Bob Geldof und Band Aid 30 : Hilfe für Afrika – ist das kolonialistisch?

Bob Geldofs „Band Aid 30“-Kampagne steht in der Kritik, Afrika als bedürftig darzustellen. Manche werfen ihm Kolonialismus vor. Ist bei solcher political correctness überhaupt noch Hilfe möglich? Adele beantwortet Anrufe von Bob Geldof gar nicht mehr.

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Sieht sich Kritik ausgesetzt. Afrikahelfer Bob Geldof 2009 in Äthiopien.
Sieht sich Kritik ausgesetzt. Afrikahelfer Bob Geldof 2009 in Äthiopien.Foto: AFP

„Bullshit“, das ist alles, was selbst der oberste Gutmensch dieser Welt, Bob Geldof, zu der Kontroverse zu sagen hat. Der Streit konnte den Erfolg der „Band-Aid-30“-Single bisher nicht aufhalten und macht im Gegenteil neugierig darauf, den Text genauer zu studieren. Aber die Kontroverse um die neue, alte Hitsingle, die am Wochenende zum vierten Mal die Hitparade stürmte, um im Weihnachtsrummel Geld und Aufmerksamkeit für Afrika und diesmal insbesondere den Kampf gegen Ebola zu schaffen, wächst. Sie begann damit, dass sich Emeli Sandé, Tochter eines Einwanderers aus Sambia, per Twitter bei ihren Fans für ihre Mitwirkung entschuldigte, „falls der Text Anstoß erregt“.

Anstoß? In ihrer langen Twittermeldung über mehrere Folgen versichert Sandé, sie und die afrikanische Sängerin Angelique Kidjo hätten „eigene Änderungen am Text vorgenommen und gesungen“, die aber dann wieder herausgenommen worden seien. „Ich habe die ganze Woche darüber diskutiert.“ Eigentlich, meinte sie, hätte der ganze Song neu geschrieben werden müssen.

Ist Hilfe für Afrika herablassend?

Kern der immer lauter werdenden Kritik: Der Text „Do they know, it’s Christmas“ sei herablassend und arrogant gegenüber Afrikanern. Am deutlichsten sagte es der in Großbritannien als Einwanderersohn geborene Journalist und Herausgeber des Lifestyle-Magazins „Arena“, Ekow Eshun: „Die kaputten, grotesken, herablassenden und beleidigenden Klischees von Band Aid beschreiben Afrika als Ort der Dunkelheit und des ewigen Leidens.“ Eshun sieht Band Aid in einer Tradition von 300 Jahren Kolonialismus, in der Afrikaner als Problemfälle behandelt würden, die um „die Erleuchtung der Zivilisation betteln“. In Wahrheit wollten Afrikaner nicht Mitleid, sondern Respekt.

So gesehen müsste sich allerdings alle internationale Hilfe dem Vorwurf aussetzen, politisch unkorrekt zu sein, wenn sie dort ansetzt, wo tatsächlich Leiden herrscht und Menschen sich alleine nicht zu helfen wissen. Bob Geldof, der unverdächtig ist, sich politisch unkorrekt zu äußern, lässt sich von der Kritik nicht beeindrucken. „Es spielt keine Rolle, ob ihr den Song mögt oder nicht. Ihr müsst ihn nur kaufen“, beschwichtigt der Initiator. Am besten sogar zweimal. Da das Herunterladen in Großbritannien nur 99 Pence koste, im Gegensatz zu den einstigen Singles von Band Aid II (1989) und Band Aid 20, die 3,50 Pfund kosteten, müssten dreimal so viel Tracks verkauft werden, um die gleiche Spendenmenge zu erzielen. „Auch wenn ihr den Song schon heruntergeladen habt, löscht ihn und kauft ihn noch einmal und noch einmal“, riet der 63-jährige Veteran zahlloser Feldzüge gegen Hunger und Armut. Großbritanniens Schatzkanzler George Osborne hilft nach, in dem er die Mehrwertsteuer für die Downloads ebenfalls spendet.

Aber Bob Geldof gab zu, dass nicht nur Emeli Sandé unruhig war. Der britisch-ghanaische Rapper Fuse ODG sprang bei der Aufnahme ab und kritisierte Band Aid 30 als „Teil eines größeren Problems. Langfristig schädigt das den afrikanischen Kontinent“. Geldof sagt: „Er forderte, man müsse positiver gegenüber Afrika sein. Aber Angelique Kidjo und Emeli Sandé hatten die gleiche Kritik und ich sagte, hier ist die Presse der Welt, sagt ihnen, was ihr denkt“. Sandé nahm Geldof in Schutz: Seine Arbeit sei von „reiner und respektvoller Absicht“, nie habe sie jemand mit solcher Leidenschaft und Integrität sprechen hören.

Eine sarkastische Zeile wurde gestrichen

Es ist das vierte Mal, dass der Band-Aid-Song Furore macht. Die große „Band-Aid-II“-Offensive von 1989 war die erste Aktualisierung des in den frühen Achtziger Jahren für die Äthiopien-Hilfe komponierten Songs. 2004 folgte die dritte Version, „Band Aid 20“ für den Sudan und die Darfur Krise. Für „Band Aid 30“ wurde der Song jetzt Ebola-gerecht umgeschrieben: mit Zeilen wie „there’s death in every tear“ („In jeder Träne lauert der Tod“) oder „Where to touch is to be scared“ („Wo Berühren Angst auslöst”). Andere monierten, dass Bonos alte, wegen ihrem verborgenen Sarkasmus bewunderte Zeile „Tonight thank God it’s them instead of you“ (Danke Gott, dass sie es sind und nicht du selbst), gestrichen wurde.

Superstar Adele, viel kritisiert, weil sie Geldofs Anrufe nicht beantwortet und das Mitsingen ebenfalls verweigerte, war fein heraus, als sie nun durchblicken ließ, dass sie in aller Stille eine größere Spende an Ebola-Hilfsorganisationen überwiesen hat. Vielleicht sei Spenden überhaupt effektiver als ein mehrfaches Downloaden des Songs, sinnierte Kommentator Stuart Dredge auf der Website des „Guardian“.

Wieder andere verweisen auf die Single der französischen Gruppe um Salif Keita, Amadou & Mariam, Tiken Jah Fakoly und Oumou Sangare, alles Afrikaner, die mit afrikanischen Melodien und Rhythmen das Ebola-Problem direkt und praktisch angehen: „Ebola Ebola, unsichtbarer Feind, wenn ihr euch schlecht fühlt, geht zum Doktor, habt Vertrauen in die Ärzte, so können wir die Krankheit stoppen“, singen sie. Das Geld für den Song geht direkt an die Hilfsorganisation „Ärzte ohne Grenzen“, die mit als Erste zur Stelle war, als die Ebola-Epidemie in Afrika ausbrach.

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