Essen & Trinken : Stein Über Stock und

Plastikweintrauben und Holzvertäfelung – das war einmal: Deutsche Winzer haben die moderne Architektur entdeckt. Eine Expedition an Main und Rhein

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Wein-Anbau. Winzer Knoll (o.), Horst Sauer (u.li.) und Familie Kreutzenberger (u.re.) trauen sich was. Gerhard Hagen, © prof. dieter
Wein-Anbau. Winzer Knoll (o.), Horst Sauer (u.li.) und Familie Kreutzenberger (u.re.) trauen sich was. Gerhard Hagen, © prof....Foto: Hagen, Gerhard

Der Winzer mit Namen Sauer aus der Bocksbeutelstraße in Escherndorf lud sich zuletzt vier Architekten ein. An einem Spätnachmittag folgten sie ihm mit seiner Flasche hinauf in seinen Weinberg, den „Escherndorfer Lump“. Der Abend wurde schön, der Sonnenuntergang dramatisch. „Wie fühlen sie sich?“ fragte der Winzer. Die Architekten lächelten gelöst. „Ich will mich in meinem Haus auch so fühlen“, sagte Sauer.

Horst Sauer, dessen goldene Backenzähne beim Lachen in der Sonne blitzen, dessen Wein mit allen denkbaren Medaillen ausgezeichnet wurde, der gerade vom Magazin „Falstaff“ zum Winzer des Jahres gekürt wurde, sagt, paradoxerweise liege das tiefe Fundament seines Weins hier oben im Berg. Ein Schwenk von Sauers Arm schließt ein: Den Main tief unten, vor 200 Millionen Jahren noch ein reißender Fluss, Weinanbau seit 1000 Jahren, er selbst seit seinem vierten Lebensjahr am Hang unterwegs. Am Ende gilt doch bei Häusern wie beim Wein: Die Lage, die Lage, die Lage.

Unten liegt sein 350-Einwohner-Dorf Escherndorf, eingekeilt zwischen Main und Berg, und mit eingeklemmt ist Sauers kleiner Hof als Teil der geschlossenen Straßenfront. Sauers Architekten mussten folglich in die Höhe bauen und drehten, indem sie sich den Hang zunutze machten, die traditionellen Funktionen um: Ganz oben, im dritten Stock, ist nun die Anlieferung für die Trauben, im zweiten Stock liegt der Weinkeller, im ersten das Flaschenlager und im Erdgeschoss der Verkauf.

Seit einigen Jahren haben nach Vorbildern in der Schweiz, in Österreich, in Spanien und den USA auch die deutschen Winzer angefangen, zeitgenössisch zu bauen. Betreiben sie nicht eigentlich beide An- und Ausbau? Und seitdem Horst Sauer über Architektur nachdenkt, kann er kaum wieder damit aufhören.

Der Charakter eines Weins, einer Gegend und eines Winzers finde idealerweise in der Architektur seine Entsprechung, sagt Sauer. Und dann sucht er Ählichkeiten zwischen Weinbau und Architektur, beides der beständige Versuch, in Menschen etwas auszulösen. Diese überlassen sich einer Flasche Wein wie der Wirkung eines Hauses – in Erwartung einer Sensation. Man müsse sich deshalb vor dem Öffnen einer Flasche fragen, was der Wein mit einem machen soll, sagt Sauer. Diese Frage stellt sich auch der Architekten vor dem Hausbau.

Weine und Häuser schärfen ihren Charakter durch regionalen Bezug: Sauers Wein und die Böden in seinem Haus zitieren den Muschelkalk aus dem Gebiet. Wein und Gebäude sollen nicht altern sondern reifen. Und wenn man ihrer Fachsimpelei eine Weile zuhört, merkt man, sie teilen auch dieses ständige sprachliche Umkreisen ihres komplexen Gebiets: Mineralisch! Blumig! Steil! Felsig! Weintrinker und Architekten sind ständig auf der Suche nach Adjektiven.

Horst Sauer, was ist das höchste der Gefühle? „Das Höchste ist, wenn man still wird und der Wortschatz an seine Grenzen kommt.“

Glücklicherweise ist Michael Coridaß, Geschäftsführer der Architektenkammer Rheinland-Pfalz auf seinen Wortschatz nicht angewiesen. Er bevorzugt eine Rechnung: In Franken zum Beispiel stehen 160 Millionen Euro Umsatz im Weingeschäft 1,6 Milliarden im Weintourismus gegenüber. Pro Euro Weinumsatz sind also zehn Euro Tourismus möglich. Bewaffnet mit der genialen Schlichtheit dieser Gleichung machte sich Coridaß, Volkswirt, nach der Jahrtausendwende auf, die Winzer zu bearbeiten, um einerseits deren Umsätze zu erhöhen, andererseits „Arbeit für einen überausgestatteten Berufsstand“ zu schaffen. Coridaß war selbstverständlich bekannt, dass Häuser als Reiseziele taugen, seitdem Frank O. Gehry in Bilbao seinen Museums-Magneten baute – und dass dieses Prinzip auch bei Winzern wieder funktioniert hat: 2006 schlang Frank O. Gehry mit großer Geste im spanischen Rioja Titanbänder zu einem Weinhotel zusammen, ein Spektakel in der Landschaft. Die Gegend hatte vorher kaum einer gekannt, unter Winzern läuft das als „Rioja-Effekt“. Österreich katapultierte sich mit Architektur aus der Glykol-Krise. Berühmt wurden zuletzt das in den Berg hineingebaute und überpflanzte Weingut Hillinger und das Weinzentrum „Loisium“. Nach Spanien, der Schweiz und Österreich werden jetzt auch in Deutschland alte Gebäude entkernt, Keller farbig beleuchtet, dramatisch mit Beton umbaute Kellerlöcher locken Besucher in die Tiefe. Man hat sich der Gardinen der alten Probierstuben entledigt, zum Wein passende Musik ausgesucht, weniger Weinflaschen präsentiert, die dafür teurer aussehen.

