Kriminalität : Geheim und unsichtbar

Organisierte Kriminalität in Deutschland – wer gehört dazu? Eine Übersicht über Clans, Banden, Netzwerke, weiße Kragen und ihre Aktivitäten.

Torben Waleczek

Italienische Gastronomen rufen in Berlin zum Kampf gegen Schutzgelderpressung auf, Bayerns Innenminister Günther Beckstein stuft am gleichen Tag die Mafia als „ernsthafte Bedrohung" ein – nach der Bluttat von Duisburg ist das Organisierte Verbrechen, unter Experten kurz als „OK“ bezeichnet, das große Thema in Deutschland. Italiener und Osteuropäer, Rocker und Araber, Bänker und Apotheker – die Verflechtungen reichen in ganz unterschiedliche Bereiche des gesellschaftlichen Lebens. Das macht die Beschreibung der Organisierten Kriminalität kompliziert, zumal alle Gruppen im Geheimen agieren und die Öffentlichkeit vermeiden. „Die einzelnen Milieus sind sehr diffus und die offiziellen Lagebilder zeigen stets nur Momentaufnahmen“, sagt der Wissenschaftler Klaus von Lampe von der Freien Universität Berlin, der im Rahmen eines EU-Projekts das Organisierte Verbrechen in Deutschland erforscht. Zahlen und Statistiken seien daher immer mit Vorsicht zu genießen. Trotzdem gilt: die Berichte der Experten, des Bundeskriminalamts (BKA) und der Verfassungsschützer lassen Strukturen erahnen. Der Tagesspiegel stellt die wichtigsten Gruppen der Organisierten Kriminalität und ihre Aktivitäten in Deutschland vor.

’Ndrangheta

Die ’Ndrangheta aus der italienischen Region Kalabrien gilt heute als die mächtigste Mafia-Organisation Europas. Nach Expertenschätzungen sind rund 1200 Mitglieder der Gruppe in Deutschland aktiv, vor allem im Ruhrgebiet und in einigen ostdeutschen Großstädten wie Leipzig und Erfurt. Die wichtigste Geldquelle der ’Ndrangheta ist der Handel mit Kokain, der Jahresumsatz liegt angeblich bei 30 Milliarden Euro. Ihre Geschäfte betreibt die ’Ndrangheta normalerweise sehr diskret. Der Mordfall von Duisburg war offenbar das Ergebnis einer claninternen Blut-Fehde und keine Maßnahme im Kampf um neues Territorium.

Camorra

Seit etwa 20 Jahren ist die Camorra aus Neapel in Deutschland aktiv. Der Name „Camorra" bedeutet „Streit" oder „Prügelei". Zusammen mit der ’Ndrangheta soll die Mafia-Gruppe weite Bereiche der ostdeutschen Bauindustrie kontrollieren. Daneben werden auch im Ruhrgebiet, in Bayern und Baden-Württemberg Mitglieder der Camorra vermutet.

Cosa Nostra

Die älteste italienische Mafia-Gruppe ist die Cosa Nostra aus Sizilien. In Deutschland wurde 2006 laut BKA gegen fünf Verbrechergruppen ermittelt, die mit der Cosa Nostra in Verbindung stehen sollen. Nach einer Reihe von Fahndungserfolgen hat die Cosa Nostra seit den 90er Jahren aber an Einfluss verloren.

Deutsche Rocker-Banden

Auch die Motorrad-Rocker mischen kräftig mit im organisierten Verbrechen. Zu den berüchtigtsten Banden zählen die „Hells Angels" und die „Bandidos". Gegründet wurden beide Gruppen in den USA – aber auch in Deutschland sind sie mit starken Regionalorganisationen vertreten, den so genannten „chapters". Das Kerngeschäft der Motorrad-Rocker ist der Handel mit synthetischen Drogen, besonders Amphetamine. Da die Rocker in vielen Großstädten das Rotlichtmilieu und die Türsteherszene dominieren, kontrollieren sie gleichzeitig den Drogenhandel in Clubs und Discotheken. Die Anwendung von Gewalt zählt zu den Wesensmerkmalen der Biker-Kultur, jedoch sind nicht alle Bandenmitglieder verstrickt in die Organisierte Kriminalität.

