Gesundheit : Hände: Womit der Mensch die Welt begreift

Matthias Glaubrecht

Jeden Morgen erwachen unsere Hände und Arme zum Leben und bringen mit einer rituellen Runde auf unserem ganz privaten Hindernisparcours den noch schlafmüden Körper in den neuen Tag. Jeden Morgen beginnen unsere Hände mit Gegenständen, die geöffnet oder geschlossen, gehoben oder gestoßen, gedreht oder gewendet, gezogen, geführt oder gebunden werden. Unsere Hände bewerkstelligen all diese Tätigkeiten und Schwierigkeiten so meisterhaft und elegant, dass wir es nicht einmal merken. Doch wie würden wir dastehen, ohne diese Hände?

"Das kunstfertige und stumme Spiel unserer Hände gehört so selbstverständlich zum Leben, dass uns kaum jemals klar wird, wie abhängig wir von ihnen sind", sagt der amerikanische Neurologe Frank R. Wilson. Seiner Meinung nach unterscheidet uns nicht der aufrechte Gang, die Sprache oder das Denken vom Affen. Vielmehr sind es die Hände, die den Menschen zum Menschen machen. Dabei weisen unsere Hände gegenüber denen der Affen nur winzige Veränderungen vor allem der Handwurzelknochen auf.

Vom Klavierspiel fasziniert

Wilsons Buch "Die Hand. Geniestreich der Evolution. Ihr Einfluss auf Gehirn, Sprache und Kultur des Menschen" (Verlag Klett-Cotta, Stuttgart 2000; 397 Seiten) ist eine Hommage an die Wunder der menschlichen Hand, entstanden aus der Reflexion über zwanzig Jahre berufliche und persönliche Beschäftigung mit dem Funktionieren der Hände. Als Mediziner und Direktor des Peter Ostwald Health Program for Performing Artists behandelte Wilson Patienten - Bildhauer und Pianisten, Handwerker und Chirurgen, Juweliere und Jongleure - die Probleme mit dem Gebrauch ihrer Hände hatten. Als Hobbymusiker faszinierte ihn das Spiel seiner Finger auf den Tasten des Klaviers.

Beides weckte seine Neugier. In seinem Buch geht es dem "hand-doc" um weit mehr als nur den anatomischen Bau der Hand zu erklären; einer Hand, die lediglich nach der klassischen Oberflächenanatomie von den Fingerspitzen bis zum Handgelenk reicht. Wilson beschreibt dabei nicht etwa nur das Kunststück der sogenannten "ulnaren Opposition", jener Daumenbewegung in Richtung des Kleinfingers, die den jüngsten Funktionsfortschritt der modernen menschlichen Hand darstellt.

Um die Biomechanik unserer Hände zu verstehen, lenkt Wilson unseren Blick entlang den Sehnen, Muskeln und vor allem der Nervenverknüpfung hinauf zu den Armen und Schultern, die auf derart einzigartige Weise allein bei uns Menschen zusammenarbeiten. Sein Buch wird damit zugleich zu einem faszinierenden Streifzug durch die Evolution des Menschen. Denn allein bei uns brachte sie Hände hervor - Hände, mit denen wir grobe Gegenstände gezielt werfen und andere fest greifen können, mit denen wir selbst winzige Dinge manipulieren und sogar schreiben können.

Wilsons "Geniestreich Hand" öffnet uns die Augen für ein Organ, das uns erst unsere einzigartigen menschlichen Fähigkeiten erlaubt - allen voran die zu leidenschaftlicher und kreativer Arbeit. Es schildert jene evolutionären Wege, die die Hände unserer australopithecinen Ahnen in das entscheidende Instrumentarium des menschlichen Körpers und ihr einmaliges Bewegungsrepertoire verwandelten.

Wilson skizziert sachkundig und mit vielen Details die biomechanische und physiologische Perspektive einer spezialisierten Struktur und die neugewonnene Funktion eines ehemaligen Vorderbeins, das seit rund vier oder vielleicht sogar fünf Millionen Jahren nicht mehr zum Tragen des Körpergewichts dient, sondern dessen vorderster Abschnitt seitdem für die Kontrolle externer Objekte bestimmt ist. Doch Wilson geht noch weiter. Für ihn ist das extrem erweiterte Bewegungsrepertoire der Hand ein Geschenk der Evolution, dem überdies die entscheidende Bedeutung für die kognitiven Möglichkeiten unseres Gehirns zukommt. Matürlich benötigen die Hände eine Schaltzentrale, die die unendlich vielen Fertigkeiten steuert.

