Ehe und Partnerschaft : Gute Gründe für getrennte Betten

Es ist ein großes Tabuthema: Ein Schlafzimmer für sie, eines für ihn. Doch dafür gibt es gute Gründe. Eine Bettgeschichte.

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Foto: Image/Kitty Kleist-Heinrich/Montage: Thomas Mika

Neulich bei einem Abendessen mit Freunden. Die Frage „Schlaft Ihr eigentlich noch in einem Bett?“ kam dort ungefähr so an, als hätte man sich nach deren letzten One-Night-Stand erkundigt. „Was denkst du denn!“, war die Antwort. Und ob man denn Leute kenne, die getrennt schlafen?! Allerdings, so erzählten sie, sei die 14-jährige Tochter in der letzten Woche ziemlich verwirrt nach Hause gekommen. Sie hatte herausgekriegt, dass die Eltern ihrer besten Freundin Emily statt gemütlich in einem Bett in zwei getrennten Zimmern schlafen. Für besonders glücklich hält man die Emilys jetzt jedenfalls nicht mehr.

Die Schlafzimmerfrage scheint einiges über unser Verständnis von Liebe und Beziehungen zu erzählen; als seien Schlafgewohnheiten so etwas wie ein Spiegel der Beziehung. Nach dem Motto: Nur wer besonders dicht aneinandergekuschelt die Nacht verbringt – jede Nacht –, kann sich auch besonders lieb haben. Das moderne Schlafzimmer ist zwar in den letzten Jahrzehnten immer Mal wieder durchlüftet worden, doch selbst die Aufräumarbeiten der 60er und 70er Jahre haben nicht unbedingt zur emotionalen Entspannung beigetragen. Als Gradmesser gefühlten Beziehungsstands ist die gemeinsame Matratze bis heute romantische Idealvorstellung – bis dass der Tod euch scheidet. Für viele folgt getrennten Schlafzimmern bald schon die sichere Scheidung, mindestens aber der Notanker Paartherapie.

Nun kennt die nächtliche Innigkeit viele Nuancen. Das beginnt mit Alltäglichkeiten wie der Entscheidung für oder gegen einen Schlafanzug. Oder der Bettzeugfrage. So hat sich die große Decke, unter die das Paar gemeinsam schlüpft, Herzschlag an Herzschlag, keineswegs überall auf der Welt durchgesetzt. Die Deutschen scheinen ihr Federbett so ungern zu teilen wie ihr Kopfkissen. Jeder schläft am liebsten kokonartig wie eine kleine Raupe für sich allein unter der warmen Decke. Um mehr als Design geht es auch bei den Betten selbst. Wie intim hätten Sie’s denn gern? Die sogenannten Zwillingsbetten lassen sich je nach Laune und Schlafzimmergestaltung beliebig auseinanderrücken. Oder doch lieber das große, bedeutungsschwangere Doppelbett?

Honoré de Balzac, der in seiner „Physiologie der Ehe“ liebevoll bissig alle Varianten ehelicher Bettgewohnheiten durchspielt, konnte sich nichts Romantischeres als das weltberühmte französische „Grand lit“ vorstellen. Schon aus liebestechnischen Gründen riet er Paaren in den ersten 20 Ehejahren unbedingt zum ritzefreien Doppelbett. Die zwei getrennten Einzelbetten waren für ihn nichts anderes als Liebestöter: „Schande und Fluch dem Erfinder.“

Auf der anderen Seite des Atlantiks wurden die Zwillingsbetten gut ein Jahrhundert später sogar Staatsangelegenheit. Das US-Familien-Ministerium machte die in den 50er Jahren zum letzten Schrei avancierten Singlebetten für die steigenden Scheidungsraten verantwortlich. Singlebetten, hieß es beim Ministerium empört, seien ein Trick der Werbebranche – erfunden, um für die Schlafzimmermöblierung doppelt abzukassieren.

Auch in Deutschland bezog man Stellung. Die Anstandsdame der Adenauer-Zeit, Erica Pappritz, riet mit erhobenem Zeigefinger, die Einzelbetten doch bitte ein gutes Stück auseinander gerückt zu halten, und zwar nicht nur bei Grippeinfekten und Keuchhusten, sondern immer – in gesunden wie in kranken Zeiten. Für uns Kinder war das auch noch das Selbstverständlichste der Welt: Der schnarchende Großvater schlief nicht einfach ein Stück weit weg von der Großmutter, sondern hatte sein Lager nebenan im ummöblierten Gästezimmer aufgeschlagen. Die Großmutter nutzte die freie Bettseite als Kleiderablage. Später wurde die leere Matratze der Ort, wo man sitzen konnte und ihr Gesellschaft leistete.

Es gibt unzählige Gründe dafür, nachts seine eigenen Wege zu gehen, etwa berufsbedingte Schlaf- und Aufstehgewohnheiten. Viel Toleranz ist gefragt, wenn der Liebste seinen Wecker jeden Morgen auf vier Uhr früh gestellt hat. Was man im ersten Liebesrausch registriert, macht sich irgendwann störend bemerkbar: Zappelige Unruhe, knarrende Türen, röhrendes Schnarchen, nächtliche Wanderungen und störende Rückkehr in die Laken lassen sich nur schwer abstellen. Der eine besteht darauf, auschließlich bei geöffnetem Fenster schlafen zu können, der andere kriegt nur bei geschlossenen Läden seine Augen zu. Gar nicht zu reden von grotesken Attraktionseinbußen durch Schlafbrillen, klebrige Ohropax und Kurzschluss-gefährdete Heizmatten. Mancher flieht allnächtlich davor: ins Gästezimmer oder auf die Klappcouch im Wohnzimmer.

