Zum Tod von Günter Grass : Sirenengesang und Trommelschlag

Eine Epoche ist vorüber. Messerscharf, manchmal knüppelhart, redete Günter Grass den Deutschen ins Gewissen. Er wurde geliebt und geschmäht wie kaum ein Schriftsteller vor ihm. Ein Nachruf

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Bei der Eröffnung des neu gestalteten Günter-Grass-Hauses am 15. Oktober verteidigte Grass sein umstrittenes Gedicht „Was gesagt...Foto: dpa

Sein wohl letzter öffentlicher Auftritt war vor zwei Wochen noch einmal ein persönlicher Triumph. Hamburg feierte Günter Grass, als am 28. März dort im Thalia Theater eine Bühnenversion seines „Blechtrommel“-Romans Premiere hatte. Und hinterher schüttelten viele, viele dem wie fast immer im rustikalen Cordsakko erschienenen Großschriftsteller die zart gewordene Hand, allen voran Olaf Scholz, der Erste Bürgermeister.
Grass, so erzählt eine enge Vertraute, sei dabei heiter wie lange nicht mehr gewesen. Die Inszenierung des belgischen Regiemeisters Luc Perceval, in der die über 70-jährige zauberhafte Schauspielerin Barbara Nüsse den zwergwüchsigen Trommelbuben Oskar Matzerath darstellt, hatte ihm überaus gut gefallen. „Stellenweise“, so Grass mit einem amüsierten Lächeln, „habe ich ganz vergessen, dass ich der Autor bin.“

Eigentlich konnte Grass, der Auftritte und Auftrieb um sich herum immer liebte, seit zwei Jahren kaum noch ohne eine Beatmungshilfe leben. Er hatte Herzprobleme, und die Lunge des passionierten Pfeifenrauchers versagte immer mehr. Trotz einer akuten Infektion hatte er am vergangenen Samstag vom Bett seines Landhauses in Behlendorf bei Lübeck noch lebhaft telefoniert, in der Nacht zum Sonntag aber kam ein Fieberschub. Seine Frau Ute brachte ihn in ein Lübecker Krankenhaus, wo der 1999 ausgezeichnete letzte Literaturnobelpreisträger des 20. Jahrhunderts am Montagmorgen im Alter von 87 Jahren gestorben ist.

Merkwürdig, so kurz vor seinem Tod hatte die „Blechtrommel“ wieder Saison. Sie wird, mit Blick auf den jetzt 70 Jahre zurückliegenden Zweiten Weltkrieg und das Ende der Nazizeit, auch in anderen Theatern rezitiert und inszeniert, so im Januar in Frankfurt am Main von Oliver Reese, dem designierten Intendanten des Berliner Ensembles, der ehemaligen Brecht-Bühne. Und tatsächlich ist Günter Grass seit Thomas Mann und Bertolt Brecht der in der Welt berühmteste Autor der neueren deutschen Literatur. Oder sagen wir gleich: seit Goethe und Schiller. Ein Klassiker zu Lebzeiten. Geehrt, auch geschmäht, in jedem Fall auch so umstritten wie kein Zweiter.

Leben und Werk von Günter Grass
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13.04.2015 12:04Geschichtenerzähler, Mahner und politischer Provokateur: Günter Grass hat in Deutschland viele Rollen ausgefüllt. Seine Romane...

Ein streitbarer Publizist, Redenschreiber und Interviewgeber

Als Grass vor neun Jahren in seinem Erinnerungsbuch „Beim Häuten der Zwiebel“ zwischen den vielen Schalen als ziemlich dünne Unterhaut fast wie nebenbei offenbarte, dass er als 17-Jähriger zum Kriegsende hin noch Freiwilliger der Waffen-SS gewesen sei, war das ein Schock. Ein Schock, nicht weil der aus kleinbürgerlichem, ideologisch rechts verblendetem Milieu in Danzig stammende G. G. ein eingestandenermaßen dummer Junge gewesen war, der, wie er sagt, mit der „doppelten Rune am Uniformkragen“ nie einen Schuss abgegeben habe. Es war ein Schock, weil das Bekenntnis so spät kam – von einem, der als streitbarer Publizist, Redner und Interviewgeber anderen Menschen jahrzehntelang politisch und moralisch die Leviten gelesen hatte.

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