Gesundheit : Von Lust und Frust der Freier

Warum Männer ins Bordell gehen – eine neue Studie der Humboldt-Uni

Johannes Edelhoff

Für die einen ist sie ein schmutziges Geschäft, für andere völlig normal. Ein boomender Markt ist Prostitution in jedem Fall. Das horizontale Gewerbe erwirtschaftet fast zehnmal so viel Umsatz wie die Musikindustrie. Schätzungsweise 14,5 Milliarden Euro werden jährlich in deutschen Rotlichtvierteln umgesetzt. Die meisten Gelder kommen aus den Portemonnaies heterosexueller Männer.

Entgegen manchem Vorurteil sind die Männer aber nicht hässlich oder kontaktscheu. Bordellgänger sind durchschnittliche Typen, die sich vor allem durch eines auszeichnen: Sie besitzen kein hervorstechendes soziales Merkmal. Trotzdem geht nicht jeder Durchschnittsmann auch zur Prostituierten. Knapp ein Fünftel der Deutschen war einmal bei einer Hure, ergaben Untersuchungen.

Was aber treibt Männer ins Bordell? In einer neuen Freier-Studie unternimmt die Genderwissenschaftlerin Sabine Grenz von der Humboldt-Universität einen Streifzug durch die Kulturgeschichte der Prostitution, gestützt auf Interviews mit 25 Freiern. „Die Geschichten verraten viel über Sexual-Mythen, durch die Sexarbeit erst bedeutsam wird“, sagt die Forscherin.

Dass Männer einen deutlich stärkeren Sexualtrieb haben, ist so ein Mythos. Im Mittelalter wurde der Frau eine viel stärkere Triebhaftigkeit zugeschrieben – als Töchter Evas galten Frauen als sexuell schier unersättlich. Das 19. Jahrhundert entwirft dagegen ein völlig entsexualisiertes Bild von der Frau. Hat sie Sex, dann nur, um die heftigen Triebe ihres Mannes zu befriedigen und um schwanger zu werden. Dieser Mythos des triebhaften Mannes dominiert noch heute die Vorstellung über die Sexualität der Geschlechter. Dabei gibt es keine ernst zu nehmende biologische Studie, die diese These stützen könnte, wie Sabine Grenz sagt. Im Gegenteil: Seit langem gehöre es zum sexualmedizinischen Handbuchwissen, dass die Triebstruktur von Mann und Frau gleich ist. Trotzdem begründen Freier ihre Bordellbesuche mit ihrem vermeintlich starken Trieb. Galten in der Antike junge Männer, die zu Prostituierten gingen, als unbeherrschte Schwächlinge, sind Männer heute stolz auf ihren Drang, der sie zur Sexarbeiterin zwinge.

Wenn dieser vermeintlich extreme Drang aber nur ein Mythos ist – was suchen die Männer dann bei Prostituierten? Geht es um „reinen Sex“, einen bedeutungslosen, stumpfen Geschlechtsverkehr? Ginge es um die reine Triebbefriedigung, würden Männer mit Erektionsproblemen nicht zu Prostituierten gehen. Und die potenten Freier könnten sich stattdessen selbst befriedigen. Doch Masturbation gilt vielen als qualitativ minderwertiger Sex zweiter Klasse. Stattdessen begeben sie sich in einen Raum symbolischer Geschlechterordnung und suchen das Gegengeschlecht. Die Frau, deren unterstellte „natürliche“ Mütterlichkeit sie konsumieren können und bei der sie sich so geben, wie sie sich selbst empfinden. Die Prostituierte ist dabei ein sexuelles Objekt. Sie hat keine eigenen Bedürfnisse, steht sexuell aber zur Verfügung und geht den Geschlechtervorstellungen gemäß eben darin auf.

Und wenn sie es nicht tut? Die Freier, mit denen Grenz gesprochen hat, wünschen als zahlende Kunden eine gute „Bedienung“. Dazu gehören aber offenbar auch echte Emotionen der Prostituierten: Sex ist eine sehr persönliche Angelegenheit. Die meisten von ihr interviewten Männer wünschten sich, dass die Frauen ihre Intimität nicht nur wegen des Geldes annehmen. Ja, Grenz stieß immer wieder auf eine latente Angst der Freier, nicht auch anziehend auf die Prostituierte zu wirken. Sie prahlten mit ihren Fähigkeiten als Liebhaber, berichteten von Orgasmen der Prostituierten oder erklärten, zwischen ihnen und der Prostituierten sei „noch mehr“. In der Tat gebe es ja auch Prostituierte, die eine Beziehung mit ihrem Freier eingingen, sagt Grenz. Unter jenen Männern, denen es aber nicht gelingt, die Hürde zwischen der erkauften Nähe und romantischen Vorstellungen von der Liebe zu überwinden, herrsche nach dem Besuch einer Prostituierten zum Teil Ernüchterung. Nach dem Sex empfinde er manchmal eine Kälte der Frauen, erklärte ein Freier. Danach fühle er sich schlecht. Das hindere ihn aber nicht, weiter nach Gegenseitigkeit zu suchen – bei einer Prostituierten.

Sabine Grenz: (Un)heimliche Lust – über den Konsum sexueller Dienstleistungen, VS Verlag, 256 Seiten, 29,90 Euro. – Das Graduiertenkolleg „Geschlecht als Wissenskategorie“ der HU veranstaltet am 17. und 18. März eine Fachtagung mit Vorträgen zum Thema und einer Stadtführung zur Geschichte der Prostitution in Berlin. Mehr unter www.geschlecht-als-wissenskategorie.de

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