Gesundheit : "Das Königreich der Täufer": Eisenkäfig statt Apokalypse

Ingo Bach

Die Strafe für die Ketzer war grausam. Die Henker rissen den Verurteilten mit glühenden Zangen das Fleisch vom Körper. Dabei gingen sie - so im Bericht von der Hinrichtung - so "maßvoll" vor, dass ihre Opfer während der Tortur nicht in die Bewusstlosigkeit fliehen konnten. Erst nach einer Stunde kam die "Erlösung": Man stieß den Delinquenten einen glühenden Dolch ins Herz. Doch selbst die toten Körper bekamen keine Ruhe. Sie wurden in Eisenkäfigen aufrecht festgebunden und dann am Turm der Lambertikirche in Münster zur Schau gestellt. Mit der Hinrichtung des Münsteraner Täuferkönigs Jan van Leiden und zwei seiner Vertrauten endete am 22. Januar 1536 die Herrschaft der Täufer, die Münster gerade mal 18 Monate in ihrer Gewalt hatten. Noch heute prägt die Rache der Sieger das Stadtbild: fast 470 Jahre nach dem Ende des Königreiches der Täufer hängen die Käfige noch immer am Kirchturm.

So brutal uns diese Torturen erscheinen mögen, sie waren für das 16. Jahrhundert nicht außergewöhnlich. "Diese Art der Hinrichtung gehörte zum normalen Kanon der Todesstrafen", sagt Bernd Thier, Kurator der Ausstellung "Das Königreich der Täufer", die derzeit in Münster zu sehen ist. Und die Obrigkeit hatte von ihrer Warte aus einen guten Grund, die Täufer mit aller Härte zu verfolgen. Mit ihren revolutionären Ansichten stellten sie das ganze damalige Kirchensystem in Frage, noch radikaler, als es Martin Luther tat. Die Prediger der Täufer beriefen sich auf die unmittelbare Bedeutung der Bibelworte ("Das Wort wird Fleisch") und lehnten jeden Umweg über die kirchlich-theologische Vermittlung ab - womit die Institution Kirche faktisch für überflüssig erklärt wurde. Auch die Taufe von Neugeborenen lehnten sie ab. "Ein Kleinkind konnte nach ihrer Ansicht noch gar nicht glauben, weil ihm zu dieser Entscheidung die intellektuellen Voraussetzungen fehlten", sagt Thier. Erst als Erwachsener, also etwa mit 16 bis 18 Jahren, könne ein Mensch sich bewusst für den Glauben entscheiden und getauft werden. Für manche heutige Zeitgenossen mag dies wie eine Marginalie wirken. Für die Menschen des 16. Jahrhunderts aber war es ein unvorstellbares Sakrileg. Der Weg in den Himmel stand nur getauften Christen offen. Was also, wenn man - und das geschah im ausgehenden Mittelalter häufig - vor dem Erwachsenenalter starb? Die kurzatmige Antwort der Täufer: Das wird Gott schon richten. "Sie warfen damit ein ganzes Weltbild über den Haufen", sagt Museumskurator Thier.

Endzeitstimmung

Besonders radikal gebärdeten sich die apokalyptischen Wiedertäufer, die verkündeten, der Weltuntergang stünde unmittelbar bevor. Und in der Tat häuften sich um 1530 im Norden des Deutschen Reiches unheimliche Himmelszeichen. Thier: "Sonnen- und Mondfinsternisse, für diese Breitengrade ungewöhnliche Nordlichter und erst mit heutigem Wissen erklärbare Luftspiegelungen, die eine Dreifachsonne vorgaukelten - all das verbreitete Angst vor der Apokalypse." Die Täufer sahen sich selbst als die einzig wahren Christen. Nur sie würden überleben und an der Seite Christi das neue Jerusalem erbauen. Und nur ihnen stehe es zu, mit dem Schwert die Gottlosen - also alle, die nicht so glaubten wie sie - auszulöschen. Aus diesen Gründen galten die Täufer bald als Bedrohung für die Gesellschaft.

