Richtungsstreit bei den Berliner Philharmonikern : Harmonie finden sie nur im Konzertsaal

Die Gräben zwischen den philharmonischen Fraktionen des Orchesters sind tief. Die verpatzte Wahl dürfte die Suche nach einem neuen Chefdirigenten für die Berliner Philharmoniker mühsam machen. Denn die bislang gehandelten Kandidaten wissen nun: Das Ensemble traut ihnen nicht alles zu.

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Sie gelten als eines der besten Orchester der Welt. Die Berliner Philharmoniker bestimmen ihren Dirigenten selbst - wenn sie sich einigen können.
Sie gelten als eines der besten Orchester der Welt. Die Berliner Philharmoniker bestimmen ihren Dirigenten selbst - wenn sie sich...Foto: Berliner Philharmoniker/Sebastian Haenel

Da sitzen sie wieder zusammen. Zwölf Stunden nachdem die Berliner Philharmoniker ergebnislos ihr Ringen um einen neuen künstlerischen Leiter abgebrochen hatten, proben sie auf dem Podium der Philharmonie Felix Mendelssohn Bartholdys „Italienische Sinfonie“. Die soll abends beim Festakt anlässlich der Wiederaufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen Israel und Deutschland vor 50 Jahren erklingen. Zumindest, was das Zusammenspiel der verschiedenen Instrumentengruppen betrifft, herrscht wieder Harmonie.

Am Montag hatten sie sich heillos verrannt in der Diskussion über die Zukunft des Orchesters und über den idealen Nachfolger für Simon Rattle, der 2018 aufhören will. Die Lage bleibt heikel, denn die Gräben sind tief zwischen den verschiedenen philharmonischen Fraktionen – sonst hätten sich die 124 wahlberechtigten Mitglieder der weltberühmten Klassik-Truppe nicht die Blöße gegeben, zu nächtlicher Stunde vor die Öffentlichkeit zu treten und ihr Scheitern in der Chefdirigentenfrage zu verkünden.

„Die Stimmung während der Versammlung wurde von allen Beteiligten als sehr konstruktiv, kollegial und freundschaftlich beschrieben“, heißt es dagegen in einer Mitteilung, die Montagnacht um 23 Uhr veröffentlicht wurde. Es fällt schwer, das zu glauben. Aber es ist eben auch fast unmöglich, Details über den genauen Hergang herauszubekommen. Denn die Orchestermitglieder schweigen. Die Wahlordnung, die sich das Orchester selbst gegeben und von einem Anwalt hat absegnen lassen, verbiete es, Interna preiszugeben, heißt es offiziell. Manche Details könnten die Musiker ohnehin nicht berichten, erklärt ein Prominenter der Berliner Klassikszene. Demnach wurden am Montag nach jedem einzelnen Wahlgang stets nur vier Orchestermitglieder über die exakten Abstimmungsergebnisse informiert. Der Rest erfuhr nur, dass erneut keine Einigung erzielt wurde.

Am Tag danach dirigiert Paavo Järvi

Am Tag nach dem Debakel ist es keine leichte Aufgabe für den Dirigenten Paavo Järvi, unter diesen Umständen die Probe zu leiten. Immerhin kann er unbefangen vors Orchester treten, befand sich sein Name doch gar nicht erst auf der Shortlist der Favoriten. Andris Nelsons war da zu finden, der 36-jährige Lette, der für die Fortsetzung einer ästhetischen Richtung steht, wie sie Simon Rattle seit 2002 vorgegeben hat: neugierig, auch bei der Erforschung der Repertoire-Ränder. Sein Antipode ist Christian Thielemann, 56, Berliner, dazu bekennender Preuße und Spezialist der deutschen Romantik. Daniel Barenboim war der dritte Kandidat, seit mehr als 50 Jahren ein enger Freund des Orchesters, und allen Beteuerungen zum Trotz, er werde die Staatsoper nicht verlassen, dennoch einer, der den Posten staatstragend ausfüllen könnte. Als Nummer vier wurde Riccardo Chailly gehandelt, Barenboims Nachfolger am Mailänder Scala-Opernhaus und Leipziger Gewandhauskapellmeister. Ein sensibler Italiener. Das Gerücht geht um, es sei am Montag auf die Wahl zwischen den Dirigenten Andris Nelsons und Christian Thielemann hinausgelaufen.

Doch keiner dieser Herren – an Damen herrscht in der Klassik weiterhin Mangel – ist es nun also geworden. Soll man da von einer Katastrophe sprechen? Peter Raue, Berlins bekanntester Kulturgänger, der als langjähriger Anwalt der Philharmoniker bei den Wahlen von Claudio Abbado wie Simon Rattle sogar als Notar vor Ort anwesend war, will zu der Causa gar nichts sagen. Karl Leister, der von 1959 bis 1993 Solo-Klarinettist der Berliner Philharmoniker war, glaubt nicht, dass die geplatzte Wahl das Ansehen des Orchesters beschädigt habe. Er hoffe trotzdem, dass sich der Vorgang nicht noch einmal wiederhole. „Die Mitglieder sind alle – freundlich formuliert – Indivualisten“, sagt Leister. „Aber bei so einer Wahl muss man an alle und nicht nur an sich denken.“

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