Der kleine Unterschied : Viel spricht für die Liebe zum jüngeren Mann

Bei Männern gilt eine junge Frau als Trophäe. Doch wenn sich ältere Frauen etwas Ähnliches erlauben, werden sie schief angeguckt. Dabei spricht viel für die Liebe zum jüngeren Mann. Ein Plädoyer.

Dana Horáková
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Minus 25. Vivienne Westwood ist 68, ihr Mann Andreas Kronthaler ist 43 Jahre alt. -Foto: p-a/ dpa

Schauspielerin Simone Thomalla, Designerin Vivienne Westwood, Sängerin Tina Turner, US-Bestsellerautorin Erica Jong und „Sex and the City“-Erfinderin Candace Bushnell – all diese unterschiedlichen Frauen haben eines gemeinsam: Sie lieben einen Jüngeren. Und was die Männer angeht: Da sind zum Beispiel Hugh Jackmann („sexiest man alive“!) und Matthias Steiner, Olympiasieger im Gewichtheben. Beide leben mit einer älteren Frau zusammen. Ebenso König Carl Gustaf von Schweden und Fußball-Star Rafael van der Vaart.

Die Berichte über prominente Paare, bei denen die Frau älter ist als der Mann, häufen sich. Und das ist kein Zufall – und kein von der Boulevardpresse erfundener Trend. Die Zahlen sprechen für sich: In Deutschland heiratet inzwischen jede Fünfte einen Jüngeren, bei Frauen um die 40 ist es jede Zweite.

Glaubt man der hierzulande größten Singleumfrage, die die Kontaktbörse ElitePartner.de veröffentlicht, so kann sich ein Drittel der über 45-jährigen Frauen sogar vorstellen, einen Partner zu haben, der mehr als sieben Jahre jünger ist. Laut einer anderen Studie, durchgeführt von Emnid, ist eine große Mehrheit überzeugt, ein jüngerer Mann schenke mehr Lebensfreude und besseren Sex.

Umso erstaunlicher, dass es vielen Yoko-Couples (so nenne ich diese Paare – eine Abkürzung für „Young Kisses Old“, die zugleich an die Verbindung zwischen John Lennon und seiner älteren Frau Yoko Ono erinnert) trotzdem schwerfällt, zu ihrer Liebe zu stehen.

Ist in einer Beziehung der Mann der (deutlich) Ältere, so wie bei Franz Müntefering und seiner 40 Jahre jüngeren Bald-Ehefrau, dann wird das nicht nur schmunzelnd akzeptiert, sondern sogar bewundert. Der Mann belohnt sich mit einer Jüngeren so selbstverständlich wie ein Manager mit Dividenden, sie ist das Zeichen seines Erfolg und seiner Potenz.

Attraktive, von Kopf bis Konto unabhängige Frauen im besten Alter müssen sich hingegen die Frage gefallen lassen, ob sie es nötig haben, sich an die Freunde ihrer Kinder heranzumachen. „Robbing the cradle“ (die Wiege ausrauben) nennen das die Amerikaner. Selbstverständlich gibt es auch für den Jüngeren einen abwertenden Begriff: „Toy Boy“ (Spiel-Bube). Weil ihm ein Mutterkomplex nachgesagt oder Gigolomentalität unterstellt wird.

Wie absurd die Klischees sind, wird sofort deutlich, wenn man einen Blick in die Geschichtsbücher wirft. Männer wie Napoleon, Johannes Brahms, Raymond Chandler, Dalí, Balzac, Clark Gable, Franz Werfel, Gottfried Benn, Edouard Manet oder Johann Wolfgang Goethe sollen „Toy Boys“ und Gigolos gewesen sein? Aber sie alle liebten ältere Frauen.

Und Coco Chanel, Agatha Christie, Simone de Beauvoir, Eleonore von Aquitanien, die britische Königin Victoria, Pearl S. Buck, Katharina die Große, Colette oder Georgia O’Keeffe waren sicher keine „geilen Hexen“, nur weil sie mit jüngeren Männern zusammen gewesen sind. Ebenso wenig wie Rosa Luxemburg, die den 14 Jahre jüngeren Kostja Zetkin liebte, Sohn ihrer Parteigenossin und Freundin Clara Zetkin. Über 600 leidenschaftliche Briefe schrieb die Revolutionärin ihrem „Niuniu“ in rund drei Jahren. Es war eine der außergewöhnlichsten Liebesgeschichten des 20. Jahrhunderts – und trotzdem ist sie fast unbekannt. Wahrscheinlich, weil das Unbehagen über Yoko-Couples fast so alt ist wie die Liebe selbst. Denn die Paare bringen die traditionelle Hierarchie zwischen Mann und Frau ins Wanken.

Schon gegen Ende des ersten Jahrhunderts vor Christus schrieb der römische Dichter Catull an seine Lesbia: „Leben lass uns und lieben, meine Lesbia, und das Lästern verkalkter Greise soll uns keinen lumpigen Pfennig wert sein!“ Lesbia war um die zehn Jahre älter, er aber nannte sie „mea puella“, mein Mädchen.

Ein anderes Beispiel: Als Paul Anka, der kanadische Songschreiber, 16 Jahre alt war, verliebte er sich in eine 25-jährige Babysitterin, die nichts von ihm wissen wollte. Daraufhin schrieb er seinen ersten Song, den Welthit Diana: „I’m so young and you’re so old / This, my darling, I’ve been told / I don’t care just what they say / ’Cause forever I will pray / You and I will be as free / As the birds up in the trees.“ (Die Leute sagen, du bis zu alt. Was schert mich das? Ich bete, dass wir so frei bleiben wie die Vögel).

