Essen & Trinken : lacht Hier der Koch noch selbst

In diesem Restaurant bezahlt man mit Humor anstelle von Geld. Soll das ein Witz sein? Nein, eine Kunstaktion mit echtem Essen! Ein Besuch in Zürich

von
Kochender Reis ist Geborgenheit. Gäste im Humor-Restaurant (links) und Küchenchef Kim beim Zubereiten der Speisen.
Kochender Reis ist Geborgenheit. Gäste im Humor-Restaurant (links) und Küchenchef Kim beim Zubereiten der Speisen.

Die Restaurantbesucher haben gegessen, jetzt geht es ans Zahlen. Der Wirt kommt an den Tisch, Restaurantbesucherin eins hatte Sushi. Sie atmet kurz durch und sagt: „Der kleine Tim liegt krank im Bett, der Arzt kommt. Der kleine Tim: ‚Herr Doktor, sagen Sie mir die Wahrheit. Werde ich eines Tages wieder zur Schule gehen können?’“ Der Wirt verzieht keine Miene, wendet sich Restaurantbesucherin zwei zu. Sie hatte scharf angebratenen Reis mit Lachs und erzählt ebenfalls eine Geschichte. Dass sie neulich auf dem Bahnhof ein Blind Date mit jemanden aus dem Netz hatte. Ein Mann ging auf sie zu, sie unterhielten sich. Als sie gerade gemeinsam los wollten, bemerkte sie, dass der Mann zwar verabredet war, aber nicht mir ihr. Sie hatte die ganze Zeit mit einem völlig Fremden geredet. Der Wirt nickt den beiden Frauen zu. „Bezahlt“, sagt er.

Byung Chul Kim heißt der Wirt, und die Gaststätte, die er führt, nennt sich Humorrestaurant. Das klingt wie ein Restaurantsketch, nur dass bei Byung Chul Kim nicht der Restaurantbesuch den Sketch ausmacht, sondern die Sketche den Restaurantbesuch. Beziehungsweise das Geld, das man zum auswärts Essen braucht. Bei Kim kann man jedes Gericht mit etwas Lustigem bezahlen. Mit einer Geschichte, einem Witz oder einer Performance. Oder einfach damit, dass man wie ein Affe am Boden herumhüpft, was letztens mal einer gemacht hat.

Zu essen gibt es im Humorrestaurant koreanische Spezialitäten, Byung Chul Kim kommt aus Seoul. Kim-Bab etwa, die koreanische Form des Sushi, gefüllt mit Lachs, Thunfisch oder Ei oder mit allem zusammen, in Korea ein beliebter Imbiss oder ein schnelles Mittagessen. Oder Bibimbap, angebratener Reis mit Gemüse und Ei, Fleisch oder Fisch und viel Chilipaste darunter. Auf einer Tafel hinter der Theke hat Kim mit Kreide die verschiedenen Preise angeschrieben: 9, 12, 13, 15 Franken. Oder eben: „Gegen Humor gratis!!“

Solche Dinge sind oft Kunst, so auch in diesem Fall. Byung Chul Kim, 37 Jahre alt, ist Künstler in Stuttgart. Bekannt wurde er mit seinem Performance-Hotel, in dem 2009 bis 2011 jeder gratis übernachten konnte, der etwas vorführte. Im vergangenen Jahr gab es den Performance-Express, da bekam man gegen eine Performance ein Ticket für den Zug nach Metz oder Paris.

Aber Byung Chul Kim ist auch Koch. Seine Mutter hatte ein Restaurant in Seoul, sie kochte traditionell und mit viel Kimchi. Als Kind hat Kim die meiste Zeit bei ihr verbracht, er hat abgewaschen oder einfach nur in die Töpfe geguckt. Noch immer verbindet er mit kochendem Reis Geborgenheit. So lange der Reiskocher lief, lief auch das Restaurant, war die große Familie versorgt. „Wo Reis kocht, ist Glück“, sagt Kim.

Jetzt also Kochen und Kunst. In Stuttgart gab es das Humorrestaurant schon, Ende August war Kim eine Woche lang in Zürich. In einem kleinen Laden mit großen Fenstern und ein paar Tischen aus hellem Sperrholz. Früher war hier mal eine chemische Reinigung, jetzt ist es der Kunstverein „Wäscherei“, irgendetwas zwischen Galerie, Café und Nachbarschaftszentrum. Kim steht in Jeans und einem einfachen grauen T-Shirt an der Theke. Er schnippelt Gemüse, streicht mit einem Holzlöffel Sushireis auf ein dunkelgrünes Noriblatt wie ein Maler Farbe auf eine Leinwand. An der Wand hängen drei Schilder, darauf ist in rot gemalt: „No money, not funny, no food.“ Was so viel bedeutet wie: Die Preise hier sind ein Witz. Oder eben nicht.

