Germanwings-Katastrophe : Angehörigen-Anwälte wollen "raus aus Deutschland"

Ein halbes Jahr nach dem Absturz des Germanwings-Airbus in den französischen Alpen ziehen die Angehörigen-Anwälte die Reißleine. Sie wollen mit den Verhandlungen „raus aus Deutschland“.

Der Anwalt und Luftfahrtexperte Elmar Giemulla posiert am 27.03.2015 in Berlin vor einem Haus am Schlachtensee.
Der Anwalt und Luftfahrtexperte Elmar Giemulla posiert am 27.03.2015 in Berlin vor einem Haus am Schlachtensee.Foto: dpa

Die Rufe des ausgesperrten Chefpiloten, die Schläge gegen die Kabinentür, die Entsetzensschreie der Passagiere Sekunden vor dem Aufschlag: Was vor einem halben Jahr über den französischen Alpen geschah, hat im Kopf der Hinterbliebenen tiefe Spuren hinterlassen. Viele haben das Vertrauen in die Menschheit verloren, berichtet ein Notfallseelsorger. Etliche sind in Behandlung. Am 24. März zerschellt ein Germanwings-Airbus beim Flug 4U9525 auf dem Weg von Barcelona nach Düsseldorf an einem Berg. Alle 150 Menschen an Bord sterben. Ein halbes Jahr danach zeigen sich die Anwälte der Hinterbliebenen ausgesprochen unzufrieden. „Die Lufthansa hatte zugesagt, die Ansprüche unbürokratisch und großzügig zu regeln. Das ist in der Umsetzung völlig schiefgegangen“, sagt der Berliner Anwalt Elmar Giemulla.

Auch sein Anwaltskollege Christof Wellens hatte dem Deutschlandfunk von einem „unsäglichen Klein-Klein“ berichtet. „Wir treten auf der Stelle“, sagte er. „Da wird die Bescheinigung eines behandelnden Psychotherapeuten angezweifelt und ein Angehöriger aus Haltern an einen der Lufthansa genehmen Psychotherapeuten in Süddeutschland verwiesen“, berichtet Giemulla und spricht von einer offensichtlichen Ermüdungstaktik. „Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass das im Auftrag der Lufthansa geschieht“, sagt der Anwalt. Denn andererseits zeige sich die Airline durchaus großzügig, was die Flüge der Angehörigen zum Unglücksort angehe oder den 15-Millionen-Hilfsfonds für Gedenkprojekte. „Der Fonds hat mit Zahlungen für die Hinterbliebenen aber nichts zu tun.“

Die Verhandlungen könnten noch ein Jahr dauern

Ein Germanwings-Sprecher widerspricht den Vorwürfen: „Wir sind daran interessiert, die Schadenersatzfragen schnell zu regeln. In einem Fall haben wir uns mit den Angehörigen eines deutschen Opfers auch schon abschließend geeinigt und gezahlt.“ Anwalt Giemulla, der nach eigenen Angaben 125 Angehörige von 40 Opfer-Familien vertritt, will nun die Reißleine ziehen: „Wir kommen in Deutschland auf keinen grünen Zweig. Deswegen gehen wir raus aus Deutschland nach Amerika und haben auch schon eine Kanzlei gefunden.“ Die Verhandlungen könnten noch ein Jahr dauern. Gebe es kein Ergebnis, werde geklagt. Den Ermittlern zufolge hat Copilot Andreas Lubitz die A320 absichtlich auf Crashkurs programmiert. Was in diesen Minuten in Lubitz vorging, wird wohl nie ganz geklärt werden. „Nachträglich in seinen Kopf reinschauen kann keiner“, sagt der Düsseldorfer Staatsanwalt Christoph Kumpa.

Aber nach der vorläufigen Bilanz der deutschen Ermittler hat die Katastrophe nur einen Verantwortlichen: den 27 Jahre altgewordenen Copiloten. Es gab Hinweise auf einen beunruhigenden Zustand des Patienten Lubitz. Doch keiner der vielen von ihm konsultierten Ärzte hatte ihm eine Depression oder gar Suizidalität bescheinigt. Bei seiner Airline Germanwings oder dem flugmedizinischen Dienst der Lufthansa sind die Hinweise allerdings - Stand sechs Monate nach Absturz - nicht angekommen.

Andreas Lubitz' Angst zu erblinden Teil einer Depression?

Nach seiner schweren Depression 2008/2009 hing Lubitz' Fluglizenz, das wusste er, am seidenen Faden. Ein Rückfall, der seinem Arbeitgeber bekannt wird, hätte das berufliche Aus bedeutet. Seine vermeintlichen Sehstörungen, seine Angst zu erblinden - das könnte Teil einer Depression gewesen sein, oder aber, wie seine Hausärztin vermutete, Symptome einer drohenden Psychose. In dem Fall könnte Lubitz nach strafrechtlichem Maßstab vermindert schuldfähig oder schuldunfähig gewesen sein: als Opfer einer wahnhaften Erkrankung, mit der er zwar ein Flugzeug steuern konnte, aber nicht mehr sich selbst.

Was die Flugsicherheit angeht, hatte der Absturz bereits Konsequenzen: Piloten dürfen in Europa nicht mehr allein im Cockpit sein. Außerdem werden die flugmedizinischen Standards derzeit überarbeitet. Psychiatrische und psychologische Aspekte sollen einen höheren Stellenwert bekommen. Zuständig für die europaweite Umsetzung ist die Europäische Agentur für Flugsicherheit (EASA). Angedacht ist für psychische Krisen ein Hilfsprogramm wie für Alkoholprobleme, berichtet Matthias Wirth, Vizepräsident des Deutschen Fliegerarztverbandes: Wer sich rechtzeitig Hilfe holt, dem wird sie umfangreich gewährt. Wer vertuscht und auffliegt, fliegt aus dem Cockpit. (dpa)

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