Terror in München : Eine ganze Stadt in Panik

Tote, Verletzte. Die Bilder sind ein Albtraum. Und im Land denken nach dem Anschlag alle nur das eine: Jetzt hat es auch uns erwischt. Der Terror in München kann das Gefühl eines ganzes Landes ändern.

Von Sidney Gennies, Sebastian Leber, Armin Lehmann, Arno Makowsky
Sonderfall. In München ist der Ausnahmezustand ausgerufen. Spezialkräfte fahnden nach den Tätern, über dem Olympia-Einkaufszentrum kreisen Helikopter mit Scharfschützen. Polizeisprecher Marcus da Gloria Martins ruft immer wieder zur Ruhe auf. Die Polizei informiert in verschiedenen Sprachen über die Lage.
Sonderfall. In München ist der Ausnahmezustand ausgerufen. Spezialkräfte fahnden nach den Tätern, über dem Olympia-Einkaufszentrum...Foto: dpa

Irgendwann an diesem Freitagabend ist München, diese drittgrößte Stadt in Deutschland, 1,4 Millionen Einwohner, irgendwann wie menschenleer. Im Fernsehen und auf den sozialen Kanälen laufen pausenlos Bilder, die man nicht wirklich einordnen kann, es sind auch Bilder von einer unheimlichen Leere. Hinter diesen Bildern aber verstecken sich die Panik einer Stadt, die Panik eines ganzes Landes und die Erkenntnis: Auch wir sind nicht unverwundbar, auch wir sind im Visier, und womöglich hat es jetzt auch uns erwischt. Noch am frühen Abend, als noch niemand genau weiß, was da eigentlich wirklich passiert, drückt es eine Polizeisprecherin auf ihre Art aus: „Das ist ein größeres Ding.“

Es hat schon Anschläge gegeben, auch Tote, wie auf dem Frankfurter Flughafen, Verletzte, wie nach der Axt-Attacke im Würzburger Regionalzug. Es hat Bedrohungen gegeben, von denen niemand wusste, ob sie real waren, wie beim Fußball-Länderspiel in Hannover. Aber diese Dimension, die Paris- oder Nizza-Dimension, gab es noch nicht. Deutschland schien bisher gefeiht davor zu sein, in öffentlichen Diskussionen wurde immer wieder auch über diesen Aspekt gesprochen. Wann passiert es bei uns? Und dann sagten die Sicherheitsexperten, und auch der Bundesinnenminister, meistens diese zwei Sätze. Dass nämlich einerseits die Sicherheitsbehörden hervorragende Arbeit geleistet hätten, dass wir aber andererseits vor allem eines gehabt haben: Glück.

Um 17.52 Uhr gibt es den ersten Hinweis darauf, dass dieses Glück womöglich aufgebraucht ist. Da geht der erste Alarm bei der Polizei ein. Zu diesem Zeitpunkt ist alles unklar. In einem Einkaufszentrum in München-Moosach, nahe dem Olympiastadion gelegen, fallen Schüsse. Fast 140 Geschäfte auf zwei Ebenen, 56 000 Quadratmeter Verkaufsfläche. Westliche Konsumwelt in seiner konzentriertesten Form. Es ist, irgendwie, ein logisches Terrorziel, in der perversen Logik des Terrors jedenfalls.

Der Blogger Richard Gutjahr war schon in Nizza

Bald darauf kommen Menschen aus dem Gebäude gelaufen, Augenzeugen berichten über die sozialen Medien, die Polizei hält sich noch bedeckt. Wenig später ist klar, dass offenbar drei Täter mit Gewehren wild um sich geschossen hatten, von denen nun niemand weiß, wo sie sich seitdem aufhalten.

Zufällig ist auch Richard Gutjahr vor Ort. Der prominente Blogger war bereits Zeuge des Attentats von Nizza, hatte dort auf dem Balkon seines Hotelzimmers gestanden, als der weiße Lkw Tempo aufnahm. Gutjahr filmte alles mit seinem Smartphone, Millionen sahen die Bilder später im Fernsehen. Und jetzt, nur acht Tage später, ist er erneut dem Horror sehr nahe, in Sichtweite des Münchner Einkaufszentrums. Er fotografiert Polizisten vor dem Eingang, twittert das Foto und schreibt dazu, sie wirkten nervös. Diesmal erntet er Wut im Netz – wie könne man denn so unverantwortlich sein, so etwas während eines laufenden Einsatz zu twittern? Das könnten schließlich auch die Attentäter sehen!

Es sind normale Streifenpolizisten, die sich Kevlar-Westen übergeworfen haben, daneben Beamte in kurzen Hosen und T-Shirts, die mit Sturmmasken ihr Gesicht verdecken. Ein Smartphone-Video, das im Einkaufszentrum aufgenommen worden sein soll, zeigt zwei Beamte, die sich langsam durchs Erdgeschoss des Gebäudes vortasten. Vorbei am H&M, im Klamottenladen daneben stehen noch Menschen. Die Polizisten bedeuten ihnen, nach draußen zu rennen. Auch aus der Tiefgarage gibt es Aufnahmen. In Teams durchkämmen Polizisten die Anlage, hetzen von einer Deckung in die nächste. Auch hier fliehen die Menschen in Panik. Eine Frau verliert einen ihrer Schuhe. Er bleibt auf der Straße liegen.

Dann ziehen vor dem Eingang Spezialkräfte auf. Sie sind ausgerüstet wie im Krieg. Fotos zeigen sie mit ihren Maschinenpistolen im Anschlag, Helm, Ferngläsern und ihrer grünen gepanzerten Kampfuniform. Sie sollen das Einkaufszentrum sichern, drinnen ist alles durchsucht. Von den Tätern keine Spur.

Der öffentliche Nahverkehr wird lahmgelegt. Zuerst bekommen die U-Bahn-Schaffner Anweisung, am Bahnhof Olympia-Einkaufszentrum nicht mehr zu halten, einfach durchzufahren. Auch oben die Busfahrer der vier betroffenen Linien. Eine halbe Stunde danach wird der Befehl ausgeweitet: Der gesamte Münchner Nahverkehr wird eingestellt. Später der Hauptbahnhof abgeriegelt, der Fernverkehr ausgesetzt. Einerseits will die Polizei die Menschen von der Straße haben, andererseits wissen diese nicht, wie sie von der Straße kommen sollen. Die Stadt, die vielen belebten Orte an einem eigentlich wunderbaren Sommertag, sie leert sich, Angst breitet sich über die gesamte Stadt aus wie ein unsichtbares Tuch. Und so geraten die Menschen, nach und nach, nicht nur in der direkten Umgebung des Einkaufszentrums, nicht nur im Stadtzentrum, sondern überall in Panik. Eltern rufen ihre Kinder an, über WhatsApp wird ständig kommuniziert. Ein typischer Dialog, wie der zweier 12-jähriger Jungen, deren Vater in Berlin ist, der geht so: „Bei dir alles okay?“

„Ja, aber die Mama ist am Isartor. Hoffentlich is nix passiert!“

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