Kampf dem Hunger : Ebola trifft in Sierra Leone die Ärmsten

Fast jeder zweite Mensch in Sierra Leone leidet an Hunger, seitdem Ebola die Wirtschaft geschwächt hat. Lebensmittellieferungen lindern die grundlegenden Probleme in dem westafrikanischen Staat nur vorübergehend.

Ein an Ebola Erkrankter und ein Arzt in Sierra Leone. Foto: dpa
Ein an Ebola Erkrankter und ein Arzt in Sierra Leone.Foto: dpa

Aminata Kamara ist drei Jahre alt - und steht schon ziemlich alleine da. In weniger als sechs Monaten hat das Mädchen im Zuge der Ebola-Epidemie 14 Familienangehörige verloren, darunter ihre Mutter, ihren Vater sowie zwei Brüder. Nun lebt die Kleine bei einer Cousine, die sie in ihre bescheidene Hütte in einem Vorort der Hauptstadt Freetown aufgenommen hat. Ihr Besitz besteht gerade mal aus einem Spiegel und einem alten Sofa, das sich beide als Schlafplatz teilen.

„Es ist ein Wunder, dass sie noch unter uns ist“, sagt Paulyanna Kanu, Kinderbeauftragte bei Family Homes Movement (FHM). Die Wohltätigkeitsorganisation unterstützt Aminata mit Lebensmitteln wie Reis, Öl und Sardinen.
Sierra Leone ist neben Guinea und Liberia das am schwersten von Ebola betroffene Land. Fast 11 000 Menschen sind dort mit dem Virus infiziert, mehr als 3300 Erkrankte starben bereits in der westafrikanischen Nation. Meldet ein Haushalt einen Ebola-Fall, werden die Bewohner für mindestens 21 Tage - die offizielle Inkubationszeit - unter Quarantäne gestellt. Viele Häuser traf dieses Schicksal schon mehrfach. Mitunter sind die betroffenen Menschen dann über Wochen oder gar Monate von der Außenwelt abgeschnitten. Denn wer unter Quarantäne steht, kann weder zur Arbeit noch Einkaufen gehen.

Kinder ohne Eltern in Quarantäne

Erst kürzlich stellte das gerade mal sechs Millionen Einwohner zählende Sierra Leone noch 700 Haushalte in der Hauptstadt unter Quarantäne. Zuvor hatte die Weltgesundheitsorganisation WHO von einer Zunahme der Infektionen in der früheren britischen Kolonie berichtet. „Es bricht einem das Herz, Kinder, die ihre Eltern verloren haben, in Quarantäne zu sehen“, sagt Patrick Mahoi, der für die Hilfsorganisation Plan International in Sierra Leone arbeitet. Allein das Äußere der Kinder verrate, wie schwach und bedürftig diese seien, hat er festgestellt.

Ein Grund für die Ausbreitung der Seuche ist der Hunger der Menschen, die immer wieder auf eigene Faust versuchen müssen, Nahrung zu beschaffen. „Ich bin mehrere Male aus der Quarantäne geflohen, weil ich etwas zu Essen brauchte“, berichtete ein junger Mann den Helfern von Plan International. „Ich wusste, dass das riskant ist. Aber seit es diese Lebensmittellieferungen gibt, kann ich endlich zu Hause bleiben.“

Obwohl Sierra Leone eigentlich reich gesegnet ist mit Rohstoffen, hat ein jahrelanger Bürgerkrieg Wirtschaft und Infrastruktur schwer in Mitleidenschaft gezogen. Auf dem Human Development Index der Vereinten Nationen rangiert die kleine Nation gerade mal an 183.

Stelle - von 195 Ländern. In kaum einem Land auf der Welt herrscht eine solch ausgeprägte Unterernährung, hat das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen ermittelt. Ebola hat das ohnehin schon arme Land nach Feststellung der Weltbank noch ärmer gemacht.

Die Nahrungsmittelproduktion nimmt ab

Besonders betroffen ist dabei die Landwirtschaft. Die UN-Organisation für Ernährung und Landwirtschaft (FAO) warnte bereits, die Produktion von Hauptnahrungsmitteln wie Reis könne in diesem Jahr um bis zu acht Prozent abnehmen. „Der Ausbruch hat die Anfälligkeit der gegenwärtigen Nahrungsmittelproduktion deutlich gemacht“, sagte der für Afrika zuständige FAO-Repräsentant Bukar Tijani.

Seit Mai vergangenen Jahres hat das Welternährungsprogramm mehr als 1,4 Millionen Sierraleoner mit Lebensmitteln versorgt, darunter in Behandlung befindliche Patienten oder auch ganze in Quarantäne sitzende Familien sowie entlassene Ebola-Patienten. Viele Organisationen haben sich an der Verteilung von Nahrung beteiligt.

Die Regierung ist sich sehr wohl der Tatsache bewusst, dass dies nur eine vorübergehende Lösung darstellt, denn Lebensmittellieferungen verringern die tiefgreifenden wirtschaftlichen Probleme nicht. „Wir müssen Maßnahmen ergreifen, um wirtschaftlichen und sozialen Aufschwung zu ermöglichen“, kündigte Präsident Ernest Bai Koroma Ende Januar im Staatsfernsehen an. Der erste Schritt sei daher eine Reduzierung der Ebola-Fälle bis Mitte April auf Null, sagte Koroma. Doch welche Maßnahmen er zur Wiederankurbelung der Wirtschaft plant, das ließ der Präsident offen. (dpa)

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