Haarmode in Afrika : 43 Grad – die Frisur sitzt

Es dauert Stunden, es ist teuer, und manchmal tut es ganz schön weh: Wenn sich Frauen in Afrika die Haare richten lassen, entsteht Kunst. Beobachtungen in den Salons von Ghana.

von
Arbeitsintensiv. Diana zeigt ihre Frisur „Palmbranch“.Weitere Bilder anzeigen
Foto: Philipp Lichterbeck
14.08.2012 14:35Arbeitsintensiv. Diana zeigt ihre Frisur „Palmbranch“.

Vor Mary’s Hair Clinic findet eine Operation statt. Fünf Frauen stehen um die Patientin herum, ziehen an ihren Haaren, kämmen, flechten, straffen und streicheln sie. Eine sechste reicht künstliche Strähnen. Seit über einer Stunde geht das schon so. „Na, mindestens zwei, drei Stunden brauchen wir noch“, sagt Benedicta, die Chef-Flechterin, „wird ein Twist, ist gerade sehr angesagt“. Von der Patientin, die mit geschlossenen Augen auf einem Plastikstuhl ausharrt, ist ein leises Stöhnen zu vernehmen.

Mary’s Hair Clinic liegt mitten in Accra, der quirlig-brütenden Hauptstadt Ghanas. Der Friseurladen ist einer von zehntausenden Salons, die die westafrikanische Metropole zu einem Zentrum der afrikanischen Haarmode gemacht haben. Ihre Zahl hat sich seit Ende der 90er mehr als verdoppelt, wie sogar akademische Studien ergeben haben. Keine Straße, kein Strand, kein Markt mehr ohne kiosk, wie die oft in bunten Holzverschlägen untergebrachten Läden heißen. In ihnen werden immer neue Ideen zur Haargestaltung ausprobiert, die Vielfalt der Frisuren ist ins Unendliche gewachsen. Wobei es sich ja meist gar nicht mehr um Frisuren handelt, sondern um kleine Kunstwerke.

Noch vor nicht allzu langer Zeit nahmen viele schwarze Frauen ihr Haar als problematisch wahr. Mithilfe von teils aggressiven Chemikalien versuchten sie, ihre Naturkrause zu glätten und so dem „weißen“ Schönheitsideal zu entsprechen. Jetzt aber erlebt sogar der Afro seine längst überfällige Renaissance. Von New York bis Accra, von Dakar bis Paris, von Lagos bis London: Das kreative Potential steht im Vordergrund.

Mary’s Hair Clinic ist in einem geduckten Betonbau untergebracht. Der Salon besteht aus fünf Stühlen und drei Trockenhauben. In den Regalen stapeln sich Tuben mit „Hair Relaxing“-Cremes. An der Wand hängen Haarteile von Firmen wie Darling oder Diva. Jemand hat ein Poster aufgehängt: „Future Queens!“ Ein Schild neben dem Eingang verkündet „Dark & Beautiful“. Weil im Salon also wenig Platz ist, kriegt Rashida ihren Twist im Schatten eines Baums verpasst. Beim Twist werden in die wenige Zentimeter langen Haare unzählige Mikrozöpfe eingeflochten. Die Länge ist beliebig, kann bis zu einem Meter betragen. Alle Frauen, die hier flechten, sind Azubis.

Von einem wahren Run auf die Ausbildung unter Frauen mit einfacher Bildung berichten Soziologen. Sie würden Haargestaltung als angesagte und anspruchsvolle Tätigkeit wahrnehmen, bei der Frauen unter sich blieben, was sie als angenehm empfinden. Es gebe weder männliche Friseure noch spezifische Frisuren für Männer, was sich bei einer Reise durch Ghana leicht bestätigen lässt.

0 Kommentare

Neuester Kommentar