Gesundheit : Beim Flirten führt die Frau

Verborgene Signale: Wie die Wissenschaft dem Spiel der Geschlechter auf die Schliche kommt

Bas Kast

Fangen wir mit der klassischen Szene an, dem Klischee. Da ist die Frau an der Bar, die an einem Martini mit Eis nippt. Als nächstes: Der Mann. Schon kann’s losgehen. Ein Blick. Ein Wegsehen. Der Mann setzt sich ans andere Ende der Bar, winkt nach dem Barkeeper. Wieder ein Blick. Ein Lächeln, das viel verspricht und nichts halten muss...

Damit sind wir bereits mittendrin. In dieser kurzen Szene, die so einfach scheint, zeigt sich eine der vielleicht folgenreichsten Verhaltensweisen des Menschen: das Flirten.

Flirten ist inzwischen eine Wissenschaft für sich. Lange hatte die Forschung das anfängliche Spiel zwischen den Geschlechtern ausgeklammert: zu kompliziert, zu diffus, unfassbar, nicht seriös genug. Das hat sich in den letzten Jahren geändert.

Heute beobachten Forscher mit versteckter Kamera, wie Mann und Frau sich näher kommen – und entdecken den Kardinalfehler, den Er dabei machen kann. Sozialpsychologen untersuchen, welche Sprüche an der Bar am besten ankommen und mit welchen man sofort abblitzt (siehe Infokasten). Dabei sind sich die Experten in einer Sache einig: Es ist die Frau, die den Flirt führt.

Karl Grammer beispielsweise, Verhaltensexperte am Ludwig-Boltzmann-Institut für Stadtethologie in Wien, entwickelt seit Jahren eine Flirtstudie nach der anderen. „Wir Männer glauben zwar, wir hielten das Heft in der Hand“, so das Fazit des Flirtforschers, „doch in Wirklichkeit steuern Frauen das Verhalten der Männer.“

In einem Experiment beobachtete Grammer 45 junge Paare, die sich zum ersten Mal begegneten. Während sich das Pärchen unter einem Vorwand in einem „Wartezimmer“ aufhielt, verfolgte der Wiener Wissenschaftler den Verlauf des Kontakts mit einer versteckten Videokamera.

Zur Überraschung des Forschers fingen die Frauen schon in der ersten Minute an zu flirten – auch dann, wenn sie die Männer in einem anschließenden Fragebogen als unattraktiv einstuften. Nur in einem Fall schalteten die Frauen ihr unbewusstes Flirtprogramm abrupt ab: wenn der Mann zu viel redete.

In zahlreichen Studien konnte Grammer zeigen, dass die Frau mit ihrer Körpersprache – einem Lächeln, Blick, Kopfnicken – das Verhalten des Mannes kontrolliert. „Wir konnten aus dem weiblichen Verhalten immer das der Männer vorhersagen, aber nie umgekehrt.“

Das kann Monica Moore nur unterschreiben. Die Psychologin der Webster Universität in St. Louis im US-Bundesstaat Missouri verbrachte Hunderte von Stunden ihrer Forscherzeit in Bars, Nachtclubs und Restaurants, um das Balzverhalten ihrer Mitmenschen zu beobachten. „In zwei Dritteln der Fälle macht die Frau den ersten Schritt“, sagt Moore. Mit ihrer Körpersprache signalisiert sie dem Mann, ob er mit einem Annäherungsversuch überhaupt eine Chance hätte. Das allerdings tut sie so subtil, dass er meint, er sei derjenige, der die Initiative ergreift.

Evolutionsbiologen vermuten, dass dieses Verhalten ein Erbe aus archaischen Zeiten ist. Flirten mag uns wie ein Spiel vorkommen, biologisch gesehen aber geht es ums Ganze: die Fortpflanzung.

Dabei ging die Frau seit jeher ein größeres Risiko ein als der Mann, weil Sie schon rein biologisch mehr in den Nachwuchs investiert – mit der Schwangerschaft etwa, während der die Gefahr besteht, dass der Mann sie verlässt und ein neues Kind zeugt.

So mussten die weiblichen Vorfahren genau prüfen, auf wen sie sich einließen. Und der Mann musste um sie werben. Dabei war es für die Frau von Vorteil, die Kandidaten kennen zu lernen, ohne dass diese Wind von den Absichten der Frau bekamen. Denn „sobald der Mann weibliches Interesse wahrnimmt, könnte seine Tendenz, ihr etwas vorzugaukeln, steigen“, glaubt Grammer. Das Flirten, dazu da, einen ersten Partnercheck vorzunehmen, perfektionierte sich.

Der amerikanische Evolutionspsychologe Geoffrey Miller geht noch einen Schritt weiter und meint, unsere entscheidenden Fähigkeiten seien eine Art Abfallprodukt des Flirtens. Kunst, Musik, Humor, das Talent, Geschichten zu erzählen, all das, führt der Wissenschaftler in seinem Buch „Die sexuelle Evolution“ aus, lässt sich nicht mit dem üblichen Argument aus dem Handgepäck des Biologen erklären: dem Kampf ums Dasein. Unsere bewundernswertesten Eigenschaften entwickelten sich, um das andere Geschlecht zu beeindrucken. „Der Geist entstand bei Mondschein“, lautet Millers Credo.

Das freilich ahnten schon die Lateiner, als sie uns als den „spielenden Menschen“ bezeichneten, den Homo ludens – und damit nicht zuletzt das Liebesspiel im Blick hatten.

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