Wobei Kim sich nicht anmaßen will, zu entscheiden, was lustig ist oder nicht. Er urteilt nach Art der Darbietung oder den Reaktionen der Gäste. Die, bei denen keiner lacht, zahlen die Hälfte. Der Typ, der fragte, ob es schon einen Ösi-Witz gab, musste alles selbst bezahlen. Zu voller Höhe anerkannt hat Kim hingegen den Witz vom Mann, der ein Job-Inserat liest. Da steht: Herumsitzen, 20 Franken die Stunde. Der Arbeitsplatz ist im Zoo, dem Mann wird gesagt: Setz dich in den Käfig und spiel einen Affen. Der Mann beginnt herumzuhüpfen und trommelt sich auf die Brust. Da sagt der Löwe aus dem Käfig nebenan: Was machst du da, willst du, dass wir alle arbeitslos werden?

Der Mann, der den Witz erzählt, ist auf einem Video zu sehen, das in Endlosschleife im Schaufenster des Restaurants läuft. Kim hat ihn gefilmt, wie all die anderen Gäste mit ihren Witzen von Ärzten, Frauen, Politikern, Oktopussen. Die einen leicht angetrunken, Alkohol und Witze-Erzählen gehörten immer schon zusammen. Die anderen bierernst, als müssten sie einen Bankberater überzeugen, ihren Kreditrahmen zu erhöhen.

Oder die beiden Studenten, die auf Facebook vom Humorrestaurant erfahren haben. Bis Kim die Teller und die Kanne mit dem grünen Tee aufträgt, stecken sie die Köpfe zusammen und überlegen, was sie Lustiges tun könnten. Sie gehen zu den anderen Tischen und bitten jeden Gast, einige Verben aufzuschreiben. Sie nehmen eine Zeitung, die herumliegt, und ersetzen die Verben daraus mit den eingesammelten. Das tragen sie dann vor, und durch die Verfremdung klingt der Artikel aus dem „Quartier-Echo“ über Gleisbauarbeiten in Zürich-West plötzlich wie ein surrealistisches Gedicht. „Bezahlt“, sagt Kim. Das sind ihm auch die liebsten Gäste. Die dem Wert der Nahrung und seiner Arbeit die eigene Anstrengung, witzig zu sein, entgegensetzen. Eines ist allerdings bei allen Witzen gleich: Byung Chul Kim hat kein einziges Mal gelacht.

Es gebe keinen guten oder schlechten Humor, sagt Kim. „Humor ist, was man für andere Leute macht.“ Er selbst hat auch eine Performance entworfen: „Die Entdeckung des großen Muschismus“. Die Zeichnungen dazu hängen an der Wand, mit hohem Charlotte-Roche-Faktor, aber sehr komisch. Es geht darum, dass man in verschiedensten Dingen des Alltags das weibliche Geschlechtsteil entdecken kann: In der Ritze des Fahrradsattels genauso wie in einem Astloch oder in den Hautfalten einer Armbeuge.

Kim hat in Korea Malerei studiert. Das Studium war hart, wegen der hohen Gebühren. Ein Leben als Künstler konnte sich Byung Chul Kim in Korea dann nicht mehr vorstellen. Er ging nach Berlin, wo er Deutsch lernte und sich an allen Kunsthochschulen des Landes bewarb. Eine hat ihn schließlich genommen, die Staatliche Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart. Seither macht Kim Kunst im öffentlichen Raum, nur dass er seine Räume mit öffentlicher Kunst füllt. Für die Zukunft hat er vor allem einen Wunsch: „Eine richtige Krankenversicherung.“ Leider bekommt man die nicht gegen Humor gratis.

Während drinnen im Restaurant der Reis vor sich hinköchelt, erwacht draußen langsam der Kiez. Die Langstraße ist um die Ecke, das Zürcher Rotlichtviertel, in dem in den vergangenen Jahren so viele Galerien, Bars und Klamottenläden aufgemacht haben. Man sieht viel Partyvolk und Hipster mit Laptops, dazwischen stöckeln aufgebrezelte Prostituierte die Straße entlang. Das Humorrestaurant passt perfekt in die Gegend: Jeder muss sich hier so gut wie möglich verkaufen.

Wobei nur eine Minderheit sich zutraut, lustig zu sein. 60 Prozent der Gäste zahlen ihr Essen freiwillig selbst, sagt Kim. So kann der Künstler wenigstens die Zutaten kaufen. Ein bisschen etwas hat auch die koreanische Botschaft spendiert, der auf einem ausgeschnittenen Pappe-Herz gedankt wird.

Ein Pärchen betritt den Laden und studiert das Menü. Er ist Busfahrer und wird sein Essen später mit einer Geschichte von einer Busfahrt mit vielen Umleitungen bezahlen. Sie stellt sich als Doro vor, vor einer Woche ist sie aus Deutschland nach Zürich gezogen, um hier als Lehrerin zu arbeiten. Doro kennt Kim aus Stuttgart, sie hat neben dem Performance-Hotel gewohnt, sah die Leute kommen und aus sich herausgehen. Reisende, Künstler, aber auch welche, die ein Dach über dem Kopf brauchten und sich in dem Kunstprojekt regelrecht einmieteten. Doro bestellt Kim-Bab mit Lachs, Tunfisch und Ei. Als es ans Zahlen geht, nimmt sie ihren Stuhl, setzt sich in die Mitte des Restaurants und beginnt einen Witz zu erzählen, der „Der Logiker“ heißt. Was Doro nicht weiß: Sie wird im Hochpreisland Schweiz nie wieder so günstig essen wie an diesem Abend.

Autor

0 Kommentare

Neuester Kommentar