Glaubt man diversen Statistiken, halten sich heute in Deutschland noch über 90 Prozent aller Paare an die gemeinsame Schlafstatt. Privaten Umfragen und den neuesten Klatschspalten zufolge scheint diese Zahl allerdings ziemlich hoch gegriffen zu sein. Alleinschlafen soll inzwischen sogar mainstream-tauglich geworden sein. Und zwar ausgerechnet in Amerika, wo Hochzeiten eigentlich gar nicht überladen genug sein können, um als symbolischer Liebesbeweis ernst genommen zu werden.

Nach einer 2005 veröffentlichen Studie der „National Sleep Foundation“ schläft bereits eins von vier US-Pärchen in getrennten Betten. Auch Brad Pitt und Angelina Jolie gehören angeblich zu den neuen Schlafzimmer-Aufgeklärten. Allerdings wird die Immobilienkrise den Trend möglicherweise etwas bremsen: Das Modell getrennter Schlafzimmer hing schon immer auch vom finanziellen Polster und den zur Verfügung stehenden Quadratmetern ab. Bis Mitte des 19. Jahrhunderts hieß für die meisten, ein Bett zu haben, so viel wie ein Dach über dem Kopf. An eigenen Schlafraum war lange nicht zu denken. Häufig musste man sich das Bett sogar zu mehreren teilen.

Auch da, wo die Mittel für den Komfort vorhanden waren, fehlte dem Schlafraum die heutige Privatheit. Königliche Herrscher hielten vom Bett aus Hof. Erst mit dem Bürgertum und der Liebesheirat wurden Schlafzimmer privat und die Vorstellung selbstverständlich, dass man als Liebespaar dicht aneinandergeschmiegt die Nacht verbringt.

Das war sozusagen die Geburtsstunde des modernen Schlafzimmers. Bis heute werden dort denn auch Belege harmonischer Seelenverwandtschaft inszeniert – wie die kleinen spiegelgleichen Nachttischchen und Nachttischlämpchen, die wärmenden Bettläufer, je einer auf jeder Bettseite, und die paarig gehängten Fotos der Kleinen im Silberrahmen.

Als Symbol für Eheglück und Anstand sind Schlafzimmer auch lange so etwas wie intime No-Go-Zonen gewesen, deren Betreten für Gäste immer etwas peinlich war. Bloß in Hollywood hat man nie darauf verzichtet, die Liebesnester in alter Königstradition mit gigantischen Kulissen als öffentliche Bühnen in Szene zu setzen.

Scarlett O’Hara räkelte sich mittig drapiert wie eine kleine Sex-Praline auf ihrer Riesenmatratze. Der Szenenbildner Cedric Gibbons, der viele ausladend erotische Bettkulissen für Hollywood entwarf, soll über den eigenen Sex, so jedenfalls im Scheidungsantrag seine später mit Orson Welles entflohene Frau Dolores del Rio, allerdings „immer nur geredet“ haben. Seiner eigenartigen Ehe hat Gibbons immerhin ein rührendes Denkmal gesetzt: Er ließ in seiner Villa in Santa Monica eine Verführungsszene konstruieren, bei der die Schlafräume des Paares eine Trittleiter verband, die wie im schlechten Ritterroman einzig von Frau Dolores herunterzuklappen war.

Um das Nachäffen königlicher Großzügigkeiten geht es den meisten modernen Einzelschläfern wohl weniger als um private Freiheiten. Mit dem Zugeständnis auf die eigene Intimsphäre, die der Schlafraum wie kein anderer Raum verkörpert, wird Liebe und Zuneigung nicht gleich in Alltäglichkeiten und geteilten Kissen erstickt.

Allerdings scheint auch die Vereinzelung der Interessen eine wichtige Rolle zu spielen: „Wie krieg ich mein bestes, gesündestes Schlafklima?“ ist mittlerweile zur entscheidenden Frage geworden. „Wie schlaf ich mich fit für den nächsten Arbeitstag?“ Das gelingt vielen – selbst wenn sie am liebsten beieinander bleiben würden – anscheinend besser allein als zu zweit. Wie das Wissenschaftsteam um den Wiener Verhaltensbiologen John Dittami vor einigen Jahren belegte, ist Alleinschlafen vor allem für Frauen oft gesünder und erholsamer, da sie evolutions-psychologisch als Hüterinnen der Familie wachsamer und geräuschempfindlicher schlafen. Während hingegen Männer in der Regel ihre Nächte ruhiger und entspannter neben ihren Partnerinnen verbringen.

Allerdings gibt es inzwischen für jedes Verhalten auch schon wieder eine eigene Studie. So findet Paul Rosenblatt von der Universität in Minnesota, dass die ständige Anpassung an sich verändernde Lebensverhältnisse wie Kinder, Schnarchen und Schlafrhythmen durchaus positiv zu beurteilen sei. Rosenblatt hat für sein Buch „Two in a Bed: The Social System of Couple Bed Sharing“ 42 Paare interviewt. Die gelebte Intimität des gemeinsamen Schlafens, so der Professor, sei eine zivilisatorische Errungenschaft – die warm hält, das Sexualleben fördert und in Notfällen wie Diabetesschock oder Herzinfarkt sogar lebensrettend sein kann.

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