Kolumne: Von Tisch zu Tisch : Linsenterrine mit Wachteln im "Alten Fritz"

Himmel, welche Tradition. Über 700 Jahre gibt es das Gasthaus an der Karolinenstraße in Tegel, und es wäre sicher interessant, einmal zu erfahren, was auf der ersten Speisekarte gestanden hat. Waren es Wildschweine aus eigener Jagd, am Spieß gebraten? Und aus welchem Grund kamen damals die Gäste? Waren sie auf der Durchreise, oder hingen auch damals einige einfach so an der Theke herum, abgefüllt mit Met und anderen scheußlichen Getränken?

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Alter Fritz, Karolinenstr. 12, Tegel, Telefon 433 50 10, geöffnet Dienstag bis Sonntag ab 17 Uhr. Foto: Kai-Uwe Heinrich
Alter Fritz, Karolinenstr. 12, Tegel, Telefon 433 50 10, geöffnet Dienstag bis Sonntag ab 17 Uhr.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Es geht hier also um den „Alten Fritz“, der bei seiner Gründung um 1410 natürlich nicht so hieß. Auch die gegenwärtigen Eigner haben das Konzept des Hauses alle paar Jahre geändert, um es den jeweiligen Gegebenheiten anzupassen. Eine der wichtigsten bestand zweifellos darin, dass nach dem Mauerfall niemand mehr einen solchen typischen Ausflugsgasthof innerhalb der Stadtgrenzen haben wollte. Das Ergebnis waren häufige Notoperationen am Konzept: Beim letzten Mal wurde die auch noch nicht sehr alte Gasthausbrauerei zum schicken Weinlokal mit weißen Wänden und roten Ledersesseln umgemodelt; parallel reüssierte aber das „Wiesenstein“ in der Alten Waldschenke gegenüber mit simpler, ein wenig spießiger Schwabenküche.

Also ist nun auch der „Alte Fritz“ wieder ein Landgasthaus, aber ein aufgeklärtes. Die Einrichtung verbindet Moderne mit traditioneller Gemütlichkeit, in mehreren Öfen glühen Holzscheite – das finde ich atmosphärisch stimmig, es ist das, was ein anspruchsvoller Gast erwartet, wenn er an den Waldrand reist.

Aber wie zieht sich nun die Küche aus der Affäre? Ich habe hier noch nie so gut gegessen und hoffe, dass das so bleibt – dann hätten wir hier ganz klar eines der besten kulinarischen Ausflugsziele Berlins. Dabei ist angesichts des Preisniveaus Skepsis durchaus angebracht, denn drei Gänge für 33 Euro einschließlich Wein können eigentlich nur ein Rechenfehler sein – oder eben Murks ergeben.

Doch es kommt kein Murks. Die Menüportionen sind ziemlich klein, aber sei’s drum. Seesaibling mit Pellkartoffeln, Brunnenkresse und Kaviar-Crème-fraîche, das ist im modernen Stil in einem tiefen Teller aufeinandergeschichtet, und der Kaviar ist natürlich nicht vom Stör, sondern vom Saibling. Es schmeckt prima, der Fisch ist perfekt gegart, die Balance zwischen würzigen Elementen und der Sahne gut gelungen. Hauptgang im Menü: Lamm, geschmort und gebraten, mit ligurischem Gemüse und „Bohnencassouletcreme“, wieder so was. Sieht gut aus, schmeckt gut, ist handwerklich einwandfrei mit weich geschmorter Schulter und rosa gebratener Hüfte (vermute ich), ein paar Klecksen sanftem Bohnenpüree, etwas zu dominantem Pesto aus getrockneten Tomaten, Respekt! Selbst der etwas verspielt angerichtete Teller mit einer Schlange aus Schokocreme mit Mandarinen hatte keinerlei Verlegenheitscharakter, sondern war ein angenehmes, munteres Dessert.

Nun das Ganze noch einmal à la carte. Die Linsenterrine mit Wachteln ist eine schicke, handwerklich nicht einfache Kreation auf einer Schieferplatte: zarte Wachtelbrust drinnen, dann die Linsen in Gelee, drumherum ein dünner Teigmantel, eine süßliche (Feigen-?)Sauce dazu, auch wieder ziemlich gut gelungen. Hauptgang: Frischlingsrücken mit Aprikosen-Schwarzwurzeln, Herbsttrompeten und Mohn-Schupfnudeln, nicht mal 20 Euro, ach, ich will nicht langweilen, auch das war wieder exakt das, was wir so oft (auch draußen in Brandenburg) suchen, aber nie finden. Eher liegt mitten im finsteren Wald ein Sterne-Restaurant als so was am Berliner Stadtrand. Noch eine Crème brulée mit Heidelbeeren, das ist gewiss etwas brav, aber es passt ins Bild der gelassenen Professionalität, die ich hier nie erwartet hätte.

Über die Weinkarte kann ich noch nichts sagen, denn sie beruhte bei unserem Besuch noch auf dem Keller der Weinstubenphase; ein neuer Lieferant soll im neuen Jahr Änderung bringen. Meinethalben kann die Ausverkaufsphase noch lange anhalten: Den 2009er Franken-Silvaner, ein Großes Gewächs vom Julius-Echter-Berg (Wirsching), wird man wohl kaum anderswo für nur 34 Euro bekommen. Fahrt hin, Leute!

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