Frauen und Männer : Escobar befiehlt, Popeye tötet

Jhon Jairo Velasquez alias „Popeye“ ermordete für seinen Boss sogar die eigene Freundin. Heute sitzt er in Kolumbien im Gefängnis. Hier spricht der Leibkiller des größten Drogenbarons aller Zeiten.

von und protokolliert
Der eiskalte Engel. Popeye (großes Foto) hat für den kolumbianischen Kokainhändler Pablo Escobar (kleines Bild links) die mörderische Drecksarbeit verrichtet. Seinem toten Boss hält er noch bis heute im Gefängnis die Treue. Foto: Luigi Baldelli
Der eiskalte Engel. Popeye (großes Foto) hat für den kolumbianischen Kokainhändler Pablo Escobar (kleines Bild links) die...

Ich habe Pablo Escobar geliebt wie einen Vater. Er war ein starker Patrón, der gut zu uns war, und dem wir alle Hochachtung entgegenbrachten. Er hat gegen das konkurrierende Cali-Drogenkartell gekämpft, gegen die kolumbianische Regierung und hat Kolumbien gegen die USA verteidigt. Eigentlich haben wir drei Kriege geführt, alle zur gleichen Zeit.

Wir haben wohl 15 000 Leute umgebracht. Und 250 Bomben im Land hochgehen lassen. Wir haben 540 Polizisten getötet, 800 verletzt, 1000 haben aus Angst ihren Job an den Nagel gehängt. Ich habe viel über die italienische Mafia gelesen, aber unsere war stärker.

Mein Weg war das Verbrechen. Ich wurde davon angezogen, und meine Härte war meine Eintrittskarte. Ich bin nicht Killer geworden, weil ich sonst nichts zu essen gehabt hätte. Ich komme aus der oberen Mittelschicht, meine Brüder haben gute Jobs. Aber ich brauchte Adrenalin. Mir hat es noch nie etwas ausgemacht, jemanden umzubringen. Und ich behalte stets die Nerven, wenn ich töte. Ein guter Killer trifft oberhalb der Augenbrauen genau in den Kopf. Dafür braucht er zwei Schüsse, die restlichen vier hebt er auf, falls er auf der Flucht in Schwierigkeiten gerät. Ich war 17 Jahre alt, als ich den ersten Auftragsmord ausführte. Mit einem 38er-Revolver erschoss ich einen Busfahrer und bekam 200 Dollar dafür. Erst nahm ich Aufträge an, um zu töten, später tötete ich nur noch für ihn, für Pablo Escobar.

Pablo Escobar, der größte Drogenbaron aller Zeiten und Gründer des kolumbianischen Medellin-Kartells. Jhon Jairo Velásquez, genannt „Popeye“, war sein engster Vertrauter. Escobar verdiente mit dem Kokainhandel ein Milliardenvermögen, er zwang Kolumbien mit einer Privatarmee von Auftragskillern fast in die Knie. Erst ein mehrmonatiger Polizeieinsatz brachte ihn zu Fall, 1993 wurde er beim Fluchtversuch vor seiner Festnahme erschossen. Sein treuster Killer, Popeye, verbüßt heute noch seine Haftstrafe im Hochsicherheitsgefängnis Combitá in Boyacá, ein paar Autostunden nordöstlich der Hauptstadt Bogota.

Pablo Escobar hat meine Generation geprägt. Er kam aus armen Verhältnissen und hat seine Herkunft nie verleugnet. Berührungsängste mit der Bevölkerung kannte er nicht. Er sprach mit den Menschen, setzte sich mit ihnen auf den Boden, schlief wie sie auf einer harten Matratze. Pablo Escobar mochte das Volk, und das Volk liebte ihn. In den Armenvierteln ließ er Hospitäler, Wohnhäuser und Fußballstadien bauen.

