Gesundheit : Rhetorik: "Dieses Haus hat eine Vision"

Anja Kühne

Forsch wie Renate Künast, feinsinnig wie Wolfgang Schäuble und schlagfertig wie Gregor Gysi - dass Deutschland weit mehr gute Redner als Sitze im Bundestag hat, zeigte sich am Wochenende in der Humboldt-Universität bei der "1. Deutschen Debattiermeisterschaft der Hochschulen". Mehr als 70 Studentinnen und Studenten von 13 Universitäten lieferten sich dabei in der Hoffnung Rededuelle, schließlich zu Deutschlands bestem Team der Hochschulredner gekürt zu werden. Eingeladen hatte die "Berlin Debating Union", der Debattierclub der Freien Universität und der Humboldt-Universität, der von Studenten nach angelsächsischem Vorbild vor zwei Jahren ins Leben gerufen wurde.

Zum Thema Online Spezial: Rhetorik In studentischen Debatten geht es ähnlich zu wie beim Schlagabtausch im Parlament: Manchmal wird mit dem Florett, manchmal aber auch mit der Dicken Berta gekämpft: "Meine Herren, Sie haben kein Konzept, Ihre Argumente sind läppisch!" In ihrer äußeren Aufmachung orientierten sich die meisten männlichen Redner in der Humboldt-Uni dabei nicht am jungen, sondern am reifen Joschka Fischer und sprachen in Schlips und dunklem Anzug. Für die Debatte gibt es feste Regeln, die britischem Gebrauch folgen. Je vier Studenten gehören in einer Runde nach Losentscheid der "Opposition" an, vier weitere vertreten den Standpunkt der "Regierung". Jeweils zwei Studenten machen dabei ein Team aus, also eine "Fraktion", die gegen die anderen drei Fraktionen versucht, die meisten Punkte für ihre Redekunst zu erzielen. Worüber sie diskutieren sollen, erfahren die Teilnehmer erst fünfzehn Minuten vor der Debatte. "Russland soll der EU beitreten", "Dieses Haus ist für ein Demonstrationsverbot am Brandenburger Tor und am Holocaust-Mahnmal" oder "Dieses Haus unterstützt die Auslieferung von Kriegsverbrechern" - bei solchen Themen können sich nur Fraktionen behaupten, die das politische Geschehen intensiv verfolgen. Den Punktrichtern kommt es mehr auf gute Argumente als auf die Selbstinszenierung an: "Es besteht die Gefahr, dass die Leute sich produzieren, die Sache aber auf der Strecke bleibt", sagt Juror Ansgar Kemmann von der Universität Tübingen, der vor zehn Jahren dort den ersten Debattierclub gründete.

Wie schwer es ist, unter größtem Zeitdruck spontan gute Argumente vorzutragen, merkten vor allem die in die Endausscheidung gekommenen vier Fraktionen. Die Finalisten erhielten ein tückisch vages Thema als Aufgabe: "Dieses Haus hat eine Vision". Der erste Redner der "Regierung" überraschte die Mitdebattanten mit einem schneidig vorgetragenen Regierungsprogramm, in dem er "das Jahrhundert der Frau" ausrief.

Die erste Oppositionsrednerin parierte ihrem Kommilitonen, indem sie die "Regierung" aufforderte, nicht ein "Jahrhundert der Frauen", sondern ein "Jahrhundert der Menschheit" auszurufen. Gemeinsam mit ihrer Fraktionskollegin, der Jurastudentin Thrin Le, beide aus Münster, gewann Kira Heyden mit diesem Coup der Überbietung schließlich das Finale und den Pokal. Sponsor des Preises, auf dem ein kleiner Hahn Streitkultur und Wachheit symbolisieren soll, war neben der "Zeit" und dem Deutschen Anwaltverein die Gemeinnützige Hertie-Stiftung. Zum besten Redner des gesamten Wettbewerbs wurde der Jurastudent Christoph Busch vom Team Münster I gewählt, der im Finale für seine scharfsinnigen und witzigen Angriffe gegen die "Regierung" mehrfach tosenden Beifall erntete, unter anderem, als er dem "Premier" empfahl: "Rufen Sie nicht das Jahrhundert der Frau aus, rufen Sie Ihre Freundin an!"

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