Nicht nur Werkzeug fürs Werkzeug

Aber es werden nicht nur handwerkliche Bewegungen kontrolliert; die menschlichen Hände "lernen" im Verlauf ihrer Evolution so viel, dass sie auch das Denken und Sprechen beeinflussen. Den Neurologen Wilson interessiert die dynamische Verflechtung von Hand, Denken und Sprache. Tatsächlich nähert er sich in seiner Studie über die Bedeutung der Hand damit aus ungewohntem Winkel einem der Grundprobleme menschlichen Lebens - unserer Intelligenz: Jener Fähigkeit, Fakten zu sammeln, zu gewichten und aufeinander zu beziehen, um Probleme zu lösen. Dabei verdanken wir unsere einzigartige Stellung im Tierreich zwei raffinierten Problemlösungsstrategien: Die eine umfasst das Arsenal spezialisierter Werkzeuge - vom Stein und Stock bis zur Software für Computer und Roboter; wir haben die Technik zum Herzstück unserer Überlebensstrategie gemacht. Die andere ist unsere Sprache, die Wilson durch unsere Hände initiiert sieht, und folglich - in der Verbindung mit unserer weiteren kulturellen Entwicklung - die Schrift als dem Gipfel unserer gleichsam "manuellen Intelligenz". Die neue Hand habe dem Homo sapiens nicht nur die mechanischen Voraussetzungen für exaktere Manipulationen und verbesserten Werkzeuggebrauch gegeben, sondern auch den Anstoß zur Umgestaltung und Neuordnung der Schaltkreise im Gehirn.

Es ist diese neuroethologische Perspektive unserer einmaligen Handfertigkeit, in der Wilson die jüngsten Forschungen von Anthropologen und Hirnforschern verknüpft, um neben der Evolution der Hand zugleich auch eine Chronologie für die Evolution der menschlichen Intelligenz aufzustellen. Wilson zielt bei seiner Betrachtung der Hand auf die Kognitionswissenschaften, und unabhängig ob man ihm nun bei sämtlichen Details der parallelen Entwicklung menschlicher Hände und Hirne folgen mag: Es ist dies der faszinierende neue Aspekt, der Wilsons Buch lesenswert macht.

Handlanger des Hirns

Denn für ihn ist jede Theorie der menschlichen Intelligenz "höchst irreführend und unfruchtbar, die die funktionelle Wechselbeziehung von Handbewegung und Hirnaktivität, die historischen Ursprünge dieser Beziehung oder ihren Einfluss auf die Entwicklungsdynamik des modernen Menschen außer acht lässt". Das Zusammenwirken von Fingerfertigkeit und Intelligenz sei derart eng geworden, so Wilson, dass keine einzelne Wissenschaft oder Disziplin allein menschliche Fertigkeiten oder Verhaltensweisen erklären könne.

Da es in der Lebensgeschichte des heutigen Menschen zur Verbindung und Verstärkung zwischen gezieltem Handeinsatz, Sprache und Kognition kommt, sei die menschliche Intelligenz kein rein geistiges Phänomen. Daher ist der "intelligente" Gebrauch der Hand nicht ein zufälliges Überbleibsel unseres Hominidenerbes, sondern - gemeinsam mit dem Sprachtrieb - eine elementare Kraft, die die Entstehung dessen, was wir Verstand nennen, vorantrieb. Zum Beleg diskutiert Wilson unter anderem die zentrale Hypothese der Händigkeit des Menschen und die bislang sämtlich unzureichenden Versuche, einen Zusammenhang mit der bekannten Spezialisierung der beiden Hälften des menschlichen Gehirns herzustellen.

Warum sind wir derart unfähig, mit der anderen Hand zu schreiben? Hatte etwa eine gewohnheitsmäßige seitenspezifische Fertigkeit der Hände und Arme einst den Australopithecinen in ihrer konkurrenzhaften Umwelt Ostafrikas einen entscheidenden Überlebensvorteil verschafft? Hatte schließlich diese manuelle Leistungsasymmetrie eine neuronale Spezialisierung im Gehirn angeregt? Hat sich das Gehirn gleichsam seine Aufgaben selbst gestellt? Wurden dabei häufig vorkommende Operationen und Aufgaben mit gleichen Ausführungsprofilen im Gehirn standardisiert, und dafür - ähnlich einem mathematischen Koprozessor im Computer - eine Art neuronaler Chip angefertigt? Warum besitzt beim Menschen die rechte Hirnhälfte stets die Fähigkeit zur visuellen-räumlichen Verarbeitung, während die linke Gehirnhälfte - mit dem ebenfalls dort lokalisierten Sprachzentrum - die Kontrolle der Schreibbewegung übernimmt?

Das Buch von Frank Wilson über die im doppelten Wortsinn "artikulierte Hand" bleibt notwendigerweise viele Antworten schuldig. Doch wer seinen Gedankengängen folgt, dem eröffnet sich ein neuer Blick nicht nur auf unsere bislang meist vernachlässigten Hände, sondern auch auf die Entstehung des menschlichen Geistes.

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