Sekte „Zwölf Stämme“ - ein Aussteiger erzählt : „Ich hatte keine Kindheit. Ich habe geschuftet“

Seine Eltern waren Mitglieder bei den christlichen Fundamentalisten der „Zwölf Stämme“. Jahrelang wurden Christian Reip und seine Geschwister misshandelt und geprügelt. Nun sucht der junge Mann ein neues Leben.

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In Klosterzimmern lebt die Glaubensgemeinschaft der "Zwölf Stämme".
In Klosterzimmern lebt die Glaubensgemeinschaft der "Zwölf Stämme".Foto: dpa

Einmal, so erinnert sich Christian Reip, hat er ein bisschen Zucker geklaut und gegessen. Doch sein Vergehen war entdeckt worden. Die Erwachsenen in der Gruppe forderten Reips Vater auf, sein Kind dafür zu bestrafen, zu züchtigen. Also ging der Vater mit dem Sohn hinaus und verprügelte ihn. „Das Kind soll auf jeden Fall weinend zurückkommen, das erwarten die so“, sagt Reip.

Viele Szenen wie diese fallen dem heute 22-jährigen Mann ein, wenn er an seine Kindheit und Jugend in der Sekte „Zwölf Stämme“ denkt. Doch was heißt schon Kindheit? „Ich hatte keine Kindheit“, sagt Reip. „Von klein auf mussten wir für die Sekte schuften.“

Die „Zwölf Stämme“ sehen sich urchristlichen Idealen verpflichtet – eine Kommune der Jünger wollen sie sein, in der es keinen Besitz und keine Hierarchien gibt, in der alle streng nach dem Wortlaut der Bibel leben und arbeiten.

Vor viereinhalb Jahren ist Reip mit seinen Eltern und drei Geschwistern geflohen aus dem Sektenstützpunkt im fränkischen Wörnitz. Neben diesem betreibt die Gemeinschaft in Deutschland ein größeres Anwesen im Ort Klosterzimmern im bayerischen Landkreis Donau-Ries. Grund und Boden sind dort billig zu haben und die Versuchungen größerer Städte weit entfernt. Nördlingen ist das nächste Städtchen, nach Augsburg und Ulm sind es schon jeweils mehr als 80 Kilometer.

Ernste Musik. Bei den „Zwölf Stämmen“ hat selbst das Zitherspielen wenig mit Freude zu tun.
Ernste Musik. Bei den „Zwölf Stämmen“ hat selbst das Zitherspielen wenig mit Freude zu tun.Foto: Stefan Puchner/dpa

Morgens um sechs kam die Polizei mit Blaulicht und holte 40 Kinder ab

In Klosterzimmern hat Christian Reip einen großen Teil seines bisherigen Lebens verbracht. Jetzt sitzt der schlaksige Mann in Nördlingen in einem Café im Schatten der mächtigen Sankt-Georgs-Kirche und erzählt. Immer wieder gab es Prügel. Etwa wenn die Kinder „weltliche Musik“ sangen. Oder wenn sie auf dem Hof herumrannten, die Arme ausgestreckt, und das Brummen eines Flugzeuges imitierten. „Wir standen unter totaler Überwachung“, sagt er. Jeder Erwachsene habe das Recht zur Züchtigung gehabt.

Schläge in der Erziehung und Schulverweigerung – wegen dieser beiden Dinge stehen die „Zwölf Stämme“ schon seit Jahren in der Kritik. Vergangenes Jahr hatte sich der RTL-Reporter Wolfram Kuhnigk in Klosterzimmern eingeschmuggelt und heimlich Misshandlungen gefilmt. Es sind verstörende, grauenvolle Aufnahmen, wie die Kinder im Keller und im Heizungsraum der damaligen sekteneigenen Schule mit Stockhieben gezüchtigt wurden.

Das Jugendamt des Landkreises Donau-Ries reagierte schnell: Am 5. September 2013 wurden in einer Razzia-ähnlichen Aktion morgens um sechs Uhr mit viel Polizei und Blaulicht alle Kinder aus den Familien geholt – in Klosterzimmern und Wörnitz parallel, insgesamt waren es 40. Per Gerichtsbeschluss war den Sektenmitgliedern das Sorgerecht entzogen worden. Die Kinder wurden in Heime und Pflegefamilien gebracht und besuchen seither die Schule. Nun wird vor Gericht um jedes einzelne Kind gerungen. Und bei der erstarrten christlich-fundamentalistischen Gruppe beginnt möglicherweise gerade ein Zerfallsprozess.

Totale Überwachung. Christian Reip, heute 22, hat die Qualen hinter sich.
Totale Überwachung. Christian Reip, heute 22, hat die Qualen hinter sich.Foto: P. Guyton

Die Kommune bestimmt, wo die Familien leben und arbeiten

Christian Reip wurde im Südwesten Frankreichs geboren, im Dorf Sus, wo die „Zwölf Stämme“ einen wichtigen Stützpunkt unterhalten. Der Vater, ein Maschinenschlosser, war in den 1980er Jahren in der Friedensbewegung und mit den Zuständen in der Bundesrepublik des Kalten Krieges nicht einverstanden gewesen. Er fühlte sich angezogen von der Gruppierung, die irgendwo zwischen alternativer Kommune und militantem Christentum angesiedelt war. Seine Partnerin, eine Schneiderin, zögerte lange, doch sie folgte ihm schließlich in die Sekte.

Die Kommune bestimmte, wo die Familie Reip zu leben und zu arbeiten hatte. „Es war ein ständiges Hin und Her“, erzählt Reip. Mal wurden sie in eine Gemeinschaft in der Nähe von Bremen beordert, dann nach Klosterzimmern, nach Wörnitz, wieder nach Klosterzimmern. Insgesamt hat das Ehepaar Reip sechs Kinder. „Wer verheiratet war, hatte die Aufgabe, Kinder zu bekommen“, sagt Reip. Doch die Familie wurde auch immer wieder getrennt – Christian Reip etwa musste als 17-Jähriger alleine nach Sus, weil er sich als Arbeiter auf die Montage von Solaranlagen spezialisiert hatte und das dort sehr gefragt war.

Erwachsene wie auch Kinder arbeiten in der Landwirtschaft. Klosterzimmern hat auch Firmen für Fotovoltaik-Montage und Bau-Unternehmen. Keines der Sektenmitglieder aber erhält einen Arbeitsvertrag, sagt Reip. Es gibt keine Kranken- und keine Sozialversicherung – und auch keinen Lohn.

Wer bei der Sekte nach den wirtschaftlichen Aktivitäten fragt, bekommt keine Antwort. Wer einen Besuchstermin vereinbaren will, bekommt eine Absage.

Und wer das Anwesen in Klosterzimmern trotzdem besucht, findet ein freistehendes ehemaliges Zisterzienserinnen-Kloster mit einer gotischen Kirche im Zentrum. Ein Fußweg führt zwischen den Häusern und Feldern entlang, rechts sieht man die großen, alten bäuerlichen Häuser, auf den Vorplätzen hängt Wäsche über den Leinen. Schnell kommt eine Frau herangelaufen und ruft: „Halt, was wollen Sie hier? Das ist Privatgrundstück.“ Mitte 50 dürfte sie sein, sie hat lange grau-weiße Haare und trägt ein grobes, wallendes Kleid. Genauso, wie die Sektenmitglieder immer wieder beschrieben werden: lange Haare, altertümliche Hippie-Kleidung.

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