Essen & Trinken : Wurststrecke Die

Rosa Schweinefleisch und weiße Speckwürfel: Das ist die Mortadella. Ein Schweizer Künstler fühlte sich durch den Kontrast inspiriert – seine Wurstporträts hängen jetzt in einer Berliner Galerie.

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Aus 332 einzeln gerahmten Gemälden besteht Hänslis Mortadella-Serie. Mehr über den Künstler und seine Arbeit erfährt man auf www.christophhänsli.ch, dort kann man auch ein Wurstplakat bestellen. Foto: Mike Wolff
Aus 332 einzeln gerahmten Gemälden besteht Hänslis Mortadella-Serie. Mehr über den Künstler und seine Arbeit erfährt man auf...

Daniel Spoerri, in den 60er Jahren Begründer der „Eat Art“, hielt einst gastronomische Höhepunkte mit Leim fest. Er befestigte die Reste beendeter oder abgebrochener Mahlzeiten – leere Flaschen, schmutzige Teller, übrig gebliebene Brotscheiben – an der Tischplatte und hängte die dann auf. Für Spoerri besteht Kunst in dieser Drehung um 90 Grad: Plötzlich sieht man die Dinge in einer andere Perspektive, betrachtet sie nicht mehr von oben, sondern als dreidimensionales Stillleben.

Der Zürcher Künstler Christoph Hänsli hat ebenfalls Essen vom Teller an die Wand gebracht. Doch auf ganz andere Art als sein Landsmann Spoerri. Das faszinierende wie skurrile Ergebnis ist auf dieser Seite und im Original seit knapp einer Woche in der Galerie Nolan Judin (Potsdamer Straße 83) zu sehen.

Hänsli, Jahrgang 1963, hatte irgendwann die Idee, „sich durch eine Wurst zu arbeiten“, wie er sagt. Sein Werk kreist um Dinge des Alltags, und was könnte, jedenfalls in Mitteleuropa, alltäglicher sein als Wurst? Schon wenn er in der Kindheit wandern ging, sei die immer dabei gewesen, erzählt der Künstler. Er entschied sich für Mortadella, jene italienische Wurst aus fein gemahlenem Schweinefleisch und groben, fetten Speckwürfeln, die zu Beginn des 17. Jahrhunderts in Bologna erfunden wurde. Der Kontrast zwischen dem rosa Fleisch und dem weißen Fett der Mortadella gab malerisch mehr her als es zum Beispiel das Innere einer Salami vermocht hätte.

Hänsli kaufte also eine etwa 22 Zentimeter lange Mortadella und ließ sie vom Fleischer klein schneiden. Die 164 Scheiben (jede rund 1,5 Millimeter dick) und zwei Wurstzipfel fotografierte er von jeweils beiden Seiten. Dann begann er, unter Vorlage dieser Fotos auf weißem Karton 332 Wurstporträts zu malen, im Maßstab 1:1, allerdings nicht ganz originalgetreu – die eigentlich körnige Struktur der Fleischmasse hat sich auf den Bildern in eine monochrome rosa Fläche verwandelt.

Anderthalb Jahre dauerte das alles. Hänsli ging die Sache mit großer Gründlichkeit und Geduld an. Jedes Bild besteht aus gut einem Dutzend Farbschichten: Auf Acryl folgte Öl folgte Firnis. „Sonst wäre es zu nahe bei der Fotografie oder nur ein schneller Witz gewesen.“ Er baute sogar sechs Gestelle mit Schubkästen, in denen er die Bilder einzeln aufbewahrte. „Ich habe bald gemerkt, dass mit meiner Idee mehr bürokratischer Aufwand verbunden war, als ich geahnt hatte“, sagt er.

Hänsli wirkt, wie man sich als Deutscher einen Schweizer vorstellt. Da ist sein unverkennbarer Akzent, und da sind seine ruhige Art und der trockene, bisweilen schwarze Humor. So zeigt eines seiner Bilder einen Kippschalter, über dem „Tür auf“ und unter dem „Tür zu“ steht. Vorlage, erzählt der Künstler, war der Schalter an einer Krematoriumstür: „Am Ende bleibt eben nicht mehr als ,Tür auf‘ und ,Tür zu‘.“

Immer wieder malte Hänsli Werbetafeln von Imbissstuben, Läden und Kneipen, besonders seine Jahre in Berlin, kurz nach dem Mauerfall, boten dafür reichlich Inspiration. „Heiße Bockwurst mit Brot+Senf 1,- “ steht auf einer Tafel, „Gurken aus dem Spreewald DM 6,25“ auf einer anderen.

Kulinarisches interessiert den Künstler sehr, das ist unverkennbar. Vielleicht weil es ein derart elementarer Teil des Lebens ist und sich so vieles darin spiegelt. Hänsli isst und kocht selbst gerne, hat das gute Essen erst als Erwachsener, dafür dann aber umso mehr schätzen gelernt. „Normalerweise habe ich ein schlechtes Gedächtnis, nur bei Geschmäckern ist das anders, an die kann ich mich gut erinnern.“ Nach einer „exaltierten Phase“ mit Zehn-Gänge-Menüs ist der Hobbykoch Hänsli heute bei einfacher, hochwertiger Küche angelangt. Mit wenigen Zutaten gute Gerichte zu kreieren, das sei die eigentliche Kunst, sagt er.

So ähnlich gilt das auch für seine Malereien und Installationen, die ausnahmslos Unspektakuläres zeigen. Mal stellt Hänsli Notrationen, die die Schweizer zu Hause in Dosen horten, in einen Schrank, mal malt er Salzstangen. Zwar tauchen in seinen Werken nie Menschen auf, doch sind diese irgendwie immer anwesend. Hänslis „Weekend Project“ etwa zeigt 30 Biergläser, für jeden Tag im Monat eines: mal voll, mal zu einem Drittel gefüllt, mal leer. „Da geht es darum, wie man sich die Zeit vertreiben kann“, sagt er lakonisch.

Auch die Mortadella-Bilder haben hintergründigen Witz. Hänsli hat sie schlangenförmig aufgehängt, so dass man sich ohne Unterbrechung visuell durch das Innere der Wurst bohren kann. Die Scheiben wachsen erst und schrumpfen dann wieder, Pfefferkörner tauchen auf und verschwinden, die Fettpartien liegen mal hier und mal da. Als Betrachter registriert man bald kleinste Unterschiede zwischen den Scheiben – und wenn man ein paar Schritte zurückgeht und alles aus der Entfernung betrachtet, verschwindet die Wurst langsam und stattdessen tauchen Gestirne auf. Die Fettpartien wirken plötzlich wie Mondkrater, die ganze Welt wird Wurst.

Im Buch zum Projekt („Mortadella“, Edition Patrick Frey, 62 Euro) hat der renommierte Kunstkritiker John Berger diesen Effekt schön auf den Punkt gebracht: „Was einst Schwein war, wurde Firmament!“

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