Essen & Trinken : Truthahn für alle!

Am Donnerstag sind die Amerikaner voll auf Turkey – dann feiern sie Thanksgiving. Eine Kulturgeschichte

Susanne Kippenberger
Happy Turkey Day! Der gefüllte Truthahn ist das Prunkstück von Thanksgiving, an dem sich in ganz Amerika Familien zum Schmausen und Streiten versammeln. Wie das enden kann, hat Jodie Foster in ihrem Film „Home for the Holidays“ gezeigt. (Holly Hunter ist die Dame mit der Pute.) Foto: Cinetext Bildarchiv
Happy Turkey Day! Der gefüllte Truthahn ist das Prunkstück von Thanksgiving, an dem sich in ganz Amerika Familien zum Schmausen...Foto: Cinetext Bildarchiv

Besonders appetitlich sieht er nicht aus. Aber wer ist schon eine Schönheit, so nackt, in Plastik eingeschweißt. Frisch gewaschen, glitschig und prall, flutscht der Truthahn der jungen April, Hauptfigur des herzzerreißend komischen Films „Pieces of April“, aus den Armen. Das Tier wird wieder vom Boden gepflückt, mit Füllung aus der Packung gestopft und dann – ab in die Röhre. Nur: Heute bleibt der Ofen kalt. Ausgerechnet am Thanksgiving Day, an dem sie, das schwarze Schaf, ihre Familie zum Versöhnungsdinner eingeladen hat, versagt der Herd. Verzweifelt rennt April, eine Art Pippi Langstrumpf in New York, wild, lieb und mit abstehenden Zöpfen, durch das schmuddelige Mietshaus, hämmert an Türen, und bittet um Einlass in fremde Backöfen, um ihren Truthahn zu braten. Denn was ist Thanksgiving ohne Turkey?

Ein Desaster.

Einen ganzen, hinreißenden Film lang hält der Vogel die ungeübte Köchin, gespielt von Katie Holmes, in Atem. Beim Versuch, den chinesischen Nachbarn den Ursprung des Nationalfeiertags samt Nationalspeise zu erzählen, gerät April schnell in Erklärungsnot. Die Entstehungsgeschichte ist in der Tat kompliziert. Auch wenn die meisten Amerikaner glauben, dass die Pilgrim Fathers Thanksgiving eingeführt hätten – haben sie nicht hundertmal sentimentale Bilder davon gesehen, in Schulfibeln und Bilderbüchern? –, ein solches erstes Mahl hat es nie gegeben. Ähnlich wie Weihnachten ist der familiäre Feiertag in seiner heutigen Form eine Erfindung des 19. Jahrhunderts.

Der Truthahn selbst war schon vor vielen hundert Jahren in ganz Mittel- und Nordamerika verbreitet. (Wäre es nach Benjamin Franklin gegangen, wäre auch der Turkey und nicht der Adler das amerikanische Wappentier geworden; erstens weil er ein viel respektablerer Vogel und zweitens ein echter Eingeborener sei.) Die Spanier hatten den domestizierten Turkey mit nach Europa genommen – und von dort brachten die Engländer ihn wieder nach Neuengland mit.

Sicher haben die Puritaner sich auch gern und oft bei Gott bedankt; aber das waren frugale Gottesdienste, keine üppigen Gelage. Das wurde erst ganz allmählich zur Tradition. Die treibende Kraft, diese als Feiertag zur Versöhnung der gespaltenen Nation zu sanktionieren, war eine Schriftstellerin. Ein ganzes Romankapitel hatte Sarah Josepha Hale einem Thanksgiving-Dinner mit Turkey gewidmet. Aber an der Wirklichkeit lag ihr noch mehr als an der Fiktion. Sie schrieb, schrieb und schrieb, Briefe an die amerikanischen Präsidenten, Kongressabgeordneten, Editorials in der Frauenzeitschrift, deren erfolgreiche Chefredakteurin die Mutter von fünf Kindern war, bis sie ihr Ziel erreicht hatte: 1863, mitten im amerikanischen Bürgerkrieg, erklärte Präsident Lincoln den vierten Donnerstag im November zum Nationalfeiertag. Das Dinner war gedacht als das, was es auch bei April und ihrer Film-Familie sein soll: ein friedensstifendes Ritual, das alle gemeinsam an den Tisch bringt.

Nachlesen kann man die Geschichte in allen Details bei Andrew F. Smith, in seinem Buch „The Turkey. An American Story“. Und Andy Smith kennt sich aus. Der kulinarische Historiker, ein Autodidakt, weiß so ziemlich alles, was man über amerikanisches Essen wissen kann, das, wie er beim Gespräch in New York sagt, „einen so ungeheuren Einfluss auf die Welt hat. Nicht nur zum Guten.“ Mr. American Food hat ein Buch über Hamburger geschrieben und eins über Popcorn, eins über Peanuts und eins über Ketchup, hat die zweibändige „Oxford Encyclopedia of Food and Drink in America“ herausgegeben. Ein Monster von einem Nachschlagewerk von A wie Apple Pie und Airplane Food bis Z wie Zombie (ein Drink mit fünf verschiedenen Rum-Sorten), ungefähr so handlich wie der Truthahn, den April durchs Treppenhaus schleppt.

