Warum Stefan Raab aufhört: Eine Annäherung : Porträt eines Fernseh-Egoisten

Er hat die Fernsehkultur aufgerüttelt wie kein anderer Entertainer in den vergangenen 20 Jahren. Nun will sich Stefan Raab ein weiteres Mal neu erfinden. Mit 50 wird er zunächst einmal Privatier. Es wird ein Abgang in Würde, denn der Abschied ist noch ein großer Verlust.

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Wadde hadde dudde da? Stefan Raab war 33 Jahre, als er Deutschland beim Schlager-Grand-Prix vertrat - und den fünften Platz belegte.
Wadde hadde dudde da? Stefan Raab war 33 Jahre, als er Deutschland beim Schlager-Grand-Prix vertrat - und den fünften Platz...Foto: picture-alliance/ dpa

Meistens ruft er schließlich: „Ha!“ Oder brüllt befreit: „Jaaaaa!“ Denn Stefan Raab hat es geschafft. Hat gewonnen. Wieder mal. Und das Fernsehvolk, das ihm stundenlang zusieht und darauf lauert, dass er von einem Herausforderer geschlagen wird, fragt sich: Wie hat der das hinbekommen, abermals zu siegen?

Aber wehe, wenn er doch mal kurz vor einer Niederlage steht, dann bricht es immer sehr schnell aus ihm heraus. „Waaaas, das soll ein Fehlstart sein?“ Oder: „Nein. Ich bin nicht übergetreten!“

Stefan Raab kann fast alles, nur nicht verlieren.

Und ausgerechnet so einer will sich nun nach so vielen Jahren aus seinem natürlichen Refugium des Fernsehstudios zurückziehen, aus den vielen Arenen, die er für seinen Sender Pro7 geschaffen hatte. Spürt er, dass er bald nur noch verlieren kann? Im Spiel und mit der Quote. Letztens besiegte ihn bei „Schlag den Raab“ erstmals eine Frau, und den Dauerbrenner TV Total wollen immer weniger Zuschauer sehen.

Raab ist zwar furchtlos und furchtbar ehrgeizig – aber er ist nicht dumm.

Allein die Ankündigung seines Ausstiegs war eine Sensation, die es natürlich auf den Titel von „Bild“ schaffte und die sozialen Netzwerke volllaufen ließ. Eine wirkliche Begründung für seinen Ausstieg gibt er nicht, lässt Raum für Spekulation. Vielleicht macht Raab, der im Oktober 49 Jahre alt wird, jetzt nur das wahr, was er 1998 bei „Spiegel TV“ vorausgesagt hatte: „Ich kann mir nicht vorstellen, mit 50 noch Fernsehen zu machen.“

"Absolute Mehrheit" - Stefan Raabs Polittalk
"Absolute Mehrheit" - Stefan hat mit seinem Polittalk am Sonntagabend auf ProSieben in der ersten Sendung mehr als 5,5 Millionen Zuschauer erreicht.Alle Bilder anzeigen
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12.11.2012 12:32"Absolute Mehrheit" - Stefan hat mit seinem Polittalk am Sonntagabend auf ProSieben in der ersten Sendung mehr als 5,5 Millionen...

Eine Frage, die sich bei Raab immer stellte, lautet: Wie kann einer ohne erkennbar außergewöhnliche Talente, ohne besonderes Training, ohne Vorwissen und Tricks immer wieder triumphieren? Und warum wollte er das überhaupt? Stefan Raab – der Mega-Neuerfinder reformiert sich womöglich ein letztes Mal. Als Aussteiger, der in Würde geht. Denn sein Ausscheiden wird unbestreitbar noch ein Verlust sein. Stefan Raab hat die deutsche Fernsehkultur aufgerüttelt wie kein anderer Entertainer in den vergangenen zwei Jahrzehnten. Dabei hatte man ihn lange unterschätzt und für einen ungezogenen Krawallmacher gehalten.

Es war schwer, sich ein genaueres Bild zu machen, Raab lässt nur selten mit sich reden: Im November 2012 ist sein Büro vollgestopft mit dem üblichen Schwemmgut dieses jahrelangen Fernsehtreibens. An einer Garderobenstange hängen alte Kostüme, Glitteranzüge der Grand-Prix-Phase, als er 2000 mit der Funk-Nummer „Wadde hadde hudde da“ einen Achtungserfolg landete. Allerlei Spielgerät liegt herum, und eine Phalanx gebügelter blauer Hemden erinnert in einer Ecke daran, wie normal Stefan Raab in der überzeichneten Fernsehkulisse zu bleiben versuchte. Der Kragen offen.

„Mich interessiert brennend, wie viele Menschen derselben Meinung sind wie ich“, sagt Raab damals, auf seine Ellbogen gestützt, und legt mit diesem einen Satz das Prinzip seines Denkens offen.

Wissen wollen, was die Masse bewegt.

Sein Aufstieg ist eng verknüpft mit dem Begriff der Spaßkultur, eines Wortes, das für die 90er Jahre Gültigkeit besaß. Seither nicht mehr. Die Welt ist zu ungeordnet und zu gewalttätig, um ihr mit ironischen Reflexen beizukommen. Raab schien unempfindlich für diese Botschaften zu sein. Denn er machte mit seiner Talkshow TV Total einfach weiter.

Gleichzeitig strebte er auf seine Art nach Ernsthaftigkeit. Er entwickelte aus dem Nukleus der TV-Total-Welt immer neue Wettkampfformate. Einige nutzten sich bald ab, weil sie erweiterte Mutproben waren. Andere wie sein in zahlreiche Länder exportiertes Gladiatorenspiel „Schlag den Raab“ oder der „Bundesvision Song Contest“ haben dauerhaften Charme, sie wurden zur besten Familienunterhaltung.

Im Spiel zeigt sich der Wert von Emotionen – vor allem für das Fernsehen.

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