Türkische und arabische Großfamilien

Konkurrenz im Kampf um die Disco-Tür bekommen die Rocker von Familienclans aus der Türkei und dem Libanon. Regionalschwerpunkte dieser Familien liegen in Berlin und Hamburg. Türken bilden nach Einschätzung des BKA die größte ausländische Tätergruppe im Bereich der Organisierten Kriminalität. Neben ihren Aktivitäten im Nachtleben sind türkische Gruppen besonders im Heroinhandel tätig. Mit einem gut funktionierenden Logistiksystem schmuggeln sie das Rauschgift aus der Türkei über die Balkanroute nach Deutschland und verkaufen es hier weiter.

Vietnamesen-Banden

Eine stark abgeschottete Verbrechergruppe bilden die Vietnamesen-Banden. Am üblichen Konkurrenzkampf der OK-Gruppen im Nachtleben sind die Vietnamesen nicht beteiligt. Ihre wichtigsten Geschäftsfelder sind der Zigarettenhandel und die Schleusung von illegalen Einwanderern nach Deutschland. Experten beobachten neuerdings verstärkte Aktivitäten der Vietnamesen im Geschäft mit der Prostitution.

Triaden

Am Schleusergeschäft sind neben Vietnamesen auch die chinesischen Triaden beteiligt. Die Wurzeln der Chinesen-Mafia liegen im 18. Jahrhundert. Heute sind die Triaden weltweit aktiv, seit den 90er Jahren treten sie auch in Deutschland in Erscheinung. Sie betreiben Kreditkartenbetrug und erpressen Schutzgeld in chinesischen Restaurants. Innerhalb der Triaden gibt es strenge Hierarchiestufen und formalisierte Aufnahmeriten. Die Organisation dient ihren Mitgliedern als sozialer Zusammenhalt und zur friedlichen Beilegung von internen Konflikten.

Rumänen-Banden

Die rumänischen Banden sind rein gewinnorientiert und organisieren sich wie eigene Wirtschaftsunternehmen, Ehrenkodex und Zusammengehörigkeitsgefühl spielen bei den Rumänen kaum eine Rolle. Innerhalb der Gruppen herrschen Arbeitsteilung und klare Hierarchien, die Arbeitgeber-Arbeitnehmer-Verhältnissen ähneln. Die Banden formieren sich zumeist außerhalb Deutschlands und klappern auf ihren Raubzügen dann ein Bundesland nach dem anderen ab. Sie plündern Juwelierläden, brechen in Privatwohnungen ein oder reißen mit dem Auto EC-Automaten aus ihrer Verankerung. Auch am Hütchen-Spiel, bei dem leichtsinnige Passanten um ihr Geld betrogen werden, sind Rumänen maßgeblich beteiligt.



Russen-Mafia

Russische Banden betätigen sich in den Bereichen Autodiebstahl, Geldwäsche und Menschenhandel. Unter den Tätern sind nicht nur russische Staatsbürger, sondern auch viele Russlanddeutsche – mit Schwerpunkten in Bayern und Niedersachsen. Einige Mitglieder dieser Gruppen gehören dem Verbrechersyndikat „Vory v Sakonje“ an, zu Deutsch „Diebe im Gesetz". Entstanden als Widerstandsbewegung im sowjetischen Gulag-System, betreibt die „Vory v Sakonje“ heute Organisierte Kriminalität. Ein besonderes Kennzeichnen der Gruppe ist ihr weit gehender Verzicht auf Gewalt.

Tschetschenische Banden

Anfang der 90er Jahre waren sie für ihre extreme Brutalität bekannt, heute spielen sie keine wichtige Rolle mehr.

Mittelstands- und Elitenkriminalität

Zum organisierten Verbrechen zählen Experten auch die so genannte Mittelstands- und Elitenkriminalität, die überwiegend von Deutschen betrieben wird. Ein Beispiel für mittelständische Kriminalität ist der Kapitalanlagenbetrug. Dabei versprechen die Gründer windiger Anlagefonds ihren Kunden gewaltige Renditen – zum Beispiel für schrottreife Immobilien. Das Geld der geprellten Anleger wirtschaften die Täter über Verwaltungsgebühren und Provisionen in die eigene Tasche. Im Gesundheitswesen grassiert daneben der Abrechnungsbetrug. Kriminelle Verbindungen unter Ärzten und Apothekern rechnen bei den Krankenkassen die Kosten für fiktive Patienten und Behandlungen ab – zulasten der Versicherten. In den Bereich der Elitenkriminalität fallen auch Kartellabsprachen, Vorteilsvergaben und illegale Parteispenden.

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