Krise in Europa : Gestrandet auf Mallorca

Viele Aussteiger scheitern – einige werden obdachlos: Zehn Deutsche starben allein in diesem Jahr in der Fremde. Die Armenküchen sind inzwischen nicht mehr groß genug für alle Bedürftigen.

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Wenn das Geld nicht reicht. Die Hilfsorganisation Zaqueo zählt immer mehr Kunden in ihrer Armenküche auf Mallorca. Die Arbeitslosigkeit liegt bei 28 Prozent.
Wenn das Geld nicht reicht. Die Hilfsorganisation Zaqueo zählt immer mehr Kunden in ihrer Armenküche auf Mallorca. Die...Foto: AFP

Sie kamen als Auswanderer und Aussteiger. Mit der Illusion im Gepäck, unter Mallorcas Sonne einen Job zu finden und ein neues Leben anzufangen. Doch nicht alle schafften das. Etliche Deutsche sind im berühmten spanischen Urlaubsparadies gestrandet und abgerutscht. Leben heute auf der Straße, schlafen auf der Parkbank oder sogar in Felslöchern.

Spaniens tiefe Wirtschaftskrise trägt dazu bei, dass die Zahl der Wohnungslosen auf der Mittelmeerinsel wächst und die Not immer schlimmer wird – die Armenküchen füllen sich. Seit Jahresbeginn starben bereits zehn deutsche Obdachlose auf Mallorca. Für sie endete der Aufenthalt auf der Trauminsel im Mittelmeer mit einem Armenbegräbnis auf der Insel.

So wie für den 56-jährigen Karl Uwe K., der in einem Abwasserrohr in der Nähe des bekannten Touristenortes Soller im Nordwesten Mallorcas hauste. Zwischen Abfall, Sperrmüll und Kartons. „Charly“ nannten die Bewohner des Viertels den deutschen Heimatlosen, der auf der Straße selbstgemalte Bilder verkaufte. Manchmal saß er mit seinem Hund „Señor Roberto“ vor einem nahen Supermarkt, wo ihm die Leute Essen oder eine Münze zusteckten. Zuletzt war er krank und schwach auf den Beinen. Konnte sich offenbar nicht mehr wehren, als ihn in seiner Elendsbehausung Ratten attackierten. Irgendwann wurde er bewusstlos gefunden. Der ganze Körper war mit Bissen übersät. „Er lag auf dem Boden und befand sich in furchtbarem Zustand“, erinnert sich ein Anwohner, der mit einer Taschenlampe in das Abwasserloch gestiegen war, nachdem „Charly“ schon tagelang nicht mehr gesehen worden war. Doch die Hilfe kam zu spät. Wenig später starb der Obdachlose in einem Krankenhaus.

Ein Traum. Viele Ausländer flüchten regelrecht auf die Urlaubsinsel Mallorca. Doch nicht alle schaffen es, sich dort ein Leben aufzubauen.
Ein Traum. Viele Ausländer flüchten regelrecht auf die Urlaubsinsel Mallorca. Doch nicht alle schaffen es, sich dort ein Leben...Foto: dpa

Schon vor Monaten hatten Sozialarbeiter der Gemeinde Soller versucht, dem verwahrlosten Mann zu helfen, der seit gut einem Jahr in der großen Abwasserröhre unter der Hauptstraße lebte. Sie wollten ihm eine Unterkunft besorgen. Doch er weigerte sich, sein Vagabundenleben aufzugeben. „Er wollte nichts von uns wissen. Wir konnten nichts für ihn tun“, berichtet Antoni Arbona, der im Rathaus für die Sozialfälle zuständig ist.

Der Horrortod des deutschen Landstreichers schockte die Insel und erinnerte daran, dass hier hunderte europäische Auswanderer scheitern und sich auf der Straße durchschlagen. Sie schlafen unter Brücken, in Hausruinen, in Parks und im Sommer auch am Strand. Manche haben sich in der Umgebung des Flughafens von Palma eingerichtet, leben von Spenden sowie Abfällen der Reisenden. Helfer schätzen, dass auf der Insel etwa 100 deutsche Vagabunden leben, davon vielleicht 50 in Palma. Doch genaue Zahlen existieren nicht. Man weiß nur, dass es immer mehr Gestrauchelte gibt. Das Rote Kreuz, das sich in Palma (400 000 Einwohner) um die Wohnungslosen kümmert, zählte im Jahr 2012 etwa 900 Obdachlose – so viele wie noch nie. Knapp die Hälfte sind Ausländer.

Immer öfter geschieht es, dass die Armenverpflegung der Rot-Kreuz-Helfer und der Suppenküchen in Palma nicht für alle reicht. Jobs gibt es nicht viele. Die spanische Wirtschaftsmisere hat auch Mallorca fest im Griff. Die Arbeitslosigkeit liegt bei dramatischen 28 Prozent. Trotzdem wollen die meisten ausländischen Obdachlosen nicht in die Heimat zurück. Viele sind psychisch angeschlagen, haben zu Hause alle Brücken abgebrochen, wo sie oft schon in der Krise steckten oder vor ihren Problemen, oft auch vor Schulden, geflohen sind.

„Viele von ihnen sind Drogensüchtige, Alkoholkranke, Ex-Strafgefangene“, beschreibt die Hilfsorganisation Zaqueo ihre etwa 250 mittellosen Kunden, die täglich in der Armenküche in Palmas Zentrum vorbeischauen. Inzwischen kämen aber auch immer mehr ganz normale Arbeitslose, die nicht mehr über die Runden kommen. Alle hätten eines gemein: „Sie sind vom Schicksal gebeutelt – einsam und verlassen.“ Nur wenige deutsche Pechvögel klopfen beim Konsulat in Palma an und bitten um Hilfe. Aus Scham, oder weil sie den Kontakt mit den Behörden eher meiden. Vielleicht auch, weil sie ahnen, dass sie vom deutschen Staat keinen Scheck erwarten können, um ihre finanziellen Probleme zu lindern. Aber die Konsularbeamten bemühen sich in jedem Falle um Rat und Lösungen, etwa indem sie Kontakt zu Hilfsorganisationen oder Familienangehörigen herstellen. So gelingt es zuweilen sogar mit vereinter Kraft, einen abgestürzten deutschen Unglücksraben in die Heimat zurückzuholen. Doch das ist offenbar eher die Ausnahme.

Die meisten Vagabunden scheinen vorzuziehen, in armseligen Umständen auf der Mittelmeerinsel im Süden Europas zu hausen, statt in die raue Wirklichkeit im Norden zurückzukehren. So wie jene Obdachlosen, die sich ziemlich häuslich auf dem alten Busparkplatz in der Nähe der Altstadt Palmas eingerichtet haben. Mit Matratzen und Plastiktüten. Auch ein paar Tische und Stühle haben sie aufgetrieben. Wäscheleinen hängen zwischen Bäumen. Ein Blumentopf auf dem Boden.

Sogar ihr „Speisesaal“ ist ganz in der Nähe. Im Kloster des Kapuzinerordens an der „Plaza de España“ gibt es Lebensmittelpakete. Essensspenden, die von den Ordensleuten als „Brot des Sankt Anton“ an die Armen verteilt werden. Dem Heiligen Antonius sei gedankt.

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