Gesundheit : Ein bitterer Nachgeschmack Wer empfindlich fürs Herbe ist,

hat ein höheres Darmkrebsrisiko

Rolf Degen

Es war schon immer etwas teurer, einen besonderen Geschmack zu haben. Menschen, die eine Empfindlichkeit für bittere Geschmacksnoten besitzen, müssen dafür vermutlich mit einer erhöhten Anfälligkeit für Darmkrebs bezahlen. Ihr launiger Gaumen verleitet sie offenbar dazu, sich zuwenig pflanzliche Schutzstoffe zu Gemüte zu führen.

Nach den Ergebnissen der Wissenschaft leben Menschen in unterschiedlichen Geschmacksuniversen. Manche Zeitgenossen sind für bestimmte Geschmacksrichtungen regelrecht „blind“, während andere eine unglaubliche Sensibilität für die gleichen Nuancen besitzen. So ist etwa ein Viertel aller getesteten Versuchspersonen völlig unfähig, die bittere Geschmacksnote der Testssubstanz „PROP“ wahrzunehmen. Etwa die Hälfte der Probanden sind Normalschmecker, während ein weiteres Viertel – Frauen drei mal so oft wie Männer – zu den so genannten „Superschmeckern“ gehört, denen PROP außerordentlich bitter erscheint.

Den Bitterempfindlichen schmeckt Brokkoli zu herb, aus Süßstoff filtern sie die Bitternote heraus, und Schweizer Käse stößt sie wegen seiner Strenge ab. Ihre Zungen sind mit Geschmacksknospen regelrecht übersät, wodurch nicht nur der bittere Geschmack verstärkt wird: Für Superschmecker ist Zitronensaft saurer, Alkohol bitterer und Schokolade süßer. In unserer evolutionären Vergangenheit mag es ein Vorteil gewesen sein, eine Abneigung gegen Nahrungsmittel zu haben, deren bitterer Geschmack die Gefahr giftiger Inhaltsstoffe signalisierte. Doch heute schlägt dieser Nutzen womöglich in einen Nachteil um: Superschmecker tragen vielleicht ein höheres Krebsrisiko, weil sie um Vitaminreiches wie Rosenkohl oder Grapefruit einen Bogen machen. Sie genehmigen sich vielleicht auch zu wenige bittere „sekundäre Pflanzenstoffe“, denen man einen Krebs vorbeugenden Effekt nachsagt.

Die Psychologin Linda Bartoshuk von der Yale Universität hat diese Möglichkeit jetzt erstmals auf die Probe gestellt. Sie studierte die Bitterempfindlichkeit von 250 älteren Männer, die sich einer endoskopische Untersuchung des Dickdarms unterzogen. Eindeutiges Ergebnis: Um so höher die Bittersensibilität, um so mehr Dickdarmpolypen – den Vorboten von Darmkrebs – wiesen die Männer auf. Hochempfindliche aßen auch weniger Gemüse und legten ein höheres Körpergewicht (einen weiteren Risikofaktor für Darmkrebs) an den Tag.

Der Befund mit dem erhöhten Körpergewicht widerspricht allerdings den Beobachtungen an weiblichen Superschmeckern, meint Bartoshuk: „Sie sind dünner und essen weniger fettreiche Nahrung.“ Sie vermutet, dass Essen für diese Frauen mehr Geschmack hat und sie mit weniger zufrieden sind. In einer neuen Studie kam sogar gerade heraus, dass ältere Frauen mit hohem Gespür für Bitteres deutlich dünner sind und einen besonders niedrigen Gehalt der „bösen“ Blutfettwerte aufweisen als die andern Gruppen – ihr Risiko für Herz- und Kreislauferkrankungen ist reduziert.

Dass sich die gesundheitlichen Gefahren einer geschmacklichen „Sonderbegabung“ erst im Alter von über 65 Jahren abzeichnen, lässt sich nach Ansicht der Forscherin leicht nachvollziehen: Die Folgen einer veränderten Nahrungsaufnahme häufen sich erst über lange Jahre an. Aber auch die Bitterblindheit kann nachteilige Folgen für die Gesundheit nach sich ziehen. Nichtschmecker neigen öfter zum Alkoholismus, wahrscheinlich, weil das ätzende Äthanol sie nicht im Mundraum beißt. Rolf Degen

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