Die Übeltäter : So bedrohlich ist das Pockenvirus immer noch

Das Menschenpocken-Virus existiert offiziell nur noch an zwei Orten: in einem Labor in Atlanta und in einem in Nowosibirsk. Das letzte Mal trat die Krankheit 1977 in Somalia auf. Drei Jahre später erklärte die WHO sie für ausgerottet – als Ergebnis eines konsequenten Impfprogramms. Dennoch bleiben Pocken-Viren eine potenzielle Gefahr.

Björn Rosen

Die Menschenpocken galten einst als größte Geißel, so schlimm wie die Pest. Wegen der Krankheit verloren Millionen ihr Augenlicht, wurden gelähmt oder starben sogar. Verantwortlich dafür war das nun in der Natur nicht mehr existente und in vielerlei Hinsicht außergewöhnliche Variola-Virus. „Es sieht backsteinförmig aus, ist das größte Virus überhaupt und ähnelt fast einer primitiven Zelle“, erklärt Andreas Nitsche, Pocken-Experte am Robert-Koch-Institut.

Zwar brauchen Variola-Viren – wie andere Viren auch – eine Zelle als Wirt, um sich vermehren zu können. Aber sie müssen nicht in deren Kern vordringen, sondern sind in der Lage, sich im Zytoplasma zu vervielfältigen – das ist die Lösung, die Zellen ausfüllt und in der sich unter anderem Proteine und Fette, aber auch Teile der Erbinformation befinden.

Noch etwas zeichnet Variola-Viren aus: Sie sind hoch infektiös. Bei Raumtemperatur bleiben sie mehrere Monate, bei –20 Grad sogar über Jahrzehnte vermehrungsfähig und damit gefährlich. Übertragen wurden sie meist durch Hautkontakt oder die Luft. Waren sie erst einmal über die Atemwege eingedrungen, verteilten sie sich mit dem Blut langsam im ganzen Körper und damit in den verschiedensten Organen. Dieser Angriff konnte oft bis zum Tod führen. „Warum bei Pocken die typischen Pusteln entstehen, weiß man nicht“, sagt Experte Andreas Nitsche.

Einzig wirksames Mittel gegen die Variola-Viren war eine vorbeugende Impfung mit ähnlichen, aber für den Menschen sehr viel ungefährlicheren Pocken-Viren. Allerdings starb einer von einer Millionen Menschen an der Impfung, und viele andere litten unter Nebenwirkungen. Deshalb stoppte man die Immunisierung, als die Welt 1980 als pockenfrei galt. Und genau das ist einer der Gründe, warum die Krankheit – sollte sie je zurückkehren – viele Opfer fordern könnte. Denn unter jungen Menschen ist kaum jemand geschützt.

In den Medien werden immer wieder mögliche Bedrohungsszenarien durchgespielt. So könnten die Erreger in die Hände von Terroristen gelangen, die sie für einen Anschlag bewusst in Umlauf bringen, zum Beispiel mit Nahrungsmitteln. Bekannt ist, dass die Sowjetunion tatsächlich systematisch Variola-Viren züchtete, um sie in der biologischen Kriegsführung einsetzen zu können. Allerdings ist dies sehr aufwendig und wäre für Terrorgruppen kaum machbar. Gleiches gilt auch für eine andere Gefahr: der gentechnischen Veränderung von Kuh-, Affen- oder Katzenpocken, deren Erreger den Variola-Viren zwar ähneln, beim Menschen aber bisher leichtere Erkrankungen auslösen. Würde sich ihre Erbsubstanz mit der anderer Viren kombinieren, könnte dabei tatsächlich ein sehr gefährlicher Erreger herauskommen.

So wird übrigens auch begründet, warum die Pocken-Viren in Atlanta und Nowosibirsk nicht längst vernichtet wurden. Sie könnten helfen, schnell Impfstoffe oder Medikamente zu entwickeln.

Björn Rosen

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