Unterwegs mit einem Vertreter : Die Bodenoffensive

Ach, der Herr Schneider! Mit dem Kobold, seinem Staubsauger. Es gibt ihn noch, den Vertreter, der in Wohnungen Pulver auf fremde Teppiche schüttet und seine Produkte anpreist. Das Verkaufsmodell schien längst am Ende. Dann kam alles anders.

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Es saugt und bläst der Heinzelmann. Staubsaugervertreter gehören hierzulande zum kollektiven Gedächtnis. Aber sie wirkten irgendwann überkommen. Selbst die Witze über sie wurden alt.
Es saugt und bläst der Heinzelmann. Staubsaugervertreter gehören hierzulande zum kollektiven Gedächtnis. Aber sie wirkten...picture alliance

Die Verwandlung vollzieht sich im Sitzen, auf einer Biertischbank am Rande eines Supermarktparkplatzes. Thomas Schneider trinkt einen Pappbecher-Kaffee dabei und raucht eine West Light. Er überfliegt den Zettel, auf dem seine Termine für diesen Tag aufgeschrieben sind, er schaut, ob es etwas Neues im Smartphone gibt, und nach ein paar Minuten ist aus Schneider, dem Privatmann, ein lebendes Fossil geworden.

Schneider ist Handelsvertreter, und die allmorgendliche Metamorphose gelingt ihm nur hier. Er bekommt sie nicht hin, wenn er sich daheim in Berlin-Zehlendorf auf den Weg macht, auf der Autofahrt auch nicht. Erst wenn er die Stadtgrenze zum brandenburgischen Teltow überquert und auf der Bierbank Platz genommen hat, stellt sich das Gefühl bei ihm ein: Jetzt bin ich auf Arbeit.

Sie besteht darin, sechs Mal an diesem Tag hellwach zu sein, manchmal für einige Minuten, manchmal für eine ganze Stunde. Gespräche zu führen und Gespräche zu lenken, während er mit Küchenmessern Siff von Plastikteilen kratzt, Pulver auf Teppiche schmeißt und Haushaltsgeräte bedient.

Er klingelt an Wohnungstüren, um den dahinter lebenden Menschen anschließend Dinge zu verkaufen. Es ist ein Beruf aus der Steinzeit des Einzelhandels, als es noch keine Supermärkte mit riesigen Parkplätzen gab und das Internet schon gar nicht. Als nur die Waren um Käufer und Märkte konkurrierten, und nicht auch noch die verschiedenen Wege, auf denen sie zu ihren Kunden gelangen.

Teltow? Das ist jetzt sein "Festgebiet"

Der wuchtige Mann ist jetzt bereit. Aus Schneider ist „der Herr Schneider“ geworden, so wird er sich den Rest des Arbeitstages nennen. Und Teltow ist nun auch nicht mehr Teltow, sondern sein „Festgebiet“, ein abgezirkeltes Revier, in dem er seine Geschäfte macht. Schneider steigt in seinen VW-Familienvan, hinten steht in Großbuchstaben der Name der Staubsaugerfirma Vorwerk drauf, in deren Diensten er unterwegs ist. Vorne, aus der Ablage in der Fahrertür, fingert er im Fahren eine Minz-Kaubonbon-Dose.

„Der Herr Schneider ist da, Service.“

„Ach, der Herr Schneider, kommense doch rein.“

Das Rentnerehepaar Rohr steht in der Tür, ein Mehrfamilienhaus, Nachwende-Neubau. Es besitzt seit elf Jahren einen Vorwerk-Handstaubsauger, den Kobold 135.

Schneider lässt sich ein Küchenmesser reichen, um damit festgebackenen Schmutz aus dem Innern des Gerätes abzukratzen. Eine Ecke des Kobolds ist abgeschlagen, wahrscheinlich beim Saugen mal gegen einen Schrank geknallt.

„Müssense aufpassen. Vielleicht wollen Sie ja lieber einen zum Hinterherziehen?“

„Nö, wir bleiben bei dem. Nen neuen können wir uns nicht mehr leisten.“

„Man kann sich das auch ganz sympathisch aufteilen. Vorwerk hat eine eigene Bank.“

„Nö, sag’ ich doch.“

Frau Rohr berichtet lieber von ihrem kleinen Akku-Sauger, fürs Sofa, für Krümel, für die Ecken. Schneider sagt: „Hat Vorwerk jetzt übrigens auch.“ Und dann fragt er: „War da mal jemand bei Ihnen an der Tür?“

Die Rohrs verstehen nicht ganz.

„Wie?“

„Wegen der Staubsaugertüte“, drinnen im Kobold 135, „die ist vom Mitbewerber.“

Schneider erklärt die Sollbruchstellen der Mitbewerber-Tüte, deren vergleichsweise schlechte Qualität, entdeckt dann auch noch einen „Fremdfilter“ im Kobold, eigentlich für den Feinstaub zuständig, dieser hier habe aber sogar Sand durchgelassen, der dann wiederum im Motor landete. Er schärft den beiden ein: „Immer Vorwerk nehmen.“

Es kommt oft vor, dass Schneider auf seinen Service-Touren auf die Spuren der Konkurrenz stößt. Oft stammen sie von einstigen Vorwerk-Leuten, die nun in anderer Firmen Auftrag unterwegs sind, ihren alten Kundenstamm aber mitgenommen haben und nun versuchen, „Produkte, passend für Vorwerk“ zu verkaufen. Das ist ärgerlich für Schneider, aber kaum zu ändern. Es ist, wenn man so will, der Preis des Erfolges.