Er besaß sehr viel Charisma. Er hat nie jemanden umbringen lassen, weil er ihm ins Auto gefahren war oder seiner Frau hinterherpfiff. Er handelte stets strategisch und verfolgte seine Ziele. Es gab nichts, was ich nicht für Escobar getan hätte. Aus Loyalität zu ihm brachte ich sogar meine eigene Freundin um. Wendy hieß sie und war von atemberaubender Schönheit. Sie war vorher Pablo Escobars Geliebte gewesen und hasste ihn, weil er sie gezwungen hatte, ihr Baby abzutreiben. Er hatte es seinen Geliebten verboten, Kinder von ihm zu bekommen. Ich liebte sie, und ich liebte Pablo Escobar, und dass sie seine Freundin gewesen war, erfüllte mich mit Stolz.

Doch er erfuhr, dass Wendy für das Cali-Kartell spionierte. Wir befanden uns im Krieg, und ich handelte diszipliniert. Sie mit eigenen Händen umzubringen, hätte ich nicht übers Herz gebracht. Ich verabredete mich mit ihr in einem Restaurant. Sie traf vor mir ein. Ich rief sie an – das war das Zeichen für meine Leute, sie zu erschießen. Ich hörte sie am Telefon sterben, und sie wusste in dem Moment, als die Kugeln sie trafen, dass ich sie hatte umbringen lassen.

Die Macht der Gewalt machte mich damals unbesiegbar. In Medellín haben wir jeden Tag zwei oder drei Schusswechsel mit der Polizei gehabt. Tagtäglich brachten wir fünf von ihnen um, während fünf von uns starben. Ich zog mit 20 Männern umher, alle bewaffnet und mit einer von Gewalt vergifteten Seele.

Mit Bomben brachten wir hochgestellte Persönlichkeiten um: Politiker, Richter, Journalisten. Wir führten den kolumbianischen Staat vor. Wir waren 2000 Banditen, und innerhalb von sieben Jahren haben wir den Staat seine eigene Bankrotterklärung unterzeichnen lassen.

Popeye bewohnt Zelle 17. Eine von 20 rund um einen Innenhof angelegte Betonschlucht. Die weiteren 19 Zellen des Blocks stehen leer. Einzelhaft, Isolationshaft. Velásquez wirkt nicht unsympathisch, kann charmant reden, trägt graue Haare und einen Stoppelbart. Und doch umschließt ihn eine militärische Härte, die einen erschaudern lässt.

Ich lebe nun schon fast 20 Jahre hinter Gefängnismauern, meine Haare sind mit der Zeit weiß geworden. Damals, im Jahr 1991, stellte sich Pablo Escobar und zog mit seiner gesamten Leibgarde in das legendäre Gefängnis „La Catedral“ in Antioquía ein. Der Staat schien gewonnen zu haben, doch tatsächlich hatte Kolumbien mit einer Verfassungsänderung vor Pablo Escobar zu Kreuze kriechen müssen. Er war so mächtig, dass er ein Auslieferungsverbot an die USA im Grundgesetz verankern ließ. Sein Motto war: „Lieber ein Grab in Kolumbien als ein Gefängnis in den USA.“

Im Gegenzug zur Verfassungsänderung stellte er sich den Behörden. Die Regierung verlangte, dass ich als einer seiner wichtigsten Gefolgsmänner mich zuerst ausliefern sollte. Ich fand mich um neun Uhr morgens an einem mit der Polizei vereinbarten Ort ein. Um vier Uhr nachmittags rief ich dann Escobar an, damit dieser sich wie verabredet um fünf Uhr stellte.

In der „Kathedrale“ führten wir ein Leben in Saus und Braus. Das Gefängnis war nach Escobars Vorstellungen errichtet worden. Es gab einen Billardsaal, ein Fußballfeld, eine atemberaubende Aussicht, antike Möbel und Gemälde. Er selbst hatte dort das Kommando und gab konkrete Anweisungen für Morde außerhalb der Gefängnismauern. Ich führte weiter Krieg gegen das Cali-Kartell. In der „Kathedrale“ wurden Orgien und Feste für Freunde und Gefolgsleute gefeiert. Hohe Politiker besuchten Escobar, ich habe sie kommen und gehen sehen.

