Welt : Eingebürgert!: Der Kiosk am Bonner Bundeshaus

Susanne Kippenberger

Eigentlich haben sich die Bonner ja ziemlich gut eingelebt in Berlin. Erst wollte keiner hier her, jetzt will keiner mehr weg. Derweil ist Bonn immer berlinischer geworden. Am Rhein fließen die Subventionen so kräftig wie einst nur an der Spree, und jetzt haben sie dort auch noch die Sperrstunde abgeschafft. Wahrscheinlich haben die Emigranten den Zurückgeblieben vorgeschwärmt, wie schön das ist, morgens um vier, das 18. Kölsch in der Hand, mit Blick auf Tränenpalast und Spree, am Tresen der Ständigen Vertretung zu stehen. Denn so klug sind die Bonner schon gewesen: Worauf sie partout nicht verzichten wollten, das haben sie einfach mitgebracht. Ihren Lieblingswirt samt Kneipe zum Beispiel, den Karneval natürlich auch. Haben wir auch gar nichts gegen. Nur eins haben sie vergessen: den Kiosk am Bundeshaus. Der kleine Bau mit dem eleganten 50er-Jahre-Schwung war für die bundesdeutsche Republik von so großer Bedeutung, dass er inzwischen sogar unter Denkmalschutz steht.

Komischerweise ist die Kiosk-Kultur in der Hauptstadt der Currywurst ja ausgesprochen unterentwickelt. Es gibt etliche Pommesbuden, einige wenige Zeitungskioske, und jede Menge schicker dicker Straßen-Klos, die nur von weitem wie Kioske aussehen: An denen kriegt man nichts. An den Buden von Rhein und Ruhr dagegen kriegt man alles: Leberwurst und Branntwein-Essig, gute Ratschläge und den Tagesspiegel, Mäusespeck und Zigaretten, belegte Brötchen und gute Gesellschaft. Am Bonner Kiosk in der Görresstraße konnte man manchmal mehr über die aktuelle Politik erfahren als im Bundestag. Da gabs nicht nur den "Generalanzeiger", sondern auch Informationen, die nie gedruckt worden sind.

Für den Reichstag wäre so ein Gemischtwarenladen eine echte Bereicherung. Nicht umsonst ist es an einer guten Bude immer voll, in den vielen teuren Restaurants Unter den Linden und drumherum oft gähnend leer: Zu einseitig ist das Angebot. Der Umzug wäre kein Problem, da sind die Neu-Berliner Profis, und Kiosk-Besitzer Jürgen Rausch wäre bestimmt froh, wenn er nicht den Debatten der Maggi-Vertreter im einstigen Bundestag zuhören müsste. Dann schon lieber Berliner Politiker.

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