Die deutschen Winzer, das wird schnell klar, haben nicht freiwillig eine Haltung zum Sichtbeton entwickelt.

Die Beratungsgespräche? Ungezählt, sagt Coridaß von der Architektenkammer. Die Summe der Workshops beachtlich. Seit 2007 ist der Preis für „Architektur und Wein“ ausgelobt und bisher zweimal verliehen. Die Attraktivität eines Weingutes erklärt sich für Architekten jedenfalls von selbst: Oft sind es Gebäude, die als Solitäre in der Landschaft stehen, umgeben von einem Passepartout grüner Weinberge. Die Produkte trinken Leute, die zum Genießen wild entschlossen sind. Sie erklären „ihren“ Winzer zur Pilgerstätte und laden in ihren Kofferraum Kisten voller Gesprächsstoff. Bei zunehmendem Genuss wird die Umgebung ständig schöner.

Papperlapapp, sagten die Winzer zuerst, als ihnen die Architektenkammer mit Vorschlägen zum Umbau kam. Hauptsache, der Wein sei gut. Die holzgetäfelten Probierstuben waren der Elterngeneration ans Herz gewachsen. Außerdem, argumentierten die Winzer, bekämen die Deutschen zum Bauen keine Subventionen aus Brüssel, weil anders als in Österreich, die Regionen nicht als „benachteiligte Gebiete“ eingestuft sind.

Doch dann übernahm die junge Generation. Sie war gereist und international beeindruckt. Als sie nach Hause zurückkehrte, genügte vielen nicht mehr, was sie sahen. Die Erkenntnisse waren gewachsen. Zum Beispiel wissen Winzer heute, dass es dem Wein schadet, wenn er häufig aus einem Behältnis ins andere umgepumpt wird. Die Architekten machen sich deshalb die Schwerkraft zunutze und bauen so, dass möglichst wenig gepumpt werden muss.

Die Familie Kreutzenberger, die in Kindenheim im einzigen deutschen Bauhaus-Weingut keltert, beauftragte einen Architekten für einen Anbau im Geist der Moderne. Das rheinhessische Weingut Pauser baute eine Lagerhalle im angesagt rostenden Corten-Stahl. Die Winzer der Genossenschaft Sommerach verwandelten ihren sonnigen Parkplatz in eine Weinbar und nahmen die Begriffe „chillen“ und „after work“ in ihren Wortschatz auf. Schloss Wackerbarth aus Sachsen schaffte es mit einem Bild seiner neuen Architektur in das San Francisco Museum of Modern Art.

Und Ludwig Knoll, der mit 18 Jahren im Würzburger „Weingut am Stein“ von seinem Vater das Ruder übernahm, errichtete eines der auffälligsten Weingebäude im Lande. Seine Anbaumethoden sind ökologisch. Er nennt seine besten Weine nach seinen Kindern. So sind alle Weine durchdrungen von der Persönlichkeit des Winzers. Nur logisch also, dass das auch für die Gebäude gilt.

Die Architekten bemäntelten das Gewinnstreben mit Sichtbeton. Sie kamen ihrer Aufgabe nach und suchten nach einer gebauten Entsprechung für das Weingut: Sie spiegelten die Region und ihre Materialien im Gästehaus, eingebändert in Muschelkalk, und um das Hauptgebäude stellten sie parallele Eichenstreben, die sonst die Rebstöcke halten. Das Gebäude spiegelt die ökologischen Werte des Winzers, indem sie Brunnen bohrten und mit Grundwasser die Kühlung bestritten. Und sie spiegelten des Winzers Verlangen nach Geltung, weshalb der verglaste Kubus mit seinen getönten Scheiben jetzt weithin sichtbar am Hang thront, im Innern zucken mehrgeschossig die Funktionen für Verkauf und Verkostung in feinstem Beton. Knolls Freude am Baustoff gipfelt in einem eiförmigen Beton-Fass, in dem er in den Proportionen des goldenen Schnitts Wein ausbaut.

Darf man in dieser Traditionslage – Würzburg am Stein – zeitgenössich bauen? war anfangs die Frage. Man muss, sagten sie sich. Das Weingut hat ja nicht nur eine Beziehung zur Geschichte, zum Weinberg, sondern auch zur Stadt Würzburg. Ein neues Gebäude stünde ebenso in Relation zu den Gleisen dort unten, zum Verkehr und zu den Häusern.

Und tatsächlich sieht sich die Architektenkammer Rheinland-Pfalz bestätigt: Die modernisierten Winzer notieren „Verkaufssteigerungen im teuren Segment.“ Sie verkaufen nicht mehr, aber teurer. Die Margen steigen. Städter loben die neue Kantigkeit. Sie buchen Übernachtungen im Gästehaus, „Events“ und Weinproben. Sie können sich vorstellen, ein paar Tage länger zu bleiben. Die Jungwinzer kommen endlich aus dem Dispo.

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