Gesundheit : 4000 Jahre alte Funde westlicher Stämme werfen ein neues Licht auf die Anfänge der chinesischen Kultur

Michael Zick

Wang Binghua ist Archäologe am Museum in Urumqi. Die kleine Stadt ist die Verwaltungszentrale von Xiang-Jang, der nordwestlichsten Provinz Chinas. Eingeklemmt zwischen der todbringenden Taklamakan-Wüste im Süden und der nicht minder lebensfeindlichen Gobi im Norden, macht Xiang-Jang vor allem durch spektakuläre Mumienfunde von sich reden. Doch Wang Binghua wiegelt ab: "Das ist keine politische, sondern eine wissenschaftliche Frage. Aber westliche Forscher versuchen, damit Politik zu machen." Deshalb ist es für ihn so schwierig, mit amerikanischen Archäologen zusammen zu arbeiten. Doch er gibt sich dialektisch: "Aber im Prinzip ..."

Die Mumien von Xiang-Jang sind zum Teil 4 000 Jahre alt und, nach Körperbau und Schädelform zu urteilen, eindeutig "europäisch". Sie belegen intensive Kontakte zwischen Fernost und Fernwest schon zu einer sehr frühen Zeit, weit früher als es andere Funde bislang nahe legten. Damit rütteln sie auch am Selbstverständnis der Chinesen, die ihre Kultur bis heute als unabhängig und allein aus sich selbst entwickelt ansehen.

Die erste Nachricht von den frühen Europäern in den Wüsten Zentralasiens stammt vom schwedischen Forschungsreisenden Sven Hedin. Der hatte bei seiner letzten Expedition im Jahre 1937 eine solche Mumie gefunden, durfte sie aber nicht näher untersuchen oder gar exportieren. Die Chinesen wachten argwöhnisch über den Zeugen ihrer Vergangenheit.

Nach 1949, so erzählt Wang Binghua, holten chinesische Archäologen an verschiedenen Orten im Randbereich der Taklamakan-Wüste über 200 antike Mumien an die Oberfläche. Nicht alle, aber viele waren eindeutig indokaukasischer Herkunft, so die unverfänglichere Bezeichnung. Einige wurden zwischen 200 v. Chr. und 200 n. Chr. in den heißen Wüstenboden gelegt. Das ist nicht weiter verwunderlich, denn schon damals waren die verschiedenen Routen der sogenannten Seidenstraße wohl bekannt.

Für Aufregung aber sorgten jene Mumien, die um 1800 v. Chr. im Dreiländereck zwischen China, der Mongolei und Innerasien bestattet wurden. Die extreme Trockenheit und das drastische Temperaturgefälle zwischen Tag und Nacht "gefriertrockneten" die Bestatteten. Eine aufwendige Balsamierung wie für die Pharaonen-Mumien im alten Ägypten war also nicht notwendig. Aufgrund der natürlichen Bedingungen blieben Körper und Kleidung intakt, der hohe Salzgehalt des Bodens hielt zersetzende Bakterien ab.

Etwa 30 dieser bislang gefundenen Wüsten-Ötzis sind bis zu 4 000 Jahre alt. Ein halbes Dutzend ist im Museum von Urumqi ausgestellt - unter Bedingungen, die jedem westlichen Archäologen die Haare zu Berge stehen lassen: Nur eine einfache Plexiglashaube bieten dürftigen Schutz, die Mumien werden von fahlem Licht angestrahlt. Der 3 000 Jahre alte Star der Ausstellung - ein 55-jähriger blonder Mann, 1,76 Meter groß, mit europäisch tief liegenden Augen und langer Nase, buntgewebter Kleidung und Hirschlederstiefeln - ist gerade aus seinem Behältnis gehoben worden und wird in einer Ecke des Besucherraums amtlich fotografiert. Solcherart Behandlung gibt die kostbaren Stücke einem Großangriff von Mikroben preis. Die "Schöne von Loulon", deren Alter auf 3 800 Jahre geschätzt wird, zeigt auf alten Fotos eine braune Farbe. Innerhalb von nur zwei Jahren färbte sie sich schwarz. "Es fehlt uns an Geld", klagt Wang Binghua. "Manche Beamte schätzen dieses Erbe der Menschheit nicht sehr hoch."

In der Tat gelten die Wüsten-Mumien als Weltkulturerbe. Manche Experten schätzen sie höher als die berühmte Terracotta-Armee der chinesischen Kaiser in Xian oder die Große Mauer, denn wie beim steinzeitlichen Ötzi tauchen auch hier die alten Fragen auf: Woher kamen diese Menschen? Was taten sie hier am Rand der Wüste? Wo sind sie geblieben? Derzeit gibt es darauf nur mehr oder weniger fantasievolle Antworten. Der amerikanische Archäologe Victor Mair ist fest von der europäischen Herkunft der Wüsten-Mumien überzeugt. Nach seinen Untersuchungen entsprechen ihre Textilien frühen Funden in Österreich, Skandinavien und Deutschland. Erste genetische Tests weisen den Bestatteten mehr europide als asiatische Merkmale zu. Ein "chinesisches" Wagenrad, in einem Grab aus dem zweiten Jahrtausend v. Chr. gefunden, entspricht einem ukrainischen aus dem dritten Jahrtausend v. Chr. Der Heidelberger Sibirienforscher Karl Jettmar meint, dass nomadische Rinderzüchter aus dem Kaukasus in lang anhaltenden Wanderungen über Mesopotamien in den Nordwesten des heutigen China einfielen. Er behauptet: "Die Geschichte Zentralasiens wurde offenbar vorübergehend durch Zuwanderungen aus dem Westen bestimmt."

Beide Forscher sehen diese frühen Einwanderer als die Ahnen eines mächtigen Stammesverbandes, der im Tarimbecken südlich der Gobi dauerhaft siedelte. Diese "Tocharer", in den chinesischen Annalen als "Yuezhi" bekannt, sprachen ein indoeuropäisches Idiom mit Anklängen an das Keltische, Germanische und Italienische. Sie wanderten später nach Baktrien und Nordwestindien aus. Dort gründeten sie ein machtvolles Königreich, von dem wiederum die klassischen antiken Autoren zu berichten wussten und dessen Gebiet noch im Mittelalter Tocharistan hieß.

Das alles ist für Wang Binghua, den chinesischen Erforscher der Euro-Mumien, nicht hinreichend. Zwar stimmt er im Grundsatz zu: "Meiner Meinung nach gab es schon lange vor der Geschichte der Seidenstraße einen Austausch zwischen Europa und Asien". Aber der sei ganz langsam vor sich gegangen. Man wisse noch nicht einmal, woher der Anstoß dazu kam. Wang Binghua will nur eins gelten lassen: "Vor 4 000 Jahren und noch früher lebten hier verschiedene Völker, auch aus Europa. Und die Mumien sind ihre Nachfolger. Aber wir stehen erst ganz am Anfang der Forschung."

Die wissenschaftliche Auswertung der Mumien hätte längst forciert werden können. Der amerikanische Archäologe Victor Mair dient den Chinesen seit Jahren eine breite internationale Zusammenarbeit an, verspricht gar ein komplettes Museum für die Euro-Mumien in Urumqi. Doch bislang kam er nicht zum Zuge. Das chinesische und amerikanische Verständnis von Wissenschaft erwies sich zwischen Wang und Mair als nicht kompatibel. Wang Binghua bringt seine Bedenken auf den Punkt: "Wie kann man Aufsätze publizieren, bevor man abgesicherte Ergebnisse hat!"

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