Gesundheit : Pierre Bourdieu: Die Lehre vom feinen Unterschied

Rolf Spinnler

Wie wird man zum Klassiker einer wissenschaftlichen Disziplin? Indem man Schlagworte prägt, die so sehr ins Alltagsbewusstsein einsickern, dass niemand mehr weiß, wer sie erfunden hat. Daran gemessen ist Pierre Bourdieu, der heute seinen 70. Geburtstag feiert, längst in den Olymp der Meisterdenker aufgerückt. Kaum eine Analyse zeitgenössischer Lebensstile und Konsumgewohnheiten kommt noch ohne die Begriffe "sozialer Habitus", "symbolisches Kapital" oder "Distinktionsgewinn" aus, denen Bourdieu in der soziologischen Theoriebildung zum Durchbruch verholfen hat.

Pierre Bourdieu, der am 1. August 1930 in einem kleinen Ort in den französischen Pyräneen geboren wurde, ist ein lupenreiner Spross der Pariser Elitehochschulen. Kaum hatte er sie als Student erfolgreich durchlaufen, machte er ebendort als Professor Karriere. Sie wurde schließlich 1982 mit der Aufnahme ins Allerheiligste der französischen Akademikerelite gekrönt: der Berufung ans Collège de France. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass Bourdieu gleichwohl zu einem der scharfsinnigsten Analytiker eben jener kulturellen Elite geworden ist, der er selbst angehört. Das Bildungssystem, dessen Zögling er ist, wird von ihm als Schauplatz von Klassenkämpfen beschrieben, bei denen es um die Verteilung von "kulturellem Kapital" geht.

Solch eine Beschreibung setzt zweierlei voraus: profundes Insiderwissen - und den Blick von außen. Die Distanz zur Hochkultur hatte sich Bourdieu Ende der fünfziger Jahre bei seinen soziologischen Forschungen in Algerien erarbeitet. Seine Studien über das Berbervolk der Kabylen folgten jenem ethnologischen Ansatz, der in den französischen Sozialwissenschaften seit Emile Durkheim und Claude Lévi-Strauss dominiert. Aus der Analyse der traditionalen Berbergesellschaft gewann Bourdieu die zentralen Kategorien seiner Kultursoziologie, die er dann nur noch auf europäische Verhältnisse übertragen musste. Diese Kategorien heißen "sozialer Habitus" und "soziales Feld". Unter "Habitus" versteht Bourdieu jene Fähigkeiten, Gewohnheiten und Überzeugungen, über welche die Mitglieder einer Gesellschaft gleichsam automatisch verfügen, weil sie ihnen zur zweiten Natur geworden sind. "Bildung" meint so gesehen nicht das bewusst angeeignete Wissen, sondern umfasst jene intellektuellen Reaktionsweisen, Geschmacksurteile und Lebensstile, die wir uns seit unserer frühesten Kindheit "einverleibt" haben. Welchen Wein man zu welchem Gericht wählt, wie man sich zu einer Party anzieht, welche Art von Musik man am liebsten hört - all das macht den sozialen Habitus einer Person aus. Diese Haltungen kann man sich nicht im Schnellkurs aneignen, sie müssen einem so in Fleisch und Blut übergegangen sein, dass man sie jederzeit automatisch abrufen kann.

Wenn Bildung und Kultur auf derart "einverleibten" Fähigkeiten beruhen, dann - so Bourdieu - ist die liberale Parole von der Chancengleichheit im Bildungssystem pure Fiktion. Denn dort wie auf den anderen sozialen "Feldern" finden Klassenkämpfe statt, bei denen sich die Eliten gerade durch ihren spezifischen Habitus von den sozialen Aufsteigern abgrenzen. Bourdieu versucht also, die Marxsche Theorie vom Klassenkampf auf einen zeitgemäßen Stand zu bringen. Der Kampf um soziale Anerkennung vollzieht sich als Kampf um die Anhäufung von "symbolischem Kapital". Es geht darum, das ökonomische Kapital in kulturelles zu verwandeln, also in jene "feinen Unterschiede" (so ein Buchtitel von Bourdieu) der Lebensstile, durch die man sich von anderen abgrenzen und ihnen gegenüber einen Distinktionsgewinn einstreichen kann. Dabei gibt es bei diesen Machtspielen keine neutrale Position, weil die Festlegung dessen, was als "fein", elitär oder snobistisch zu gelten hat, selbst Gegenstand des Streits ist. Ob man nach Bayreuth pilgert, übers "Literarische Quartett" die Nase rümpft oder den Winterurlaub auf Rügen verbringt - stets markiert man eine Differenz zu den Konkurrenten und bestimmt damit die eigene Position im sozialen Feld.

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