Kreditkarteninformationen : Firmen sagen Ehescheidungen voraus

Aufgrund von Kreditkartenrechnungen prognostizieren Datenexperten das Privatleben der Kunden. Das Ausspähen und die Schlussfolgerungen solcher Datenspuren sind ein Riesengeschäft.

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Frauen und Männer wissen oft nicht, wann ihre Ehe oder feste Beziehung in die Brüche gehen wird. Aber ihre Kreditkartenfirma weiß es möglicherweise erstaunlich genau. Es ist eine Horrorvorstellung, aber sie ist längst Realität. Es gibt Spezialfirmen, die für Unternehmen Prognosen aufstellen, wie sich das Privatleben der Kunden entwickeln wird. Die Kreditkartenfirmen dementieren, solche Dienste in Anspruch zu nehmen. Die Spezialfirmen, die Profile erstellen, sind dafür umso gesprächiger. Sie analysieren Kontobewegungen, wer was kauft, und wofür Rechnungen bezahlt. Diese Firmen geben ihr Spezialwissen nicht ganz preis, aber es gibt Kriterien dafür, wenn sich ein Paar entfremdet. Beispielsweise, wenn einer sich bei einer Partnervermittlung im Internet anmeldet und dafür mit der Kreditkarte Geld überweist.

Dass Kreditkartenunternehmen die Zukunft privater Beziehungen prognostizieren, wurde durch das Buch „Super Crunchers“ von Ian Ayres bekannt, einem Rechtsprofessor in Yale. Als Motiv der Kreditindustrie gab er an: „Kreditkartengesellschaften interessieren sich nicht für die Scheidung selbst, sie sorgen sich darum, ob der Kunde dann noch seine Kreditkartenschulden begleichen kann.“ Scheidungen führen oft zu finanziellen Schwierigkeiten, so kann eine solche Prognose Teil der Risikokalkulation sein.

Das Ausspähen des Kunden und die Schlussfolgerungen für sein künftiges Verhalten sind ein Riesengeschäft. Viele Unternehmen sammeln detaillierte Informationen über ihre Kunden, um daraus Nutzerprofile zu erstellen. Die Profile lassen auch Rückschlüsse zu, welche Produkte bei den Kunden besonders ankommen.

Das US-Portal „thedailybeast.com“ berichtet, dass Informationen aus Plattformen und sozialen Netzwerken im Internet, versehen mit Nutzerdaten und freiwilligen Angaben, es möglich machen, dass mit einer bis zu 90-prozentigen Wahrscheinlichkeit vorausgesagt werden kann, wo eine Person in Zukunft leben wird. Was aber passiert, wenn damit nicht nur Nutzerprofile angelegt werden, sondern auch Vorhersagen mit hoher Wahrscheinlichkeit getroffen werden, wie sich die Person in Zukunft entscheidet, oder welche Umstände auf einen Wohnungswechsel oder eine Scheidung schließen lassen?

Durch Prüfen der getätigten Kreditkarteneinkäufe einer Person lassen sich Schlussfolgerungen ziehen, Geschäftspartner können dann dem Kunden Angebote machen, die möglichst passend zur konkreten Lebenslage passen.

Auch in Deutschland ist die Vorhersagbarkeit von Kundenverhalten weit fortgeschritten. Die Technik dazu liefert sogenanntes Data-Mining, also das Schürfen nach Erkenntnissen in einem großen Datenbestand. Dabei nutzen die Firmen die Kundendaten zu Marketing- oder Werbezwecken. Mathias Bauer, Geschäftsführer der Mineway GmbH, einer Firma, die sich auf die Analyse von Daten spezialisiert hat, nennt ein Beispiel für die Verknüpfung von Kundenprofilen und Konsumvorhersagen: „Wenn ich Ihren Büchergeschmack kenne und Sie sich für Bildbände von Urlaubszielen und Krimis interessieren, kann ich mit hoher Wahrscheinlichkeit sagen, ob sie sich für eine Neuerscheinung interessieren oder nicht.“ Notwendig dazu ist eine strukturierte Wissensbasis über Büchergenres und die wichtigsten Autoren der jeweiligen Genres. Mathias Bauer: „Diese Möglichkeiten werden auch in Deutschland bereits angeboten, beispielsweise durch die Nutzung von Kreditkarteninformationen und Payback-Karten.“ Dabei geht es immer um die Informationen über Aktivitäten auf verschiedenen Teilmärkten und ihre Verknüpfung zu bestimmten Merkmalen. Zum Beispiel durch Angaben wie Alter, Wohnort oder der Frage nach der Berufstätigkeit. Einzelne Merkmale allein ergeben noch kein klares Bild. Zusammen fügen sie sich jedoch zu einem Kundenprofil zusammen, das wiederum Rückschlüsse über das voraussichtliche Kaufverhalten zulässt.

