Tagesspiegel-Salon am 21. Februar 2017 : Tierisches Wettrüsten

Ostesel gegen Westschwein: Jan Mohnhaupt hat die Geschichte der beiden Berliner Tierparks im Kalten Krieg aufgeschrieben. Sein Buch "Der Zoo der Anderen" stellt er im Tagesspiegel-Salon vor.

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Mit Schleichkatze am Tisch. Tierparkdirektor Heinrich Dathe und seine Sekretärin sortieren das Chaos. Der Larvenroller schaut zu.
Mit Schleichkatze am Tisch. Tierparkdirektor Heinrich Dathe und seine Sekretärin sortieren das Chaos. Der Larvenroller schaut zu.Foto: Archiv Tierpark Berlin/Hans Meissner

„Die ersten Tiere werden vom Güterbahnhof Lichtenberg zum Tierpark gebracht. Hunderte Schaulustige säumen die Straßen, denn das haben sie in Berlin auch noch nicht gesehen, dass ein Kamel an der Leine durch die Straßen geführt wird.“ Da war 1958 was los im Tierpark Friedrichsfelde: „Das Ministerium für Schwerindustrie und die Zeitung Neues Deutschland stellen je einen Elefanten, der ,VEB Kälte’ und die ,Konsumgenossenschaft Köpenick’ Eisbären.“ Nachzulesen ist all das im Buch „Der Zoo der Anderen“ von Jan Mohnhaupt. Der Journalist war jahrelang auch für das Sportressort im Tagesspiegel tätig und schrieb für das Lokale über Zoo und Tierpark. Sein neues Buch erscheint am 20. Februar. Einen Tag darauf stellt Mohnhaupt es im „Tagesspiegel-Salon“ vor.

Es ist ein spannendes Lesebuch. Es ist ein politisch-stadtgeschichtliches Werk. Und vor allem ist es eines, das ein leidenschaftlicher Kenner von Tierparks, Zoologischen Gärten und der Tiergärtnerei nach intensiver Recherche verfasst hat. „Ich habe ein Jahr daran gearbeitet, Bücher und Archive durchforstet und mit mehr als 30 Zeitzeugen in ganz Deutschland gesprochen“, erzählt der 1983 im Ruhrgebiet geborene freie Journalist.

Zeitreise in die Berliner Geschichte

Mohnhaupt wollte das schaffen, was es noch nicht gab: Ein Buch über das Verhältnis der beiden konkurrierenden Zoos in einer geteilten Stadt. Der eine in der Bundesrepublik Deutschland, der andere in der DDR. Jan Mohnhaupt erzählt alles nach dem Prinzip des „Reenactment“, er hat also konkrete geschichtliche Ereignisse in authentischer Weise wiederinszeniert, um die Leser mitzunehmen auf eine Zeitreise in die Berliner Geschichte – vom Ende des Zweiten Weltkrieges bis zur Nachwendezeit.

Dafür hat der Autor etwa die Körperhaltung der legendären, sich in der Männerwelt zunächst behauptenden Direktorin Katharina Heinroth auf alten Fotos studiert. Oder Zitate aus seltenen Film-Mitschnitten der beiden rivalisierenden Direktoren Heinrich Dathe, Ost, und Heinz-Georg Klös, West, gesammelt. „Eine reine Auflistung von Fakten hätte ja keiner bis zum Ende durchgelesen“, sagt Jan Mohnhaupt. Mit ihm über Zoos zu reden, bereichert. Ihn zu lesen, macht Spaß. Man erfährt, wie der Zoologische Garten für politische Symbolik benutzt worden war, als John F. Kennedys Bruder Robert 1962 einen Weißkopfseeadler mitgebracht und das Tier nach SPD-Bürgermeister Brandt „Willy“ benannt hatte. Das Alfred-Brehm-Haus im Tierpark wiederum wurde pünktlich zum 70. Geburtstag von SED-Spitzenfunktionär Walter Ulbricht eröffnet. Der frühere ZooExperte des Tagesspiegels und -Aktionär Werner Philipp erzählte Mohnhaupt davon, wie Ost-Berliner vor dem Mauerbau in den Westen gelassen wurden, wenn sie angaben, in den Zoo zu wollen. Da traf sich einst auch die „High Society und das jüdische Berlin“.

Terrarien mit Geckos und Spinnen

Die Idee zu dem 300-Seiten-Werk mit dem etwas länglichen Untertitel „Als die Stasi ihr Herz für Brillenbären entdeckte & Helmut Schmidt mit Pandas nachrüstete“, entstand während der Arbeit als freier Journalist für den Tagesspiegel. „Vor zwei Jahren habe ich für die Mehr-Berlin-Seiten eine Reportage zum 60. Jubiläum des Tierparks geschrieben“, sagt Mohnhaupt. Dann habe ihn Kollege Jens Mühling angeregt, ein Buch zu machen. Und zwar über die beiden Berliner Zoos als politische Orte. Der 33-Jährige, der nach dem Abitur zum Geografiestudium nach Berlin gekommen war und hier ein Volontariat bei der Evangelischen Journalistenschule absolviert hatte, kennt Zoologische Gärten wie kaum ein anderer. So kam es, dass er vom Berlin-Ressort motiviert wurde, auch über Tierhaltung in Zoo und Tierpark zu schreiben. Der Bochumer hatte schon als Kind ein Faible für Tiere. „Mit 14 begann ich, mich intensiv mit Zoos zu beschäftigen, mit Tierhaltung und Geschichte.“ Elf Jahre war Berlin sein Zuhause – die Terrarien mit Geckos und Spinnen sind aber mit zurück ins Ruhrgebiet gezogen.

Jan Mohnhaupts erstes Buch erschien 2015: Die Biografie „Auf der Kippe“ des todkranken ehemaligen Fußballprofis Michael Tönnies, der dank der Unterstützung seiner Fans zurück ins Leben fand. Schön zu hören, wenn der Autor jetzt sagt: „Mit dem Zoo bin ich noch nicht fertig.“

Zeitung im Salon mit Jan Mohnhaupt und Annette Kögel am Dienstag, 21. Februar, 19 Uhr. Eintritt inklusive Sekt und Snack 18 Euro. Infos und Anmeldung.

Kalter Krieg im Reich der Tiere.
Kalter Krieg im Reich der Tiere.Foto: Verlag

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