Festival in Jamel : Nazi-Attacke auf Konzert gegen rechts

Beim Festival in Jamel traten prominente Bands wie Fettes Brot, Die Ärzte, Madsen und die Ohrbooten auf - in Hörweite der lokalen Neonazi-Szene. Dem Publikum wurden Autoreifen zerstochen.

Lara Wolf
Gegen rechts: Die Hiphop-Band Fettes Brot trat auch beim Festival in Jamel auf.
Gegen rechts: Die Hiphop-Band Fettes Brot trat auch beim Festival in Jamel auf.Foto: Axel Heimken/dpa

Im Dorf Jamel in Mecklenburg-Vorpommern heißt es zum zehnten Mal „Jamel rockt den Förster“. Initiatoren des Festivals für Demokratie und Toleranz sind Birgit und Horst Lohmeyer. Das aus Hamburg stammende Künstlerpaar zog 2004 in die Ortschaft bei Wismar und ist seit Jahren Anfeindungen durch dort lebende Neonazis ausgesetzt.

Mit dem Festival wehrt sich das Paar gegen alle Versuche, sie aus dem Dorf mit 46 Einwohnern zu vertreiben. Häuserwände sind mit deutschtümelnden Bildern bemalt, in der Ortsmitte weist ein Wegweiser auf Hitlers Geburtsort Braunau. Im August 2015 war kurz vor dem Festival die Scheune in Brand gesetzt worden und komplett ausgebrannt.

Als Überraschungsgäste spielten Die Ärzte "Schrei nach Liebe"

Das Paar setzt jedes Jahr mit dem Festival ein Zeichen gegen die Dominanz, die Neonazis dort ausüben wollen. In diesem Jahr treten auf dem zweitägigen Festival unter anderem die Bands ZSK, Fettes Brot, Madsen oder die Ohrbooten auf. Die 1200 Karten für die Eröffnungsveranstaltung am Freitagabend waren seit Längerem vergriffen. Nach der Brandstiftung im Vorjahr war das bis dahin nur regionale Festival deutschlandweit bekannt geworden. Dafür sorgte auch die spontane Teilnahme der „Toten Hosen“ mit Frontmann Campino.

In diesem Jahr traten am Freitag kurz vor Mitternacht überraschend „Die Ärzte“ auf. In Hörweite der ansässigen Rechtsextremisten, darunter dem mehrfach vorbestraften NPD-Funktionär Sven Krüger, stand die Band wieder vereint auf der Bühne und sang voller Inbrunst ihren großen Anti-Nazi-Hit „Schrei nach Liebe“ – mit ausgestreckten Mittelfingern in Richtung Dorfscheune, auf der die Reichsflagge wehte. In dem Song wird das Leben eines jugendlichen Neonazis beschrieben und ein Zeichen gegen Fremdenhass und Gewalt gesetzt.

Die Polizei konnte Übergriffe nicht verhindern

Begleitet wurde das Festival von einem großen Polizeiaufgebot, das die Besucher schon auf der Zufahrtsstraße kontrollierte und das Gelände bewachte. In der Nacht kam es trotzdem zu einer Attacke auf geparkte Autos. Bei zahlreichen Fahrzeugen wurden von Unbekannten die Reifen zerstochen. Obwohl Festival-Gäste die Reifenstecher bemerkten, konnten die Täter flüchten.

Das Ehepaar ist für ihr Engagement mehrfach geehrt worden; unter anderem mit dem Georg-Leber-Preis für Zivilcourage. Neben Musikern unterstützen auch Politiker das Zeichen gegen Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit. Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig (SPD) als Schirmherrin des Festivals war für Sonnabend angekündigt.

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