Essen & Trinken : Brot Ein für die Welt

Das Sandwich feiert Geburtstag. Ein Earl gab ihm vor 250 Jahren den Namen – und es begann seine globale Karriere. Eine Reise zu den Ursprüngen in England.

von

Man muss sich doch nur mal ausmalen, wie das wäre, ein Portsmouth zu bestellen. Erst dieses „ts“, dicht gefolgt vom englischen „th“ und das womöglich noch mit vollem Mund: „Bringen Sie mir doch bitte noch ein Portsmouth.“ Niemals hätte sich die englische Form des belegten Brötchens international durchgesetzt. So aber, mit dem Sandwich, dürfen sich die Engländer als Erfinder der Klappstulle fühlen.

Dabei hätte Edward Montagu ja lieber den Titel Earl of Portsmouth gehabt. Doch selbst wenn Englands König Charles II. gewollt hätte, dort gab es schon einen Lord. Die Hafenstadt Sandwich war dagegen nicht vergeben. So geht in aller Kürze die Geschichte, wie Montagu 1660 zu seinem Titel Earl of Sandwich kam, nachdem er seinen König aus dem Exil zurückgeholt hatte. Und Majestät dem treuen Montagu einen Gefallen schuldete.

Noch einmal 100 Jahre später, 1762 ganz genau, soll es dann der inzwischen vierte Earl of Sandwich gewesen sein, der dem belegten Brot den Namen gab. Zwei Versionen kursieren. Die eine behauptet, der Earl sei ein fleißiger Mann gewesen, der sich nur ungern vom Schreibtisch erhob. Die andere, ungleich populärere beschreibt den Earl als einen passionierten Spieler, der seine Karten nicht für eine Mahlzeit aus der Hand geben wollte und deshalb Fingerfood orderte. Worauf seine Spielkameraden gesagt haben sollen, sie hätten gern, was ihr Freund Sandwich da gerade verzehre.

Das ist nun 250 Jahre her. Der Ort Sandwich, zwischen den Kanalhäfen Dover und Ramsgate gelegen, hatte damals bereits seine großen Jahre hinter sich. Inzwischen ist der Hafen komplett versandet. Das Meer ist nicht mal mehr in Sicht. Der Name Sandwich aber, man möge den Kalauer entschuldigen, ist in aller Munde.

Der langsame Niedergang hatte auch sein Gutes. „Dies ist die am besten erhaltene mittelalterliche Stadt Englands“, sagt Mandy Wilkins mit hörbarem Stolz und zeigt auf ein Tudorhaus, in dem Queen Elizabeth übernachtet haben soll. Die erste natürlich – die von vor 400 Jahren und nicht die von heute. Anderswo hätte man vielleicht Geld für Neubauten ausgegeben, hätte abgerissen, verbreitert, modernisiert. In Sandwich wurde erhalten.

Mandy Wilkins liebt diesen Ort, die große Welt da draußen kennt sie ja schon. Als sie im London der Swinging Sixties lebte und in New York, als sie mit ihrem Partner die Schuhmarke Chelsea Cobbler begründete. Janis Joplin schaute vorbei, Chris Squire, Sänger der Band Yes, ließ sich von ihrem Hund den Mantel anknabbern, und Marc Bolan von T-Rex war ihr Nachbar. Jetzt aber ist Mandy Wilkins Mitglied der Sandwich Society, ihr Herz gehört einer mittelalterlichen Stadt.

Die Idylle ist bedroht. Pfizer geht weg, jedenfalls beinahe. Der Tablettenriese, der jenseits der Stadtmauern 5000 Menschen Lohn und Brot gab und die Sandwich Society großzügig unterstützte. Nur 700 sollen bleiben.

In solch einer Situation erinnert man sich seiner alten Qualität. Sandwich rüstet sich, den 250. Geburtstag des Sandwiches zu feiern, am 12. und 13. Mai. Mit barocker Musik und natürlich mit einem Wettbewerb für das beste belegte Brot. Zweifel an den Entstehungsgeschichte der Urversion sollen zerstreut werden, indem man sie nachstellt. Man hat sich für die Kartenspieler-Version entschieden. Keith Wells, Vorsitzender der Sandwich Society, stellt sein Esszimmer zur Verfügung.

Wahrscheinlich würde sich der echte Earl bei ihm sofort zu Hause fühlen, denn Wells’ Haus ist original georgianisch, das Esszimmer eines Earls aus dem 18. Jahrhundert würdig, von den Kerzenständern bis hin zur eichenen Tafel. Wells, ein Versicherungsmakler im Ruhestand, der zeitlebens in einem dem Georgianischen Zeitalter nachempfundenen Haus davon träumte, einmal ein echtes zu besitzen, strahlt, wie eben jemand strahlt, dessen Traum in Erfüllung ging. Er trägt Rüschenhemd, Weste und einen schwarzen Zweispitz. Die Hosen passen nicht dazu, am 12. Mai wird er natürlich Kniebund tragen.

Und damit auch in Zukunft klar ist, wer die besten Toasts belegt, wird dann zur Battle of the Sandwich aufgerufen. Der Wettbewerb heißt Sandwich gegen Baguette, und der Herausforderer kommt aus Sandwichs französischer Partnergemeinde Honfleur. Natürlich lassen sich die Bürger von Sandwich angesichts dieser Herausforderung nur ungern in die Karten gucken. Nervosität ist jetzt schon spürbar. Trotzdem die Frage an Mandy Wilkins: Wie sieht es denn nun aus, ein original englisches Sandwich?

