zum großen Geschäft und sich selbst zum mehrfachen Milliardär.

Wie Bernie Ecclestone das geschafft hat, verdeutlicht eine Anekdote aus seinen Anfängen als Gebrauchtwagenhändler. Damals erschien er im Autohaus eines Bekannten und bot ihm nebenbei wie aus einer Laune heraus an, seinen ganzen Wagenbestand für 52 000 Pfund zu kaufen. Der Bekannte lehnte ab, und er tat gut daran. Als er später nachrechnete, stellte er fest, dass das Angebot viel zu niedrig gewesen war. Ecclestone hatte schon vorher vor dem Laden im Kopf den Wert der Fahrzeuge ausgerechnet.

Mit seiner schnellen Auffassungsgabe, knallhartem Kalkül und psychologischen Tricks hatte er bei anderen Verhandlungspartnern oft mehr Erfolg. „Er hypnotisiert die Leute“, sagte Jack Surtees, der Vater des späteren Weltmeisters John einmal. Noch bevor sie wissen, was passiert, hat er sie schon über den Tisch gezogen. Seine Schwester Marian beschrieb das Talent ihres Bruders so: „Bernard hätte Schnee an Eskimos verkaufen können.“

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