Gesellschaft : Frauen kommen besser mit Einsamkeit klar

Männern macht das Alleinsein im Alter mehr zu schaffen, Das haben Wissenschaftler herausgefunden. Der Grund: Männer haben weniger psychische Widerstandskraft.

Frauen kommen im Alter besser zurecht.
Frauen kommen im Alter besser zurecht.Foto: dpa

Die 90-jährige Resi Wechsel wohnt mit ihrer 63-jährigen Tochter Elisabeth in einem Bauernhaus im Oberallgäu – weit weg von allem Trubel. Ihr Ofen ist seit rund 100 Jahren im Einsatz, es wird mit Holz geheizt, im Kücheneck steht ein Kanapee, im Herrgottswinkel hängt ein hölzernes Kruzifix. „Nur zu Festen wie Weihnachten verlasse ich das Haus“, sagt Resi Wechsel. Einsamkeitsgefühle sind der 90-Jährigen trotz der Abgeschiedenheit fremd. „Ich beteilige mich am familiären Geschehen, habe hier immer etwas zu tun, mal kommen die Enkel, ich lese Zeitung und erledige schriftliche Arbeiten“, sagt die gelernte Buchhalterin. „Einsamkeit kenne ich gar nicht.“

Eigentlich ist das Risiko bei Frauen größer, nicht bei Männern

Für viele Menschen über 65 sieht der Alltag anders aus: Fünf bis 20 Prozent der Senioren – je nach Studie – klagen über ausgeprägte Einsamkeitsgefühle, sagt Karl-Heinz Ladwig vom Helmholtz-Zentrum in München. Eigentlich sei das Risiko, im Alter einsam zu werden, für Frauen viel höher als für Männer, weiß Ladwig: „Sie sind häufiger verwitwet, leiden eher an körperlichen Gebrechen, die ihre Kontaktmöglichkeiten begrenzen, und auch häufiger an Depressionen und Angst.“ Aber: Frauen können diese Risikofaktoren offenbar ausgleichen. Sie verfügen womöglich über ein höheres Ausmaß an „Resilienz“, einer stärkeren psychischen Widerstandskraft, sagt Ladwig. „Salopp gesagt scheinen Frauen eine Stehaufmännchenqualität mitzubringen, die ihnen hilft, mit belastenden Situationen besser fertig zu werden als Männer.“

Die Qualität der Sozialkontakte spielt eine große Rolle

Das bestätigt eine Untersuchung Ladwigs mit 1079 Probanden im Alter von über 65 Jahren. Frauen und Männer sind im Alter ungefähr gleich häufig von Einsamkeit betroffen, obwohl Frauen deutlich mehr Risikofaktoren aufweisen. „Die Qualität der Sozialkontakte spielt eine entscheidende Rolle“, sagt der Forscher. Was Ladwig besonders überrascht hat: Wenn es um das Gefühl von Einsamkeit im Alter geht, ist es oft unerheblich, ob die Menschen allein leben oder nicht: „Die Senioren empfinden es nicht als Belastung, alleine zu leben, wenn sie über ein intaktes Netz von Sozialkontakten verfügen.“

Einsamkeit ist nur schwer zu erkennen

Ob jemand sich einsam fühlt, ist für Angehörige oder Mediziner oft schwer zu erkennen. Mögliche Hinweise auf ein ausgeprägtes Gefühl von Einsamkeit könnten aber ein vernachlässigtes Wohnumfeld oder ein vernachlässigtes äußeres Erscheinungsbild geben, sagt der ärztliche Leiter der Geriatrischen Abteilung am Rotkreuzklinikum München, Thomas Beier. Denn so wie die 90-jährige Resi Wechsel können nur die wenigsten alt werden. Für sie sei es „ein Geschenk“, dass ihre Tochter Elisabeth mit ihr zusammenwohnt. epd

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