Wie Eberhard Specht um sein Land kämpfte : Die Schande von Dolgenbrodt

Die Nazis haben ihn vertrieben, die Sowjets seine Familie enteignet. Und die Justiz brauchte ein Vierteljahrhundert, um aus Unrecht Recht zu machen. Eberhard Specht war da 99 Jahre alt – und lächelte, als er starb.

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Eberhard Specht als Kind (rechts) mit Mutter und Schwester.
Eberhard Specht als Kind (rechts) mit Mutter und Schwester.privat

Andreas Giese steht am frischen Grab eines Mannes. Ein Hügel aus nassem Sand, dekoriert mit Blumenschalen, am Kopfende steckt ein Holzkreuz. Vom Begräbnis ist noch eine Schleife übrig. „Am Ende siegt das Recht“, steht darauf. Eine Redensart, ein Western- und Snowden-Zitat, aber auch eine Gedächtnishilfe ist dieser Satz für Giese, der jetzt eine Gießkanne holen geht, die Schalen sind zu wässern.

Er hat dem Gestorbenen zu eben jenem Sieg verholfen. Mehr als zwei Jahrzehnte zog sich die Arbeit daran hin. Gerade noch hat Giese gesagt: „So lange Zeit, da weiß man gar nicht, worüber genau man sich nun freuen soll.“ Es war die Antwort auf die Frage, warum ihm, dem Rechtsanwalt, in diesen Wochen nichts Triumphierendes anzumerken sei, auch nicht an diesem Julitag, an dessen Morgen ihm sein Erfolg noch einmal auf 24 Seiten bestätigt wurde. Die schriftliche Begründung eines Urteils war ihm zugegangen.

Sein Mandant hat das Urteil, im April höchstrichterlich gefällt vom achten Senat des Bundesverwaltungsgerichts in Leipzig, noch zur Kenntnis nehmen können. Er lag im Krankenhaus, er habe gelächelt, sagt Giese. Ob er nun glücklich sei, habe er ihn gefragt. Antwort: Das Glücklichsein habe er sich abgewöhnt. Eberhard Specht hieß er, ausweislich des Holzkreuzes geboren am 27. Dezember 1915, gestorben am 28. April dieses Jahres.

Kein Glück, kein Triumph. Stattdessen zwei letzte Wochen im Leben eines 99 Jahre alt gewordenen Mannes, die er in dem Wissen verbrachte, der rechtmäßige Besitzer eines Stückes Land zu sein, das ihm 70 Jahre zuvor weggenommen worden war. Ein vierteljahrhundertlanger Rechtsstreit war zu Ende gegangen, der ihn betraf, aber genauso gut die deutsche Geschichte.

Es ging um das „Dritte Reich“, Flucht und Exil, um Enteignung und Tod. Es ging um die Besatzungszeit, die deutsche Teilung, die Wiedervereinigung. Specht, „der Alteigentümer des Gutes Dolgenbrodt“, könne nun „von der Gemeinde Heidesee die Rückgabe von Grundstücken verlangen“.

Das Urteil war eines gegen alle Wahrscheinlichkeit. Zu oft war schon gegen Spechts Ansprüche entschieden worden. Zu aussichtslos erschien jeder neue Versuch, die Gerichtsbeschlüsse zu kippen.

Wie bringt man so etwas zuwege?

Giese zögert mit einer Antwort. Schließlich sagt er: „Eberhard Specht hatte immer ein Motto, ‚Nicht ärgern, nur wundern.‘“ Vielleicht hat das ja abgefärbt, auf ihn und die anderen, die den Fall in Spechts Sinne vorangebracht haben.

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