Maggi in Afrika : Zusammengewürfelt

Was bei uns lange Zeit in Mode war, hat längst die Töpfe afrikanischer Länder erobert: Maggi. Von der seltsamen Karriere eines Würzmittels.

Jesko zu Dohna
Von weit her zu sehen: Knallgelb-rote Autos und Motorräder beliefern die Läden mit den Brühwürfeln, deren Erkennungszeichen in Afrika ein Stern ist.
Von weit her zu sehen: Knallgelb-rote Autos und Motorräder beliefern die Läden mit den Brühwürfeln, deren Erkennungszeichen in...Foto: ©Nestlé SA

Oh nein, wir haben Maggi vergessen!“, ruft Sholly Onatolu entsetzt. „Richtiges afrikanisches Essen ohne Maggi – das geht gar nicht.“ Die kleine Nigerianerin dreht sofort um, trippelt mit ihren schweren Tüten voller Yams-Wurzeln und Kochbananen zurück in den kleinen Afro-Shop auf der Karl-Marx-Straße in Neukölln. Ganz hinten im engen Laden wird Sholly Onatolu fündig: Im Regal liegt eine durchsichtige Tüte mit kleinen leuchtend rot-gelben Brühwürfeln. „Maggi Cubes“ steht in englischer und arabischer Schrift auf der Packung. Made in Côte d’Ivoire. Das Logo kommt nostalgisch daher: Ein rotes M in einem Stern auf gelbem Grund. „Bei euch ist ein Herz drauf“, erklärt die 36-Jährige. „Aber das taugt nichts.“ Das Produkt aus Afrika, wo Maggi auch ursprünglich herkomme, wie sie versichert, schmecke viel besser als das fade „Herzchen-Maggi“ aus dem deutschen Supermarkt.

Afrikanisch? Vor nicht allzu langer Zeit war die „Würze“ in der kleinen braunen Flasche auf deutschen Küchentischen so präsent wie Salz und Pfeffer. Erfunden hat den Brühwürfel allerdings anno 1907 ein Schweizer, Julius Maggi. Heute gehört das Unternehmen zum Lebensmittelgiganten Nestlé, dessen Zentrale in der Schweiz liegt. Doch in afrikanischen Küchen hat der Würfel einen besonderen Stellenwert. „Bei uns in Lagos benutzt ihn jeder für ein richtiges Stew“, erzählt Sholly Onatolu. „Maggi gehört einfach dazu.“

Allein in den 22 Ländern Westafrikas, dem größten Absatzmarkt auf dem Kontinent, verkauft Nestlé nach eigenen Angaben täglich bis zu 100 Millionen der vier Gramm schweren Cubes. Geht man davon aus, dass in Westafrika heute etwa 350 Millionen Menschen leben, heißt das: Jeder Dritte in Nigeria, Ghana oder Mali nimmt täglich einen Brühwürfel zu sich. Tendenz steigend, wie man bei Nestlé versichert. Afrika sei einer der wichtigsten Wachstumsmärkte überhaupt.

„Überall hängen Maggi-Plakate“, bestätigt Manfred Stoppok, die unscheinbare Würze dominiert das Straßenbild. Der Ethnologe hat 2011 mit „Maggi in Guinea-Bissau“ ein Buch über das Phänomen geschrieben. Dass Maggi in Afrika so populär ist, verwundert den Wissenschaftler immer noch. Schließlich handele es sich nur um einen Zusatz, kein konsumfertiges Produkt wie Coca-Cola oder der BigMac, die Urbanität und einen westlichen Lebensstil verkörpern.

Vor allem Werbung und geschicktem Marketing, so Stoppok, hat der Brühwürfel seine unglaubliche Präsenz zu verdanken. Überall in den großen Städten, aber selbst in abgelegenen Dörfern wird er verkauft, meist von kleinen Einzelhändlern, den sogenanten „Mammies“. Von diesen Tante-Emma-Läden, die von Nestlé jährlich in den Maggi-Farben neu angepinselt werden, gibt es in der Region mehr als 350 000. Beliefert werden die Mammies von Motorrädern und Autos, die weithin sichtbar in den grellen Maggi-Farben lackiert sind. Die Werbeslogans, die sich vor allem an Hausfrauen richten, sind kulturell und regional abgestimmt: „Mit Maggi strahlt jede Frau wie ein Stern“, steht in Guinea-Bissau auf den Plakaten. „Koch mit Maggi, dann will er keine Zweitfrau mehr“, heißt es im muslimisch geprägten Senegal. Durch Treueaktionen, bei denen es Kochschürzen und knallgelbes Kochgeschirr zu gewinnen gibt, versucht man die Marke noch bekannter zu machen.

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