Gesundheit : Bei chronischen Beschwerden ist guter Rat teuer

Hannah Wunsch

Für die meisten von uns ist ein Schluckauf lediglich ein kleiner Quälgeist. Er verschwindet von selbst wieder, schnell und ohne eigenes Zutun, manchmal dank eines der vielen volkstümlichen Hilfsmittel. Der Schluckauf kann allerdings auch zum ernst zu nehmenden Leiden werden. Und einige Langzeit-Betroffene sind sogar schon daran gestorben.

Was aber genau ist ein Schluckauf? Geht dabei der Atem nach innen oder außen? Wer darüber nachdenkt, wird merken, dass ein Gefühl des Einatmens damit verbunden ist. Und das ist es auch, was passiert: Das Zwerchfell wird so nach unten gezogen, als atme man tief ein.

Die Atemmuskulatur aber beginnt sogleich hastig zu arbeiten, um in der Brust genügend Raum für die hereinströmende Luft zu schaffen. Doch es kommt keine Luft, diesen Raum tatsächlich zu füllen. Stattdessen geschieht etwas Anderes: Binnen nur 35 Millisekunden erreicht ein Signal die kleine Klappe, die die Luftröhre abschließt, damit keine Nahrung in sie eindringt, wenn man das Essen hinunterschluckt. Die Klappe schließt sich. Das hält alle Luft davon ab, in die Lunge zu gelangen und verursacht den "Hicks", der mit dem Schluckauf einhergeht.

Warum aber bekommen wir einen Schluckauf? Die kurze Antwort lautet: Niemand kann es genau sagen. Tausende Jahre der Spekulation haben uns einer abschließenden Antwort nicht näher gebracht. Gleichwohl schwebte eine Theorie lange Zeit im Hintergrund: die Idee nämlich, der Schluckauf habe eine Bedeutung während der Entwicklung des Fötus. Der erwachsene Schluckauf wäre dann nur ein Überbleibsel jener Zeit.

Der Schluckauf bei Föten ist der Wissenschaft seit 1899 bekannt. Die ersten Ultraschall-Untersuchungen bestätigten sein Erscheinen. Von Frühgeborenen nimmt man an, dass sie schier unglaubliche 2,5 Prozent ihrer Zeit mit Schluckauf verbringen. Manch einer gelangte daher zu der These, der Schluckauf erlaube es dem Fötus - der ja im Mutterleib noch keine Luft einatmen kann, weil schlichtweg keine da ist -, frühzeitig die Atemmuskulatur zu trainieren. Nach der Geburt benötigt er diese nämlich sofort, um Luft zu bekommen. Mit anderen Worten: Der Schluckauf könnte dem Fötus zur Übung des lebenswichtigen Atmens verhelfen und ihn gleichzeitig vor der Aufnahme von Fruchtwasser schützen.

Ob das nun der Ursprung des Schluckaufs ist oder nicht - die meisten Menschen stellen fest, dass es bestimmte Umstände sind, die zum Schluckauf führen: zum Beispiel zu viel zu essen oder Getränke mit Kohlensäure aufzunehmen. Eine mögliche Erklärung dafür ist, dass das Aufblähen des Magens das Zwerchfell reizen könnte, was dann zu dem Anfall führt.

Doch keiner der genannten Faktoren stimuliert bei jedermann einen Schluckauf. Vor wenigen Jahren berichteten Wissenschaftler, sie könnten zuverlässig Schluckauf bei vier von zehn Personen auslösen, indem sie einen Teil der Speiseröhre dehnten. Aber offensichtlich ist auch diese Technik kein universeller Schluckauf-Stimulator.

Der Volksmund kennt Mittel im Überfluss, einen Schluckauf zu kurieren. Zu den klassischen Empfehlungen etwa zählt, den Atem anzuhalten oder durch ein Taschentuch zu atmen. Einige Leute haben ihre Schluckauf-Heilmethode sogar urheberrechtlich schützen lassen. Im Internet zum Beispiel kann man dies unter der Adresse www.mastersweep.com verfolgen.

Eine finstere Seite des Schluckaufs wird dann sichtbar, wenn er auch nach Tagen nicht aufhören will. Ein armer Kerl, Charles Osborne, lebte mehr als 63 Jahre lang mit einem kontinuierlichen Schluckauf. Er schlief sehr wenig, litt an Nasenbluten und Erbrechen und war gezwungen, einer Diät zu folgen und pürierte Speisen zu essen.

Selbst berühmte Persönlichkeiten können sich nicht immer vor den Folgen schützen: Von Papst Pius XII. wird etwa berichtet, er habe tagelang unter einem Schluckauf gelitten, der mit einer Gastritis einherging. Und nicht jeder übersteht die Folgen eines unheilbaren Schluckaufs. Es gibt zum Beispiel eine medizinische Veröffentlichung mit dem Titel "Ein schicksalsschwerer Fall von Schluckauf".

Ursachen und Behandlungsmethoden von chronischem Schluckauf ("Singultus") erscheinen immer wieder in der medizinischen Fachliteratur. Ärzte berichten unter anderem über Gehirntumore, Infektionen und Magengeschwüre infolge anhaltenden Schluckaufs. Obwohl nicht jedermann damit übereinstimmt, dass Arzneimittel eine direkte Ursache für Schluckauf sein können, gibt es viele Berichte darüber, dass chronischer Schluckauf ein Nebeneffekt medizinischer Behandlung etwa mit Corticosteroiden, die das Immunsystem unterdrücken, oder Benzodiazepinderivaten, sehr starken Tranquilizern, sei.

In Fällen sehr ernsten Schluckaufs greifen Ärzte zu drastischen Mitteln. Sie schalten zum Beispiel den "Nervus phrenicus" (phrenes: griech. für Zwerchfell) aus, der die Kontraktion des Zwerchfells kontrolliert, um den Anfall zum Stoppen zu bringen. Zwei Mediziner haben in dem Fachblatt "The Lancet" sogar einen Beitrag über die Wirkung von Marihuana zur Behandlung des chronischen Schluckaufs veröffentlicht. Eine Substanz aber scheint tatsächlich eine heilende Wirkung bei vielen Betroffenen zu entfalten: Sie ist unter dem Namen "Baclofen" bekannt und wird bei einer Vielzahl von Krankheiten wie Muskelschwäche oder Spastik eingesetzt.

Dennoch hilft bei der Behandlung von chronischem Schluckauf letzlich nur das Ausprobieren verschiedener Möglichkeiten. Obwohl es Hunderte Publikationen zu diesem Thema gibt, bereitet es den Ärzten nach wie vor viel Kopfzerbrechen. Eine zufrieden stellende Erklärung für den Beginn und das Ende eines Anfalls lässt auf sich warten, jeder Betroffene scheint nach wie vor ein Einzelfall zu sein.

Wie glücklich sind da doch die meisten von uns! Alles was wir tun müssen, um den mysteriösen und unkontrollierbaren Schluckauf zu bekämpfen, ist, unseren Körper in bizarre Stellungen zu bringen und in einer Weise aus Gläsern zu trinken, dass uns das Wasser aufs Hemd tropft.Die Autorin ist Redakteurin der internationalen Wissenschaftszeitschrift "Nature". "Nature"-Mitarbeiter schreiben regelmäßig im Tagesspiegel. Aus dem Englischen von Thomas de Padova.

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