Zwei Stimmen aus zwei Jahrtausenden, mit der gleichen Botschaft: Wir müssen unsere Liebe gegen die Vorurteile anderer verteidigen. Heute, zu Beginn des dritten Jahrtausends, könnte die Zeit nun endlich reif sein für die Yoko-Paare. Mehr noch: Sie könnten für das Beziehungsmodell der Zukunft stehen! Denn die Ältere und der Jüngere passen wunderbar zusammen.

Zuerst zur Biologie: Der Hormonhaushalt des Mannes sinkt ab Mitte 20, er erreicht den Gipfel seiner Zeugungskraft Mitte 30, während die Frau hormonell ihre Hochblüte ab 40 erreicht. Die reife Frau ist seelisch oft im Einklang mit sich selbst, gelassener, aber vor allem bereit, noch einmal durchzustarten. Und dankbar für einen Lotsen, der ihr den Zugang zu einer jüngeren Generation öffnet. Der Jüngere hingegen ist voller Lebensdrang, aber auch ein wenig verunsichert, also auf der Suche nach jemandem, der hilft, seine Kräfte und Talente zu bündeln.

Die Chancen, gemeinsam zu altern, sind bei einem Yoko-Paar wesentlich höher als andersrum. Außerdem leben die Menschen heute länger und sind im Alter zugleich viel vitaler als früher.

Das Wichtigste aber ist: Was in einer Yoko-Beziehung stattfindet – das kann ich aus eigener Erfahrung mit einem knapp zehn Jahre Jüngeren sagen –, ist mehr als ein Rollentausch. Mann wie Frau können in einer solchen Verbindung gleichermaßen stark, anlehnungsbedürftig, vernünftig oder weich sein. Der Jüngere etwa kann seine Schwächen offenbaren, ohne als unmännlicher Warmduscher zu gelten, sie kann die Chefin geben – oder auch nicht. Es gibt keine festgelegten Rollenmuster, dafür mehr Freiraum für Selbstbestimmung – und eine Partnerschaft auf Augenhöhe.

Die Männer, die heute 20, 30 oder 40 sind, wurden meist von emanzipierten, berufstätigen Müttern aufgezogen, die bereits die sexuelle Revolution erlebten. Diese Generation lebt die Gleichberechtigung – die Männer fürchten sich nicht vor einer souveränen, ehrgeizigen Frau, sie akzeptieren die Tatsache, dass ihre Partnerin beruflich vielleicht schon höher steht. Sie übernehmen oder teilen sich die Arbeit im Haushalt, scheren sich (obwohl manchmal verunsichert) nicht um althergebrachte Rollenbilder. Der neue Mann will eine starke Frau, die ihm mit ihrer Erfahrung hilft, seinen Weg selbstsicherer zu gehen, ohne ihn dabei zu bemuttern.

Und die ältere Frau ist weit davon entfernt, ihren Partner in die Rolle des Haushälters zu drängen, sie sucht einen gleichberechtigten Partner, der nicht nach einem starren Schema lebt, sondern für vieles offen ist. Ihr Jüngerer ist weder Sohnersatz noch Statussymbol, kein Tröster einer Gefrusteten und noch weniger ein Leckerli, das man sich gönnt, um nachzuholen, was man bislang vermisste, also Zärtlichkeit, Sex, Respekt. Sie sehnt sich nicht nach Halt und Sicherheit, sondern nach Lebensfreude und einem Mann, der mehr will, als zur Arbeit zu gehen und vor dem Fernseher zu sitzen – wie so manch Älterer.

So wird der Altersunterschied zur Bereicherung für beide.

Und noch zwei wichtige Punkte sprechen für die Yoko-Liebe. Erstens: Das Geld spielt keine so große Rolle wie in „normalen“ Ehen. Keiner von beiden definiert sich über seinen Kontostand. Die Lebensqualität, das Immaterielle ist wichtiger als der Wohlstand (und diese Haltung ist in einer Gesellschaft, die ums Materielle kreist, Gold wert!). Ich kenne keine Ältere, die einen Jüngeren wegen seines Geldes geheiratet hat. Andersrum passiert so etwas schon eher.

Doch vor allem: Die Yoko-Couples bekämpfen die allgemeine Angst vor dem Alter. Wir leben heute zwar durchschnittlich um die 20, 30 Jahre länger als unsere Großeltern, doch das Alter ist ein Tabu und der Jugendwahn greift immer mehr um sich. Die Einzigen, die in meinen Augen mit dem Alter unaufgeregt umgehen, es also weder verdrängen noch dämonisieren, sind eben die Yoko-Paare. Allein schon, weil sie das Altwerden auf die Tagesordnung setzen (müssen), weil sie darüber reden. Sie „nervt“ ihn immer wieder und informiert ihn: Hey, ich bin älter! Und er sagt: Na und? Das tut gut. Der Jüngere ist kein Botox-Jungbrunnen. Aber er reißt seine Frau mit, und sie fühlt sich jünger – nicht weil er ihre Falten verschwinden lässt, sondern weil er diese als Teil von ihr akzeptiert. Er ist der Prinz, von dem sie als Mädchen träumte, und für den sie jetzt fit im Kopf bleiben muss, um mit ihm mithalten zu können.

Was will man mehr?

Kinder, zum Beispiel – das soll nicht verschwiegen werden. Wenn sie ein Baby möchte, weil ihre biologische Uhr tickt, er aber noch nicht so weit ist, dann kann dieser Wunsch zur Feuerprobe ihrer Liebe werden.

Die Autorin, 62, hat zum gleichen Thema vor kurzem ein Buch geschrieben. „Wenn Frauen jüngere Männer lieben“ ist im Zabert Sandmann Verlag erschienen.

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