Aber die Grenzen der Datensammlung sind noch längst nicht erreicht. Nach Einschätzung des Mineway-Geschäftsführers lässt sich mit einer Verknüpfung vieler Einzelinformationen sogar eine Scheidung oder Trennung eines Nutzers vorhersagen. Mathias Bauer: „Wenn ich Dinge über das Privatleben herausfinden will, brauche ich noch andere Informationen, dann ist es z. B. wichtig, ob derjenige kürzlich ein Konto bei einer Partnervermittlungsbörse wie Parship eröffnet, oder eine Partnerschaftsanzeige im Internet eingestellt hat.“ Das sind Informationen, die dann zusammenfließen. Oder das Beispiel Versandhandel. Hier gibt es längst Vorhersagemodelle, die das Risiko für Zahlungsausfälle aufgrund von demografischen Daten vorhersagen. Besitzt man Informationen über Alter, Wohnort, Beruf und Kinder, vergleicht man diese mit den Daten von Personen, die in einer ähnlichen Situation sind und schaut, wie oft in diesem Personenkreis die Zahlungen ausgefallen sind. Diese Daten stammen oftmals von Datenhändlern, die diese zum Verkauf anbieten.

Georgios Tsantes ist Produktmanager und vertreibt Data-Mining-Produkte der Firma Additive Soft- und Hardware für Technik und Wissenschaft GmbH. Er beschreibt die Vorgehensweise: „Erst mal sammelt man alle Informationen, die man kriegen kann, um dann daraus ein Prognosemodell zu entwickeln.“ Und er führt weiter aus: „Durch die Verknüpfung mehrerer Datenbanken, wie Wohnort, Konsumverhalten, Postleitzahlen, Verdienst, Alter, Familienstand, kann sich ein umfassendes Gesamtbild ergeben. Je mehr Daten man zur Verfügung hat, desto wahrscheinlicher ist es, dass wir irgendwelche Muster erkennen können.“ Anschließend wandelt man diese Muster in Prognosemodelle um. Damit lässt sich dann das Konsumverhalten voraussagen. Der Grund, warum Firmen so viel Aufwand betreiben, um an die Kundendaten zu kommen, ist je nach Branche unterschiedlich. Georgios Tsantes: „Letztendlich geht es immer darum, gezielt Kosten einzusparen oder effizienter zu arbeiten. Bei Versicherungen oder Kreditfirmen geht es darum, Risiken zu minimieren.“

Was also macht eine Kreditkartenfirma mit den Daten ihrer Nutzer? Das Kreditkartenunternehmen Visa dementiert auf Nachfrage, die Kundendaten zu kennen, und verweist stattdessen auf die kooperierenden Mitgliedsbanken, die die Kreditkarten an die Bankkunden ausgeben. Visa-Sprecherin Britta-Julia Schöning: „Visa Europe ist nicht in der Lage, kundenspezifische Daten zu sammeln und daraus individuelle Prognosen abzuleiten.“ Nachfrage bei der Deutschen Bank. Christian Hotz, Sprecher für die Region Nordost, verweist auf das persönliche Kundengespräch: „Wir sammeln Informationen, die vom Kunden kommen, zentralisieren sie aber nicht“. Auch beim Thema Kreditvergabe steht der Einzelfall im Vordergrund: „Eine zentral zusammengefasste Prognose gibt es nicht, wir müssen bei Krediten zwar gewisse Vorhersagen machen, aber die Möglichkeiten sind begrenzt.“