Sie bevorzugt den Klassiker, der traditionellerweise von englischen Damen um 16 Uhr zum Tee genommen wird (nicht zu verwechseln mit High Tea um 17 Uhr, der proletarischen Version mit deftigerer Kost): zwei Scheiben Weißbrot ohne Rinde, in Dreiecke geschnitten, belegt mit Gurkenscheiben und etwas Salz. Dicht auf in der Beliebtheit als Beilage zum Tee rangiert das Sandwich mit Mayonnaise und Ei. Serviert wird kalt.

Doch kann man mit dem blassen Gurkentoast wirklich ein raffiniert belegtes Baguette in die Schranken weisen? Neuer Versuch, diesmal bei einem Profi: Ricardo Isolini ist Küchenchef im Hotel „The Bell“, dem ersten Haus am Platz – wenngleich der Bau aus dem 19. Jahrhundert viktorianisch und damit eines der neueren Gebäude in Sandwich ist. Isolini stammt aus der Toskana, aber vor 20 Jahren hat es den heute 55-Jährigen nach England verschlagen, „der Liebe wegen“.

Ein gutes Sandwich steht und fällt mit der Qualität des Brotes, erklärt Signore Isolini. Er bezieht sein Brot von einem lokalen Bäcker. Was in England nicht leicht ist, Bäcker sind dort eine bedrohte Spezies. Isolini schwört auf Zutaten der Region, die Butter stammt aus England, die Tomaten auch, sie sehen ein wenig blass aus. Beliebtestes Sandwich im „Bell“ ist das Club Sandwich, ein dreilagiger Gigant mit Hühnchen. Ausgerechnet, beim Club Sandwich handelt es sich nämlich um den amerikanischen Vetter. Angeblich wurde es 1894 in Saratoga Springs im US-Bundesstaat New York erstmals belegt, im selben Club, in dem auch die Kartoffelchips erfunden worden sein sollen.

Isolini lenkt ein und bereitet ein Roastbeef-Sandwich zu. Er verwendet dazu ein Vollkornbrot, ungewöhnlich, gemeinhin gilt das Weißbrot als originär. Er lässt die Rinde dran, belegt es mit Tomate, Brunnenkresse und von ihm zubereitetem Roastbeef. Das zartrosa Beef wird sehr großzügig verwendet. Oben drauf gibt es Meerrettich. Signore Isolini dürfte nicht ohne Chancen in den Wettkampf gehen. Aber hat der Earl seinerzeit tatsächlich Wert auf Brunnenkresse gelegt?

Diese Frage geht an den ehrenwerten Orlando Montagu. Montagu ist der zweitgeborene Sohn des derzeitigen elften Earls of Sandwich. Montagu ist heute 42, als Student fuhr er selber Sandwiches aus, inzwischen ist er das Aushängeschild der Earl-of-Sandwich-Shops. 20 dieser Imbissläden gibt es in den USA. In Europa ist der Earl mit Filialen nur in Disneyland Paris präsent und seit einem Jahr in London, unweit der St. Paul’s Cathedral.

Natürlich wirbt der Earl-of-Sandwich-Shop mit einem Familienrezept, sie nennen dieses Sandwich das „Original 1762“. Es besteht vor allem aus einer gewaltigen Menge Roastbeef, dazu Cheddar Cheese, Meerrettich und zwei Scheiben Brot, serviert in – noblesse oblige – Goldfolie. So muss man sich das Vorbild wohl tatsächlich vorstellen, fleischlastig wie es dem Geschmack des 18. Jahrhunderts entsprach. Tatsächlich ist die gleichfalls angebotene Variante mit mehr Salat heute beim Publikum etwas beliebter.

Wie aber gedenkt der Nach-Nach-Nachfolger des seligen Earls die Konkurrenz in Schach zu halten, die sich mit einer Filiale der Kette „Pret A Manger“ gleich gegenüber einquartiert hat. „Mein Vorfahr war ja nicht der Erfinder des belegten Brotes, er war ein Trendsetter in Sachen Fastfood“, sagt Orlando Montagu, und so wolle man es auch halten. Also: Sein Geheimnis besteht aus dem eigens für den Shop gefertigten Brot und in einem vor den Augen des Kunden frisch zubereiteten Sandwich, das heiß serviert wird. Montagu ist ein großer Anhänger der These, dass das kalt servierte Sandwich eine Erfindung der Catering-Industrie sei, praktisch, aber so habe es der Earl bestimmt nicht essen wollen.

Natürlich werden auch Orlando Montagu und sein Vater in Sandwich während des Wettbewerbs präsent sein, und zwar als Gastgeber. Es liege ihnen schon einiges an dem Ort. Für nächstes Jahr ist die Errichtung eines Denkmals zu Ehren des vierten Earls geplant, jenes Mannes, der ja nicht nur das Sandwich erfunden hat, sondern als Marineminister auch ein Förderer des legendären Kapitäns James Cook gewesen ist. Cook revanchierte sich, indem er Sandwich während seiner Weltumsegelung auf der Landkarte verewigte: Er benannte die Sandwichinseln nach dem Earl, heute sind sie bekannter als Hawaii. Ja, vom Sandwich zum Toast Hawaii ist es eigentlich nur ein ganz kleiner Sprung.

0 Kommentare

Neuester Kommentar