Das „Fünf-Sterne-Gefängnis“, wie die Medien titelten, wurde zur bittersten Schande der kolumbianischen Justiz. Und nur ein Jahr später brachen wir aus. Doch ich war keine drei Monate in Freiheit, als ich erneut festgenommen wurde. Sieben Monate später wurde Pablo Escobar erschossen, am 2. Dezember, einen Tag nach seinem Geburtstag.

Dieser Tag veränderte mein Leben. Es war, als hätten sie mir hundert Mal die Mutter umgebracht. Ich fühlte mich schutzlos wie ein Waisenkind. Und zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich Angst. Niemand von uns hätte jemals gedacht, dass Pablo Escobar sterben könnte. Wir dachten immer, er wäre unsterblich.

Ich fing an, neue Allianzen einzugehen, um am Leben zu bleiben und meine Position im Gefängnis zu sichern. Denn die „Pepes“, eine Gruppe von ehemaligen Anhängern und Geschäftspartnern Escobars, wollte mich umbringen lassen. Ich schloss sogar einen Pakt mit meinem ehemaligen Erzfeind „Don Berna“, dem Anführer des paramilitärischen Verbands AUC. So spielt das Leben. In der Mafia muss man sich flexibel auf neue Koalitionen einlassen. Wer gestern dein Feind war, ist heute dein Freund. Wer heute dein Freund ist, will morgen deinen Tod.

Die Mittagssonne lässt die kargen Betonwände in einem kalten Grau erstrahlen. Eine Stunde Sprechzeit für die Geschichte eines Lebens. Popeye schaut durch die Gitter des offenen Innenhofs in den blauen Himmel. 20 Jahre hinter Gittern, und doch kein gebrochener Mann, sondern einer, der sichtlich gerne von sich erzählt.

Ich bin heute reicher als früher, denn heute bin ich mit dem zufrieden, was ich habe. Ein Millionär bin ich nicht, aber ich habe genug, um zu leben. Ich brauche keine Juwelen mehr und keine kostspieligen Frauen. Das Einzige, was ich will: meine Freiheit. Wenn ich aus dem Gefängnis entlassen werde, möchte ich einfach die Straßen entlanglaufen. Ein Eis essen oder einen grünen Apfel. Ich möchte ins Kino gehen. Und in die Kirche. In einen Bus steigen und aufs Land fahren.

Ich möchte all das machen, was ich früher gemacht habe, bevor ich in die Mafia ging. Und doch bereue ich diesen Weg nicht; ich habe das Abenteuer gesucht und gefunden. Das Verbrechen machte mich zu dem Mann, der ich bin. Aber jetzt ist das alles vorbei. Ich will ein neues Leben anfangen, fernab vom Tod. Ich bin nicht mehr bereit, für irgendjemanden zu kämpfen.

Nächstes Jahr soll ich entlassen werden. Dann beginnt ein neues Abenteuer: mich nicht umbringen zu lassen. Doch wer mich umbringen will, muss mich erst mal finden. Ich habe viele Leute ausfindig gemacht; ich weiß, wie professionelle Killer vorgehen. Deshalb weiß ich auch, worauf man achten muss, um unauffindbar zu sein.

Ich werde an niemandem Rache nehmen; ich spüre keinen Hass mehr. Meine Waffen sind heute keine Gewehre mehr. Womit ich mich heute verteidigen kann, ist mein Mitwissen, wer damals alles dabei war. Und so mancher sitzt heute in wichtigen Positionen.

Der einzige Freund, der mir geblieben ist, ist Gott. Gott war immer mein Begleiter. Ich bin der beste Beweis, dass Gott existiert. Sieben Mal hat man versucht, mich umzubringen, und in einem anderen Gefängnis habe ich einen internen Krieg mit 300 Toten überlebt. Trotzdem bin ich noch hier und kann davon erzählen. Gott ist tatsächlich mein einziger Freund.

Ich habe einen 16-jährigen Sohn, der in New York lebt, aber ich habe ihn seit neun Jahren nicht mehr gesehen. Ich habe niemanden mehr. Keiner weint einem Auftragsmörder eine Träne hinterher. Gute Menschen identifizieren sich mit den Unschuldigen.

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