Gesundheit : Das kleine Magenknurren zwischendurch

Kurzes gelegentliches Fasten ist vermutlich gesund und verlängert das Leben

Rolf Degen

Es ist wieder Fastenzeit. Wer in diesen Tagen beim Essen kürzer tritt, kann dabei aber nicht nur Buße und Läuterung als Motive anführen. Denn offenbar gibt es auch gesundheitliche Gründe. Tierversuche lassen keinen Zweifel, dass die Einschränkung der Energiezufuhr die Lebenserwartung und die Vitalität erhöht. Die Befunde wecken jetzt die Hoffnung, dass sich dieser wohltuende Effekt auch ohne jede Kalorienverminderung erreichen lässt – allein durch wiederkehrendes Magenknurren.

Von vielen kurzlebigeren Arten – von Hefepilzen über Flöhe und Spinnen bis zu Fischen und Ratten – weiß man, dass eine Einschränkung der Kalorienaufnahme um 30 bis 50 Prozent sowohl die durchschnittliche als auch die maximale Lebenserwartung um ungefähr ein Drittel bis die Hälfte steigert.

Nach aktuellen Befunden an Rhesusaffen funktioniert diese bisher wirkungsvollste Methode der Lebensverlängerung auch bei den Primaten, zu denen der Mensch gehört. Die Schmalspurkost verringert zudem das Auftreten von Tumoren, Herzerkrankungen und immunologischen Störungen und schiebt den Ausbruch von Abbauerscheinungen im Gehirn hinaus.

Allerdings muss die Diät darauf angelegt sein, Mangelerscheinungen zu verhindern. Die naheliegende Erklärung für die Lebensverlängerung durch Diät lautet einfach: weniger Kraftstoff, weniger Verschleiß. Die unfreiwillig in den Labors fastenden Tiere laufen in dieser Sichtweise sozusagen im Schonbetrieb. Bei karger Kost bilden sich weniger freie Radikale, die als Vandalen in den Zellen besonders in den für die Energieproduktion zuständigen Abteilungen, den Mitochondrien, wüten.

Bei der klassischen Methode der „kalorischen Restriktion“ wird den Versuchstieren einfach 30 bis 50 Prozent weniger von der Nahrungsmenge zugeteilt, die sie bei unbegrenztem Angebot von alleine verzehren, erläutert eine Forschergruppe um Mark P. Mattson vom National Institute on Aging in Baltimore. Doch in den letzten Jahren hat man auch eine Abwandlung von diesem Regime geprüft, bei der jeder zweite Tag aus einer Nulldiät besteht. An den Tagen, an denen nicht gefastet wird, dürfen sich die Tiere unbegrenzte Portionen zu Gemüte führen.

Die meisten Forscher waren bisher der Meinung, dass die herabgesetzte Kalorienmenge das Heilsame an der „Friss-die- Hälfte-Diät“ ist. Doch die neuen Ergebnisse lassen ahnen, dass es eher auf das wiederkehrende Magenknurren ankommt: Die periodisch fastenden Versuchstiere erzielten den gleichen oder sogar einen größeren Gewinn für Gesundheit und Lebenserwartung als ihre Artgenossen auf Light-Diät. Dabei war der objektiv eingenommene Brennwert unerheblich, wie das Team um Mattson bei Mäusen herausfand: Die Tiere verdrückten an den Fresstagen das Doppelte der üblichen Menge und machten so die ausgelassenen Mahlzeiten ohne Gewichtsverlust wett.

Das Wechselfasten bewirkt die gleichen Veränderungen, die auch nach einer dauerhaften Verringerung der Kalorienaufnahme zu verzeichnen sind: eine herabgesetzte Körpertemperatur, einen verlangsamten Herzschlag, einen verminderten Blutdruck und einen Rückgang von Blutzucker und Insulin.

Bei Mäusen und anderen Versuchstieren treten im Alter Einschränkungen des Lernvermögens und der Bewegungssteuerung auf. Sowohl die Kalorienverminderung als auch das periodische Fasten legen diesen Abbauerscheinungen Zügel an. In den letzten Jahren zeigten unerwartete Befunde, dass das Gehirn erwachsener Säugetiere die Fähigkeit zur Bildung neuer Nervenzellen (Neurogenese) beibehält. Beide Formen der (aufgezwungen) Askese hauchen diesen nachwachsenden Neuronen eine verlängerte Lebenserwartung ein.

Schließlich ist es in den vergangenen Jahren gelungen, gefürchtete neurodegenerative Erkrankungen wie Alzheimer und Parkinson im Tiermodell nachzuahmen. Auch hier erzielt die Nahrungseinschränkung einen prophylaktischen Effekt. Mäuse mit einer Mutation im Presenilin-1-Gen bekommen Alzheimer-ähnliche Symptome, die sich durch gebremstes Essen mindern lassen. Das Neurotoxin MPTP, das im Tierversuch Parkinson-ähnliche Symptome hervorruft, verliert bei den durch Fasten aufgepäppelten Tieren viel von seiner Bedrohlichkeit.

Es kommt aber nicht nur auf die Entschärfung von Sauerstoffradikalen an. Es gibt auch spezielle Proteine, die Chaperone, die damit betraut sind, durch schädliche Reize deformierte Eiweißmoleküle wieder in Form zu bringen. Bei vielen Hirnkrankheiten häufen sich falsch gefaltete Eiweiße an. Auch bei Hitze treten Schädigungen an Proteinen auf. Aus diesem Grund werden bei einem Temperaturanstieg spezielle Chaperone, Hitzeschockproteine wie Hsp90, produziert, die den Schaden wieder geradebiegen. Mattson und sein Team haben im Hirn periodisch fastender Tiere erhöhte Mengen von Hsp-Molekülen entdeckt.

Chaperone sind ein Zeichen dafür, dass ein durch Stress belasteter Organismus eine erhöhte Widerstandskraft erlangt. Wahrscheinlich ist es der periodische Hungerstress, der den wechselfastenden Versuchstieren die gesteigerte Vitalität und Überlebensfähigkeit verleiht.

Damit stehen gut gemeinte Ratschläge, wie etwa mehrmals kleine Mahlzeiten einzunehmen, nun plötzlich in einem fragwürdigen Licht. Zumindest im Interesse der Anti-Aging-Idee empfiehlt sich eher die wiederkehrende Enthaltsamkeit.

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