Gedenken an Nazi-Opfer : Stolpersteine in München bleiben verboten

Stolpersteine gelten bundesweit als angemessenes Gedenken an ermordete Juden. In München bleibt diese Form der Erinnerung verboten. Der Streit geht weiter.

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In Berlin sind die Stolpersteine weit verbreitet. Foto: Kai-Uwe Heinrich
In Berlin sind die Stolpersteine weit verbreitet.Foto: Kai-Uwe Heinrich

In Bayerns Landeshauptstadt wird es weiterhin keine sogenannten Stolpersteine geben. Das hat der Münchner Stadtrat am Mittwoch mit der großen Mehrheit der rot-schwarzen Koalition entschieden. Stolpersteine sind kleine, in den Boden eingelassene Metalltafeln mit Namensinschriften zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus. Sie werden vor Häusern angebracht, in denen etwa Juden bis zu ihrer Deportation und Ermordung gelebt hatten.

Schon seit mehr als einem Jahrzehnt wird in München über diese Form des Gedenkens gestritten. Zuletzt hatte Terry Swartzberg, ein seit Langem in München lebender US-amerikanischer Jude, eine Petition mit 80 000 Unterschriften für Stolpersteine auf dem Münchner Königsplatz ausgelegt. Dennoch sagt der Stadtrat erneut "Nein" und bekräftigt damit seinen Beschluss aus dem Jahr 2004, der das Anbringen von Stolpersteinen auf öffentlichem Grund verbietet. Das Gremium stellt sich damit nicht etwa gegen das Gedenken an sich. Auch treten in der Debatte keine rechtsgerichteten Gruppierungen auf.

Vielmehr folgt der Stadtrat der Auffassung der Israelitischen Kultusgemeinde München (IKG) und ihrer Vorsitzenden Charlotte Knobloch. Die 82-Jährige, die von 2006 bis 2010 Präsidentin des Zentralrates der Juden in Deutschland war, ist gegen die Stolpersteine, weil damit das Andenken an die Menschen "mit Füßen getreten" werde. Diese Haltung teilt der Vorstand der Münchner Kultusgemeinde.

Im Stadtrat argumentierte SPD-Fraktionschef Alexander Reissl, dass man sich nicht über das IKG-Votum hinwegsetzen könne. Auch wenn der Zentralrat der Juden und dessen bayerischer Landesverband den Stolpersteinen weitaus weniger skeptisch gegenüberstehen. Die Debatte ist auch von gegenseitigen Animositäten geprägt.

Der 92-jährige gebürtige Münchner Peter Jordan hatte auf eigene Faust Stolpersteine zum Gedenken an seine 1941 ermordeten Eltern verlegen lassen. Nach dem Verbot 2004 wurden sie herausgerissen. 2005 schrieb Jordan, der in Großbritannien lebt, an Knobloch, wie sie dazu komme, sich darüber zu äußern, "was ich für meine Eltern und andere Familienangehörige als richtig empfinde".

Bundes- und europaweit sind die von dem Künstler Gunter Demnig entwickelten Stolpersteine zu einer gängigen Form der Erinnerung an die NS-Opfer geworden. In Berlin gibt es mehr als 8000 der Platten, in Köln über 4000 und 800 in Stuttgart. Bisher sind es insgesamt mehr als 50.000.

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