Natürlich hat Smith auch etliche der Beiträge darin geschrieben, nicht nur die über Turkey und Thanksgiving, auch jene über Campbell Dosensuppe, den Kürbis oder Ronald McDonald. Smith kennt keine Berührungsängste, ein Feinschmecker ist er nicht. Am liebsten isst der Verfasser einer Enzyklopädie über Junk Food noch immer das, was ihm in seiner kalifornischen Kindheit in den 50er Jahren so gut geschmeckt hat: Hot dog, Hamburger, Nudelauflauf. Was ihn begeistert an seinem Thema – und selbst in einem nüchternen Seminarraum der New School in New York ist er in seiner Begeisterung kaum zu bremsen –, ist das schier unerschöpfliche Reservoir an Geschichten, die hinter dem Essen und Trinken stehen. Eine Schatzkammer, die der Pionier oft als Erster betreten hat.

Sein Lebensthema hat Smith eher per Zufall entdeckt. Eigentlich hatte er internationale Beziehungen studiert. Ende der 70er Jahre begann er, finanziert von Unicef, Viertklässler zu unterrichten. Und stellte bald fest, dass sich viele komplexe Themen anhand von Essen und Trinken anschaulich erzählen und erklären ließen – wo kommt der Zucker her, wer bestimmt den Preis von Kakao – , und dass die Kinder selbst gern darüber redeten. Bei Vorträgen vor Geschichtslehrern hatte er einen ähnlichen Erfolg. Während er seine pädagogische Arbeit für diverse gemeinnützige Organisationen fortsetzte, sammelte er weiter eifrig Anschauungsmaterial – und hat bis heute, zum Schrecken seiner Frau, mit dem Sammeln nicht mehr aufgehört.

Aber, sagt der 64-Jährige und strahlt dabei wie ein kleiner Junge: „Mir ist noch nichts untergekommen, was nicht faszinierend war.“ Der Historiker liebt Bibliotheken, wenn er auf einer seiner vielen Vortragsreisen ist, hängt er immer noch einen Recherchetag an. Ob er sieben Tage die Woche arbeitet? Wieder strahlt Smith, ein wenig erstaunt: „Sie nicht?“

Irgendwann, 1994, um genau zu sein, veröffentlichte er sein erstes Buch, über die Tomate in Amerika. Kurz darauf, zu einer Zeit, als Essen noch kein akademisches und schon gar kein Modethema war, machte er sich auf den Weg zur New School und erklärte, dass er sein angesammeltes Wissen gern an Studenten weitergeben würde. Nur zu, erklärte die als besonders offen und liberal bekannte sozialwissenschaftliche Universität, zu deren Dozenten einst Hannah Arendt und Erwin Piscator gehörten – wenn er sieben Teilnehmer zusammenkriegen würde, könnte er unterrichten. Das tut er heute noch: „Drinking History: Fifteen Beverages that Shaped American History“ etwa oder „How to Get a Cookbook Published“.

„Ich hatte zur richtigen Zeit die richtige Idee“: So fasst Smith seine Karriere zusammen. Fünf Bücher hat er zur Zeit im Ofen, eins davon über „das Hühnchen der Meere“, den Thunfisch in Amerika. Ein anderes hat er gerade abgeschlossen, darüber, wie der Norden den Bürgerkrieg gewann: Indem er, so Smiths These, den Süden aushungerte. Außerdem sitzt er an der Erweiterung der „Oxford Encyclopedia of Food and Drink in America“, die auf drei Bände anschwellen soll. 300 neue Einträge sind geplant, in vielen wird es um ethnische Küchen gehen, koreanische Restaurants zum Beispiel, von denen es allein in L.A. 500 gibt, oder Halal food.

Die gleichzeitige Rückkehr des amerikanischen comfort foods wird ebenfalls Thema sein. Speisen wir Apple Pie und Pumpkin Pie, Süßkartoffeln und Cranberry Sauce, die am kommenden Donnerstag wieder auf Millionen amerikanischer Tischen stehen werden – je nach Herkunft der Familie ergänzt durch russische, chinesische, mexikanische Gerichte.

Auch wenn es dann wieder zu Familiendramen und -komödien kommen wird, die reichlich Stoff für Filme abgeben wie „Pieces of April“ oder Jodie Fosters „Home for the Holidays“ – Thanksgiving ist das Fest, das das Land zusammenhält. In einer so multikulturellen und -religiösen Gesellschaft wie der amerikanischen, ist es bis heute der Feiertag, auf den sich alle – mehr oder weniger – einigen können. Sogar die Vegetarier. Denn Beilagen und Nachspeisen sind so reichlich, dass man sich allein daran überessen kann.

Und Geflügel ist die harmloseste Form des Fleisches. Wilder Turkey kommt heute allerdings nicht mehr auf den Tisch. Eher ein hochgezüchtetes Industrieprodukt, das aus viel Brust und wenig Geschmack besteht. Und einer, ein Einziger, wird seinem Schicksal entkommen: der Turkey, den der Präsident der Vereinigten Staaten traditionsgemäß begnadigt.

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