Gesundheit : Der Entdecker des „Dämmerzustands“

Vor 100 Jahren starb der Nervenarzt Richard von Krafft-Ebing, der die Lehre von den sexuellen Krankheiten begründete

Klaus Brath

Ein wissenschaftliches Werk als Bestseller? Penible Krankheitslehre siebzehn Mal aufgelegt, mehrfach nachgedruckt und in sieben Sprachen übersetzt? Wenn medizinische Fachliteratur derart attraktiv ist, muss ihr Inhalt wohl etwas Besonderes sein. So wie Richard Freiherr von Krafft-Ebings „Psychopathia sexualis“ (1886): Es war die erste umfassende Sammlung sexualpathologischer Beobachtungen.

Obwohl oder gerade weil heikle Stellen in Latein abgefasst wurden und das Buch „nur an die Adresse von Männern ernster Forschung auf dem Gebiete der Naturwissenschaften und der Jurisprudenz“ gerichtet war, machte die pikante Sammlung ihren Autor schließlich berühmt. Jetzt jährte sich der Todestag des bis heute umstrittenen Begründers der Sexualpathologie und Wegbereiters der modernen forensischen Psychiatrie zum 100. Mal.

So wichtig Richard von Krafft-Ebing für die Entwicklung der Sexualwissenschaft auch wurde, seine eigentliche Profession war die des Nervenarztes. Seine universitäre Laufbahn führte den 1840 in Mannheim geborenen Arzt von Straßburg über Graz, wo er sechzehn Jahr wirkte, schließlich an die Spitze der renommierten II. Psychiatrischen Universitätsklinik in Wien.

„Das menstruierende Weib“

In Fachkreisen machte sich Krafft-Ebing schon früh einen Namen: durch einflussreiche Lehrbücher der gerichtlichen Psychopathologie und der Psychiatrie, durch Wortschöpfungen wie „Zwangsvorstellung“ und „Dämmerzustand“ und durch engagierte Beiträge zur Gerichtsmedizin, wenn er etwa die Menstruation als krankhaften Zustand begriff, der kriminelle Handlungen provozieren könne: „Das menstruierende Weib hat Anspruch auf die Milde des Strafrichters“, postulierte er in seiner Studie „Psychosis menstrualis“.

So liberal und fortschrittlich Krafft-Ebing seinen Patienten auch begegnen mochte, in mancherlei Hinsicht war er ganz Kind seiner Zeit. Höchst viktorianisch mutet etwa sein Verständnis pathologischer Sexualität an: So schrieb Krafft-Ebing 1886 in seinem Klassiker „Psychopathia sexualis“: „Jedenfalls sind der Mann, welcher das Weib flieht, und das Weib, welches dem Geschlechtsgenuss nachgeht, abnorme Erscheinungen." Und er fühlte sich auch der in der damaligen Psychiatrie vorherrschenden Degenerationstheorie verpflichtet – einem Denken, das die nicht normgerechte Variabilität des Geschlechtslebens vor allem im Sinne einer krankhaften Entartung deutete.

Damit entzog er die Sexualität zwar dem lange Zeit vorherrschenden Zugriff des Beichtstuhls und der Gesetzesbücher – allerdings um den Preis, dass die Betroffenen fortan nicht mehr als Sünder oder Verbrecher, sondern als Geisteskranke bezichtigt wurden.

Seit damals hat sich vieles rasant verändert – kulturell, sexuell, auch in der Nervenheilkunde. Sigmund Freud, dem Krafft-Ebing in Wien zu einer Professur verhelfen wollte, studierte dessen Klassiker sorgfältig. Im Gegensatz zu Krafft-Ebings akribisch-katalogisierender Forschung suchte Freud jedoch nach den zugrunde liegenden Erklärungen der Sexualstörungen und verwies auf die psychische Entwicklung vom polymorph perversen Kind zum heterosexuellen Erwachsenen.

Was normal ist

Wenn nun heutzutage selbst manche Sexualwissenschaftler nicht mehr so genau zu wissen glauben, welche Sexualität normal oder unreif, gesund oder gestört ist – die Spuren von Krafft-Ebings Denken und insbesondere seiner Terminologie sind dennoch unübersehbar. Die von ihm geprägten Begriffe wie Sadismus, Masochismus, Pädophilie und Nekrophilie sind nach wie vor in den gängigen psychiatrischen Klassifikationsschemata enthalten – und fester Bestandteil der Talkshow-Kultur.

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