Gesundheit : Parasiten kapern fremde Nervensysteme und manipulieren das Verhalten ihrer Wirte

Rolf Degen

Fremde Intelligenzen, die in das Innere eines anderen Lebewesens schlüpfen und es in einen willenlosen Sklaven ihrer eigenen Interessen verwandeln: Was auf den ersten Blick wie ein Science-Fiction-Film der 50er Jahre wirkt, ist im Dauerkrieg zwischen Parasiten und ihren Wirtsorganismen grausame Realität. Viele Schmarotzer sind darauf perfektioniert, wie an einem Schaltpult am Nervensystem ihrer ahnungslosen Opfer herumzupfuschen. Die Manipulationen, mit denen ein Parasit in das Verhalten seines augenblicklichen Trägers eingreift, haben fast immer die Weiterbeförderung von einem Zwischenwirt zum Endwirt zum Ziel, in dem die sexuelle Fortpflanzung des "Trittbrettfahrers" erfolgen soll. Das heißt, dass der momentane Gastgeber um jeden Preis in die Fänge eines Räubers getrieben werden muss, dessen Körper zum Liebesnest erkoren wurde.

Auf der primitivsten Stufe besteht die infame Masche darin, den Zwischenwirt durch einen Dreh an seinen Nervenschaltkreisen zu verlangsamen. Dann sorgt der Daseinskampf schon dafür, dass der Entmündigte zum "gefundenen Fressen" für hungrige Verfolger wird. So bleiben Fische, die mit einem Vogelsaugwurm befallen sind, hoffnungslos hinter ihrem Schwarm zurück und trudeln zur Wasseroberfläche, wo sie der Kormoran ohne Mühe erwischt.

Fadenwürmer aus der berüchtigten Art der Trichinen dämmen außer der Mobilität auch noch das Orientierungsvermögen der befallenen Nagetiere ein. Ratten büßen im Würgegriff des Einzellers "Toxoplasma gondii" die Tendenz zum Erkunden der Umgebung und bedeutende Anteile ihres Lernvermögens ein. Das ist bemerkenswert, da man auch bei lernbehinderten Kindern eine erhebliche Belastung mit diesem Schmarotzer gefunden hat.

Andere Parasiten haben den Dreh heraus, komplexe Verhaltensweisen der Wirte für ihre egoistischen Zwecke einzuspannen, schildert das Wissenschaftsmagazin "New Scientist". So stacheln verschiedene Arten von Fadenwürmern den Durst ihrer Zwischenträger an. Der Pferdehaarwurm zum Beispiel treibt Grillen in Wasserlöscher, wo sie unweigerlich ertrinken und gefressen werden. Es ist unerklärlich, wie die Arten unabhängig voneinander den entscheidenden "Durst-Hebel" im Steuerungszentrum ihrer Opfer gefunden haben.

Der Kratzer, ein parasitärer Schlauchwurm, der Wasservögel als Endwirte braucht, schließt bei seinen Zwischenwirten, den Flohkrebsen, sogar zwei Instinkt-Schaltkreise kurz: Den für Paarungsverhalten und den für Flucht. Wenn Gefahr droht, schießt der befallene Flohkrebs an die Wasseroberfläche und reitet beim erstbesten Strohhalm auf. Dieser suizidale Pseudo-Sex ist absolut untypisch für das Tier, das es sonst nur im Schutze des getrübten Wassers am Boden treibt.

Ganz unterschiedliche Arten - ein Pilz, der Dungfliegen befällt, und ein Virus, der es auf Mottenlarven abgesehen hat, lösen bei ihren Opfern ein und dieselbe "Gipfelkrankheit" aus. Die Wirtsorganismen klettern unter einem unbändigen Trieb auf die Spitze von Bäumen oder Büschen und postieren sich im Todeskampf in einer stereotypen Körperhaltung. Dann lassen sowohl der Pilz als der Virus Sporen auf neue Wirtsorganismen regnen.

Auch der Mensch kann zum Opfer dieser Invasoren werden. In vielen Fällen wird unsere Spezies von den Parasiten jedoch nur indirekt avisiert. Die Einzeller (Leishmanien), die eine nach ihnen benannte tropische Krankheit (Leishmaniose) hervorrufen, hetzen ihre Zwischenwirte, die Sandfliegen, regelrecht gegen Menschen auf. Sie blockieren deren Verdauungstrakt, so dass die ständig überhungrigen Fliegen sich mit wilder Intensität an der menschlichen Haut vergreifen. Auch die Fliegen, die den Pestbazillus tragen, und die Moskitos, die vom La-Crosse-Virus, einem Erreger von Hirnkrankheiten, befallen sind, werden durch einen abnormen Blutdurst aufgewiegelt.

Ähnlich steht es um die Moskitos, die den Malariaerreger transportieren: Im Gegensatz zu ihren gesunden Artgenossen bleibt ihre Gier nach Menschenblut auch in der Nacht ungeschmälert. Doch wenn der Parasit noch unausgereift ist und sich im fremden Blutstrom noch nicht entwickeln kann, dämmt er nach neuesten Ergebnissen sogar den Blutdurst der Moskitos ein.

Es ist zur Zeit noch nicht absehbar, wie oft der Mensch einer direkten Attacke der "Körperfresser" zum Opfer fällt. Von der Syphilis befallene Kranke manifestieren häufig einen unmäßigen Sex-Hunger, der nach dem griechischen Gott der Liebe auch als "Cupidos Krankheit" bezeichnet wird. Man kann nur spekulieren, dass sie damit einer Fortpflanzungsstrategie des Erregers folgen. Der Mediziner Jaroslav Flegr von der Universität Prag machte kürzlich die Entdeckung, dass der Befall mit "Toxoplasma gondii" beim Menschen mit Schuldgefühlen und verminderter Selbstgenügsamkeit verbunden ist. Niemand weiß, ob dahinter der parasitäre Einzeller steckt und welchen Zweck er mit der Manipulation verfolgt.

Es ist ohnehin nicht sicher, ob ein Parasit wirklich immer das angestrebte Ziel - die Versklavung des Wirtes - erreicht. Denn immer da, wo in der Evolution zwei gegensätzliche Interessen zusammenstoßen, bricht in der Regel ein Rüstungswettlauf auf. Manchmal lässt sich nur sehr schwer entscheiden, ob ein bestimmtes Verhalten als Manipulation oder als Abwehr gegen die Manipulation zu werten ist.

Hummeln, die von parasitären Fliegen mit Eiern befrachtet wurden, halten sich zum Beispiel meistens von ihren Nestern fern. Ein gelungener Schachzug der Parasiten, die ihren Nachwuchs von Bakterien in den Nestern schützen wollen? Aber vielleicht möchten die Hummeln nur ihre genetisch nah Verwandten in den Nestern vor der Infektion bewahren, wenden manche Forscher ein. Zudem ist es außerhalb der Nester kälter, was der Entwicklung der Fliegenlarven nicht gut bekommt.

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