1529 verkündete der Reichstag zu Speyer, dass auf das Wiedertäufertum künftig überall im Reich die Todesstrafe stehe. Doch das Verfolgungssystem wies Lücken auf. Einige Landes- und Stadtherren nahmen es mit der Bekämpfung der Täufer nicht ganz so genau. Münster zum Beispiel. Und deshalb spielte sich hier ein Drama ab, dass die Fantasie der Menschen für Jahrhunderte bis heute anheizt. Es ist diese Mischung aus Gewalt, Untergangssehnsucht, Morbidität, Skandal und nicht zuletzt die widersprüchliche Gestalt des Täuferkönigs Jan van Leiden, die diese Faszination ausmacht.

Van Leiden, ein Wanderprediger aus den Niederlanden, kam im Januar 1534 nach Münster. Er muss ein Mann mit geradezu magischem Charisma gewesen sein. Mit fanatischer Unbeirrbarkeit hielten seine Anhänger zu ihm, obwohl seine Befehle an allem rüttelten, was den Menschen bis dahin heilig war und er mit seinen Prophezeiungen so oft daneben lag. Nachdem die Täufer durch Wahlen am 23. Februar die Macht im Münsteraner Rat übernommen hatten, führte van Leiden eine Gütergemeinschaft ein. Privateigentum wurde verboten, Wertgegenstände mussten an den Rat der Stadt abgeliefert werden. Man bereitete sich auf den unvermeidbaren Krieg mit dem rechtmäßigen Herren der Stadt, dem Fürstbischof Franz von Waldeck, vor, der im Februar mit der Belagerung Münsters begann.

Die Täufer stürmten die Kirchen und vernichteten die Altäre und Heiligenbilder. Die Erwachsenentaufe wird zur Pflicht. Massenhaft werden die Bürger auf den Straßen getauft, eimerweise floss das Wasser. In Münster, so verkündeten van Leiden und der Prediger Jan Mathijs, die beiden faktischen Herrscher der Stadt, werde bei dem bevorstehenden Ende der Welt zu Ostern 1534 Christus wiederkehren. Nachdem der Weltuntergang ausblieb und Mathjis bei einem Ausbruchsversuch gefallen war, übernahm van Leiden die Alleinherrschaft in der Stadt - und er führte ein strenges Regime ein. Bis zu hundert Regimegegner werden im Laufe der Täuferherrschaft hingerichtet, einige durch van Leiden höchstselbst.

Besonders viel Widerspruch löste die Anordnung vom Juli 1534 aus, dass jeder in der Stadt verbliebene Mann mehrere Frauen ehelichen müsse. Dabei war dieser scheinbare Skandal einem einfachen Rechenexempel geschuldet: Den 5000 Frauen in der Stadt standen nur 2000 Männer gegenüber. Und Frauen mussten versorgt werden: Nach damaligen Verständnis ging dies nur in der Ehe. "Und darüber hinaus diente diese Eheform der Überwachung aller Bürger der Stadt", sagt der Historiker Thier.

Schicksal am Kirchtum

Doch die Masse der Einwohner bleibt ihrem König, wie sich van Leiden seit September 1534 nannte, treu ergeben. Immer wieder berief er sich auf Eingebungen, die er direkt von Gott erhalten habe. Van Leiden war nicht nur ein brutaler Diktator, sondern auch ein von tiefem Glauben erfüllter Christ. Selbst nach den schlimmsten Verhören unter der Folter war er nicht bereit, zu widerrufen. So ereilte auch ihn das grausame Schicksal am Kirchturm der Münsteraner Lambertikirche.

Auch wenn der gewalttätige, apokalyptische Zweig der Täuferbewegung in Münster ausgelöscht wurde - am 25. Juni 1535 nahmen die zahlenmäßig weit überlegenen Belagerer die Stadt endlich ein und wüteten drei Tage lang in den Straßen der Stadt - so existieren die pazifistischen Gruppen unter den Täufern bis auf den heutigen Tag fort. "Allein in Nord- und Südamerika sind es an die 40 Millionen Christen, die sich auf die Tradition der Täufer zurückführen lassen, besonders die Amish und die Mennoniten", sagt Thier. Auch in den Niederlanden gibt es starke Gemeinden der Mennoniten, die sich zur Erwachsenentaufe bekennen.

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